abrdn: China im Kontext

abrdn: China im Kontext

Die Öffnung der inländischen Kapitalmärkte Chinas hält sowohl Chancen als auch Herausforderungen für globale Anleger bereit. Zuletzt haben die regulatorischen Änderungen die Meinungsverschiedenheiten verstärkt.

23.11.2021 | 08:07 Uhr

Einige Beobachter argumentieren, dass internationale Anleger das Land gänzlich meiden sollten. Grund dafür sehen sie zum Beispiel in vermeintlichen Menschenrechtsverletzungen oder Risiken, die sich aus der autokratischen Haltung der Regierung ergeben. Andere wiederum heben das einzigartige wirtschaftliche und politische Modell des Landes als nachhaltige Form der Regierungsführung hervor, mit dem China in der Lage ist, die politische Starre zu umgehen, welche die Entscheidungsträger in einigen westlichen Ländern plagt.

Was jedoch allgemein anerkannt werden muss, ist die Tatsache, dass Chinas Einparteiensystem Reformen durchgesetzt hat, die über 850 Millionen Menschen aus der Armut befreit haben.1 China, das 1980 noch ein verarmtes, landwirtschaftlich geprägtes Land war, wird innerhalb eines Jahrzehnts zur weltweit größten Volkswirtschaft aufsteigen.2

Ein großer Teil der chinesischen Bevölkerung gehört mittlerweile der Mittelschicht an und konsumiert immer mehr Produkte und Dienstleistungen. Durch meine regelmäßigen Besuche des Landes vor der Pandemie und die Gespräche mit unseren Teams vor Ort kann ich bestätigen, dass die Chinesen den steigenden Lebensstandard infolge der politischen Reformen allgemein zu schätzen wissen. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass jede politische Entscheidung mitgetragen wird oder dass wirtschaftliche und soziale Veränderung gänzlich ohne Turbulenzen erfolgen.

Angesichts der halsbrecherischen Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung Chinas vonstattengeht, gestalten sich die wirtschaftlichen Beziehungen des Landes mit dem Rest der Welt sowie innerhalb seiner eigenen Grenzen nun zwangsläufig komplexer. Infolge des rasanten Wirtschaftswachstums haben überdies die Einkommens- und Vermögensungleichgewichte im Inland zugenommen. Dies ist für die Regierung von allerhöchster Bedeutung, da es eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität darstellt.

Doch China sieht sich der Herausforderung einer gleichmäßigeren Verteilung des Wohlstandes nicht allein gegenüber. Der zunehmende Populismus ist ein Beweis dafür, dass auch der Westen mit Problemen in Bezug auf Ungleichheit konfrontiert ist. Was weltweit jedoch weniger thematisiert wird, ist die Tatsache, dass China allmählich Maßnahmen zur Behebung dieser Probleme ergreift.

Peking fordert die politischen Entscheidungsträger auf, mehr zu tun, um für gleiche Bedingungen für alle zu sorgen, indem Grundbedürfnisse wie Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnraum erschwinglicher und zugänglicher gemacht werden. Zwar muss noch einiges getan werden. Die Richtung, in die im Rahmen des „gemeinsamen Wohlstands“ hingewirkt werden soll, ist jedoch klar.

Heute droht die Debatte um die mit China verbundenen Risiken, die Lager zu spalten: Die einen plädieren für Anlagen in blindem Vertrauen, die anderen dafür, überhaupt keine Investments zu tätigen. Ein Blick auf die Nutznießer des zunehmenden Wohlstands in China sorgt für gewisse Klarheit. Im Schnitt erzielen S&P-500-Unternehmen beachtliche 18% ihres Umsatzes in China.3

So zum Beispiel Apple. Der US-Technologiekonzern erwirtschaftet beinahe 20% seines Umsatzes in der Region Greater China4 und verkauft jährlich Millionen an iPhones auf dem chinesischen Festland. Apple gehört zu den am häufigsten gehaltenen Aktienunternehmen in den USA, dessen Kursgewinne Millionen Menschen bereichert haben. Offenkundig profitiert das Unternehmen von der Politik in China. Bedeutet das, dass US-Anleger aufhören sollten, Apple-Aktien zu kaufen?

Ein weiteres Beispiel ist das in Großbritannien notierte Unternehmen Unilever. Der multinationale Konsumgüterkonzern, der zahlreiche Produkte von Eiscreme über Tee und Deodorant bis hin zu Haarpflegeprodukten herstellt und in China vertreibt, macht 5% des FTSE 100 aus.5 Die wachsende Mittelschicht in China trägt wesentlich zu den Umsätzen des Unternehmens bei. Als Folge sind britische Rentner, die Unilever-Anteile im Rahmen ihrer Vorsorgepläne halten, ebenfalls Nutznießer der von der chinesischen Regierung verfolgten Politik. Sollten sie also von einer Anlage absehen?

Diese Beispiele verdeutlichen die komplexe Vernetzung der globalen Märkte. Forderungen, Anlagen in China gänzlich zu meiden, entsprechen somit nicht der wirtschaftlichen Realität. China vollständig außer Acht zu lassen, würde bedeuten, dem globalen Markplatz den Rücken zu kehren, da sich die Anleger – um konsequent zu sein – von jeglichem Exposure gegenüber der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft trennen müssten.

abrdn legt seit 1992 in chinesische Wertpapiere an. Dabei haben wir stets Vorsicht walten lassen und eine sorgfältige Due Diligence durchgeführt, während sich der Marktzugang und die Standards in Bezug auf ökologische, soziale und Governance-Belange (ESG-Standards) schrittweise verbessert haben.

Als große, globale Investmentgesellschaft mit starker Präsenz in Asien sehen wir uns in der Rolle eines zuverlässigen Wegweisers für unsere Kunden, indem wir Unternehmen meiden, die klar definierte Grenzen überschreiten – beispielsweise solche, in deren Lieferketten es zu Rechtsverletzungen kommt oder die gegen wesentliche ESG-Standards verstoßen.

Mittels eines aktiven Ansatzes bewältigen wir die mit einem so komplexen Markt wie China verbundenen Herausforderungen, indem wir Transparenz in Bezug auf unsere Anlagen sowie Erkenntnisse durch unser Research bieten. Wir haben eine Sorgfaltspflicht, eine treuhänderische Verpflichtung, vertragliche Pflichten im Rahmen der Anlageverwaltungsvereinbarung und die Verpflichtung, die regulatorischen Vorschriften einzuhalten.

China ist ein Land, in dem Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, Geld zu erwirtschaften. Es ergreift überdies umfangreiche Maßnahmen, um die CO2-Intensität seiner Wirtschaft zu senken, und auch dies lässt sich für Anlagen nutzen.Für globale Anleger bietet ein Engagement bei chinesischen Aktien und Anleihen wertvolle Diversifizierungsvorteile. Damit sind jedoch auch Risiken verbunden, zum Beispiel in Verbindung mit der Regulierung, der Marktvolatilität und ESG-Belangen.

Bei abrdn ist die ESG-Analyse wesentlicher Bestandteil unserer Anlageentscheidungen und bei der Zusammenstellung von Kundenportfolios tragen wir den Risiken umfassend Rechnung. Der Dialog mit Unternehmen ist entscheidend. Damit stellen wir die Nachhaltigkeit der Portfolios unserer Kunden sowie unseres Planeten sicher.

In den kommenden Wochen werden wir gemäß unseres Fokus auf Transparenz eine Reihe an Studien veröffentlichen, bei denen wir uns das Know-how unseres Research Institute, unseres Asian Sustainability Institute und des gesamten Unternehmens zunutze machen, um China aus internationaler wie auch nationaler Sicht näher zu beleuchten. Unsere erste Studie trägt den Titel China im Kontext: Vorteile und Grenzen eines staatlich gelenkten Ansatzes.

Im Rahmen der Publikationsreihe analysieren wir die Treiber der Regierungspolitik und der regulatorischen Veränderungen und betrachten die langfristigen Implikationen. Dabei beleuchten wir die Bedeutung von Chinas wachsendem Anteil an der Weltwirtschaft, die zunehmende finanzielle Verflechtung des Landes (z.B. Aufnahme in Indizes) sowie die globale Wahrnehmung des ESG- und politischen Risikos. Überdies gehen wir der Frage nach, ob das Anlagerisiko angemessen bewertet ist, und untersuchen, welche Rolle chinesische Anlagen vor dem Hintergrund des starken, langfristigen Wachstumsausblicks des Landes spielen können.

China ist heute tief in der Weltwirtschaft verankert. Das Land ist einfach zu groß, um es aus dem internationalen Finanz-Ökosystem auszuschließen. Daher ist es unseres Erachtens wichtig, dass Anleger die Zusammenhänge verstehen. Wir hoffen, dass Ihnen unsere Einblicke eine wertvolle Orientierungshilfe für Ihre Anlageentscheidungen bieten. Wir von abrdn freuen uns darauf, Ihr Nachhaltigkeitspartner in Asien zu werden.

1 Daten der Weltbank, November 2021
2 Prognosen des abrdn Research Institute, November 2021
3 Bloomberg, November 2021
4 Bloomberg, November 2021
5 Bloomberg, November 2021

© abrdn

Investitionen beinhalten Risiken. Der Wert von Anlagen und die daraus entstehenden Erträge können sowohl fallen als auch steigen, und es ist möglich, dass ein Investor weniger als den investierten Betrag zurückerhält. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf zukünftige Ergebnisse zu.

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