
Chart des Monats by Felix Herrmann, Chefvolkswirt & Portfoliomanager
02.10.2026 | 12:15 Uhr
Die KI-Revolution ist inzwischen nicht mehr nur eine technologische, sondern vor allem eine finanzielle Wette. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zum Ende des Jahrzehnts weltweit sieben bis acht Billionen US-Dollar in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur fließen könnten. Ob die Rechnung aufgeht, ist wohl eine der spannendsten Fragen unserer Zeit.

Das meiste Geld wird derzeit mit den „Schaufeln und Spitzhacken“ des Booms verdient, vor allem mit Halbleitern. „Upstream“ – also weiter oben in der Wertschöpfungskette – sieht es dünner aus. OpenAI und Anthropic wachsen in Sachen Umsatz zwar schneller als jedes andere Unternehmen in der US-Wirtschaftsgeschichte – innerhalb weniger Jahre ist aus nahezu null Umsatz ein Geschäft von deutlich über 100 Milliarden Dollar annualisiert geworden (siehe Chart des Monats). OpenAI und Anthropic verbrennen allerdings trotz dieser explodierenden Umsätze weiterhin enorme Summen.
Der aktuelle Umsatzerfolg der KI-Architekten ist beeindruckend – aber längst nicht genug. Es dürften 1,5 bis 2 Billionen Dollar KI-Umsatz jährlich notwendig sein, damit sich gigantischen Investitionen lohnen. Zum Vergleich: Das entspräche in etwa der heutigen Größe der weltweiten Märkte für Unternehmenssoftware und Online-Werbung zusammen. Die heutigen Umsätze von OpenAI, Anthropic und Co. müssten sich also noch mehrmals verdoppeln. Dabei interessant: Bestehende Märkte zu „kiisieren“ wird nicht ausreichen. KI muss neue Märkte, neue Produkte, neue Anwendungen und eine neue Zahlungsbereitschaft schaffen.
Und genau hier kommt die Produktivität ins Spiel. Unternehmen werden dauerhaft nur dann hunderte Milliarden Dollar für KI ausgeben, wenn sie damit mehr verdienen oder Kosten sparen.
Anthropic selbst geht in einem mittleren Szenario davon aus, dass das US-BIP bis 2030 durch die KI um zusätzlich 8,3% wachsen wird. Ist das realistisch? Ich denke ja – aber es muss vieles zusammenkommen.
Auf Ebene einzelner Tätigkeiten sind Produktivitätsgewinne von 20, 30 oder mehr Prozent längst sichtbar, insbesondere beim Programmieren. In der Gesamtwirtschaft ist allerdings bislang wenig Impact angekommen. Genau das ist aus meiner Sicht der entscheidende Punkt. Die Rechnung geht nicht auf, wenn Programmierer ihre Arbeit schneller erledigen. Sie geht erst dann auf, wenn KI auch Banken, Industrieunternehmen, Versicherer, Krankenhäuser, Logistiker und Verwaltungen produktiver macht.
Für Anleger ist deshalb weniger entscheidend, ob die nächsten Modellgenerationen bessere Benchmarks liefern. Entscheidend dürfte sein, ob aus technologischem Fortschritt Cashflow und Gewinn werden. OpenAI und Anthropic zeigen, dass die Monetarisierung schneller vorankommt als viele Skeptiker erwartet hatten. Das macht die Rechnung aus heutiger Sicht plausibler. Aber die kommenden Jahre müssen zeigen, dass aus dem vielleicht größten Investitionsboom der Wirtschaftsgeschichte der entsprechende Produktivitätsschub entsteht.
Denn irgendwann gilt auch für KI die älteste Regel des Kapitalismus: Am Ende muss sich die Investition auszahlen.
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