EdR AM: Fordert das Coronavirus mehr Insolvenzen als menschliche Opfer?

Jacques-Aurélien Marcireau, Co-Head für Aktien bei Edmond de Rothschild Asset Management

Die globale wirtschaftliche Reaktion auf das Coronavirus muss ebenso entschlossen sein wie die medizinische, fordert Jacques-Aurélien Marcireau, Co-Head für Aktien bei Edmond de Rothschild Asset Management. Er ist überzeugt davon, dass einige Internet-Giganten gut daran täten, dem Beispiel von Alibaba zu folgen.

19.03.2020 | 12:17 Uhr

„China mag das Epizentrum des Virus sein, aber die Zahl der zusätzlich betroffenen Länder steigt täglich. Städte und ganze Regionen werden unter Quarantäne gestellt, um der Ausbreitung des Krankheitserregers entgegenzuwirken. Die daraus resultierende extrem kurzfristige Verlangsamung und manchmal sogar Lähmung der Wirtschaft kann Unternehmen stark unter Druck setzen. Zum Beispiel Dienstleistungen: Der Service-Sektor wird nicht zwangsläufig entgangene Gewinne wieder aufholen, wenn die Krise ausgestanden ist. So ist es beispielsweise sehr unwahrscheinlich, dass die Menschen in Italien und China nach dem Ende der Quarantänezeit sofort wieder in die Restaurants eilen. Die finanzielle Lage betroffener produzierender Unternehmen könnte durch den fortlaufend benötigten Bedarf an Working Capital beeinträchtigt werden. Bei Komponenten aus China wurden die Lieferketten unterbrochen, sodass die Unternehmen nicht in der Lage sind, ihre Kunden zu bedienen – aber dennoch müssen sie weiterhin Löhne zahlen und Kredite tilgen. Das ist vergleichbar mit dem Schmetterlingseffekt: Ein Schmetterling, der mit den Flügeln schlägt, kann letztlich einen Hurrikan in anderen Teilen der Welt auslösen. Analog hängt bei europäischen Unternehmen ein Teil der Wertschöpfung von chinesischen Lieferanten und Kunden in Gebieten ab, in denen sich die ökonomische Aktivität deutlich verlangsamt hat.”

Den Schneeball-Effekt vermeiden

„In dieser Lage liefert Alibaba ein vorbildliches Beispiel: Chinas E-Commerce-Riese hat eine Reihe von Maßnahmen für kleine und mittlere Unternehmen eingeführt. Hierzu zählen ein Provisionsverzicht bei Verkäufen für zwei Monate, eine Streichung der Lagergebühren sowie zinsfreie Kreditlinien für die etablierten Händler in den betroffenen Regionen. Alibaba hat auch einen freien Zugang zu wichtiger Software für die Fernsteuerung von Prozessen bereitgestellt. Diese Maßnahme kombiniert Solidarität mit wirtschaftlicher Effizienz – die Unterstützung der Alibaba-Händler hält deren Betrieb am Laufen – und könnte auch westliche Unternehmen dazu inspirieren, diesem Beispiel zu folgen. Unter dem Strich könnten die Maßnahmen dazu beitragen, das Vertrauen zwischen den beteiligten Akteuren zu stärken und einen Schneeballeffekt zu vermeiden. Denn schließlich können angeschlagene Unternehmen Zulieferer und dementsprechend auch ihre Kunden mit sich reißen.”

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