China Schock 2.0 stärkt Argumente für Engagement am chinesischen Aktienmarkt

James Syme, Senior Fondsmanager bei J O Hambro
Kommentar

China gewinnt weltweit Exportmarktanteile, zunehmend auch im Technologie- und Industriesektor, der bislang von Unternehmen aus den Industrieländern dominiert wurde.

22.10.2026 | 12:59 Uhr

Während die anhaltende Immobilienkrise und die verhaltene Konsumnachfrage die Debatte über China bestimmen, wird die wachsende internationale Wettbewerbsfähigkeit von den Anlegern noch unterschätzt. Aus unserer Sicht haben die Kapitalmärkte die Folgen dieser Verschiebung noch nicht vollständig eingepreist, weder für chinesische Unternehmen noch für ihre internationalen Wettbewerber.

Handelsüberschuss verdoppelt sich

Chinas reales Bruttoinlandsprodukt wuchs im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr um 4,3 %. Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist die starke Exportentwicklung, die zu einem hohen Handelsüberschuss führte und sich auch in einem deutlichen Leistungsbilanzüberschuss niederschlug. So verdoppelte sich der Handelsüberschuss nahezu von 670 Mrd. US-Dollar im Jahr 2021 auf 1,2 Billionen US-Dollar im Zwölfmonatszeitraum bis Ende August 2026. Ausschlaggebend dafür ist, dass das Exportvolumen deutlich stärker gestiegen ist als die Importe. Damit ist die chinesische Wirtschaft in einer Phase anhaltend schwacher Binnennachfrage zunehmend von den Nettoexporten angewiesen.

Noch wichtiger für Investoren und politische Entscheidungsträger weltweit ist jedoch, dass sich die Zusammensetzung der chinesischen Exporte grundlegend verändert hat. Ähnlich wie bei anderen asiatischen „Tigerstaaten“ wurde die erste Welle des chinesischen Exportwachstums vor allem von arbeitsintensiver Fertigung und Montage getragen. Heute verlagert sich das Exportwachstum zunehmend auf Industrie- und Technologiesektoren mit höherer Wertschöpfung.

Renminbi bis zu 24 % unterbewertet

Analysten der US-Notenbank sprechen in diesem Zusammenhang von einem „China-Schock 2.0“. Gemeint ist die wachsende Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Unternehmen in Bereichen wie hoch entwickeltem Maschinenbau, Elektronik, Energieinfrastruktur und anderen technologieintensiven Industrien. Einige europäische Ökonomen beschreiben Chinas Strategie als „ein Wachstumsmodell, das auf industrielle und technologische Vorherrschaft abzielt“.

Einigkeit besteht dabei über die zentrale Rolle des unterbewerteten Renminbi. Der US-Analyse zufolge ist die Währung der zweitgrößten Volkswirtschaft um 24 % unterbewertet. Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die fortgeschrittenen Volkswirtschaften nehmen damit zu.

China gewinnt kontinuierlich Anteile am Weltexport und dringt dabei verstärkt in hochwertige Marktsegmente vor, die bislang von Unternehmen aus den Industrieländern dominiert wurden. Die industriellen Überkapazitäten Chinas und seine Wechselkurspolitik rücken deshalb immer stärker in den Mittelpunkt der wirtschaftspolitischen Debatten in Washington, Brüssel und den europäischen Hauptstädten.

Zurückhaltung bei Korea und Taiwan

Für Anleger in Schwellenländeraktien ergeben sich daraus aus unserer Sicht Chancen. Während sich Anleger weiterhin auf die konjunkturellen Herausforderungen der chinesischen Binnenwirtschaft konzentrieren, wird die Stärke des Exportsektors unserer Einschätzung nach unterschätzt.

Wir halten daher an unserer Übergewichtung chinesischer Aktien fest. Dazu zählen chinesische Technologie- und Industrieunternehmen, die unmittelbar von den wachsenden Marktanteilen an den internationalen Märkten profitieren. Dagegen bleiben wir gegenüber mehreren exportorientierten Branchen in Asien, darunter in Korea und Taiwan, zurückhaltend. Dort nehmen die Überschneidungen mit Chinas Exportprofil zu, wobei sich der Wettbewerbsdruck weiter verschärft. Aus unserer Sicht stärkt der „China-Schock 2.0“ die Argumente für ein Engagement am chinesischen Aktienmarkt.

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