
Das Gewinnwachstum geht weit über den Bereich der KI hinaus, da eine Vielzahl von Unternehmen von langfristigen Anlagetrends und sich verbessernden Fundamentaldaten profitiert.
28.08.2026 | 10:42 Uhr
Attraktive Bewertungen eröffnen zudem Chancen in Bereichen, in denen die Bedenken möglicherweise überzogen sind. Während KI ein erhebliches langfristiges Potenzial bietet, ist ihre kommerzielle Entwicklung weiterhin im Gange. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, über die Schlagzeilen hinauszuschauen, um ein breiteres Spektrum an Anlagemöglichkeiten zu entdecken.
Die Wertentwicklung der Indizes konzentriert sich zunehmend auf wenige Titel, und ein Großteil der Anlagediskussion dreht sich darum, wer der nächste Gewinner im KI-Bereich sein könnte. Die aktuelle Berichtssaison hat jedoch daran erinnert, dass andere Fragen ebenso interessant und möglicherweise leichter zu beantworten sind. Während KI weiterhin die Schlagzeilen beherrscht, verbessern sich bei einem deutlich breiteren Spektrum von Unternehmen still und leise die Fundamentaldaten. Daraus ergeben sich Anlagechancen, die vom Markt weiterhin vielfach übersehen werden.
Gewinnwachstum ist breit abgestützt
Die klarste Botschaft dieser Berichtssaison ist, dass ein nennenswertes Gewinnwachstum nicht auf den Bereich der KI beschränkt ist. Die Anzeichen sprechen weiterhin für einen strukturellen Wandel hin zu Kapitalinvestitionen und zur Erneuerung der Infrastruktur in Bereichen wie Verteidigung, Energie- und Stromversorgungsinfrastruktur, Elektrifizierung und Automatisierung. Dies sorgt bei einer Reihe von Unternehmen für ein solides Umsatz- und Gewinnwachstum. Gleichzeitig profitieren Finanzwerte in Spanien und Japan von höherer Inflation und höheren Zinsen sowie vom Kreditwachstum. Dabei handelt es sich um langfristige Anlagethemen, die durch seit 2022 bestehende strukturelle Trends untermauert werden und sich deutlich von denen der vergangenen Jahrzehnte unterscheiden.
Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass dieser Optimismus nicht überall herrscht. So bleibt beispielsweise die Bautätigkeit in Europa, unter anderem aufgrund höherer Energiekosten, trotz verstärkter fiskalischer Impulse in Ländern wie Deutschland weiterhin schwach. Bis sich dies bessert, müssen sich Anleger auf eine sorgfältige Aktienauswahl und unternehmensspezifische Faktoren verlassen, um in diesem Marktsegment Renditen zu erzielen.
Der übergeordnete Punkt ist, dass die Märkte zunehmend konzentrierter werden, die Unternehmensgewinne jedoch nicht. Das Spektrum der Anlagechancen bleibt deutlich breiter, als es die Wertentwicklung der Indizes vermuten lässt.
Bewertung bleibt entscheidend
Mehrere Sektoren, die zuletzt unter Druck standen, zeigen zumindest vereinzelt erste Anzeichen einer Festigung. So stabilisieren sich beispielsweise die Gewinne einiger Unternehmen aus dem Bereich der Basiskonsumgüter, nachdem der Sektor eine Zeit lang unter schwächerer Nachfrage und steigenden Inputkosten gelitten hatte. Es wäre verfrüht, eine Rückkehr zu starkem Wachstum vorherzusagen. Doch der Bewertungsrückgang der letzten Jahre hat eine solide Ausgangsbasis für attraktive Anlagerenditen geschaffen, insbesondere in Verbindung mit soliden Dividendenrenditen und robusten Bilanzen. Ebenso verzeichnen bestimmte Softwareunternehmen weiterhin ein robustes Gewinnwachstum – entgegen den Befürchtungen, dass KI ihre bestehenden Geschäftsmodelle beeinträchtigen könnte.
Entscheidend ist, dass die Bewertung nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. Erfolgreiche Titelauswahl bedeutet, operative Umsetzung und Bewertung gegeneinander abzuwägen – und nicht lediglich die Unternehmen mit dem stärksten Gewinnwachstum zu identifizieren.
Fehlende Transparenz bei KI-Investitionen
Die Investitionen in die KI-Infrastruktur nehmen weiterhin in außergewöhnlichem Tempo zu. Allerdings fehlt bislang die nötige Transparenz, um beurteilen zu können, ob diese Investitionen tatsächlich profitabel sind. Die börsennotierten Hyperscaler sind komplexe Unternehmen, die mehrere Rollen innerhalb der Wertschöpfungskette einnehmen. Sie weisen zwar ein beeindruckendes Wachstum bei den „KI-Umsätzen“ aus, doch darin sind auch Erlöse aus Kapazitäten enthalten, die an nicht börsennotierte LLM-Anbieter vermietet werden. Daher bleibt es schwierig zu beurteilen, ob die Wertschöpfungskette insgesamt profitabel ist, also ob die Umsätze in Summe die Kosten übersteigen. Weitere Belege könnten Unternehmen aus der Realwirtschaft liefern, die beginnen, KI zur Transformation ihrer Geschäftsmodelle und Kostenstrukturen einzusetzen, doch hierfür sehen wir bislang kaum Anzeichen. Die meisten Unternehmen scheinen sich noch in der Experimentierphase zu befinden. Die Warnung von IBM Mitte Juli, dass Investitionen in KI-Infrastruktur begännen, Ausgaben in anderen Bereichen der IT zu verdrängen, spiegelte sich in den Ergebnissen der meisten anderen Unternehmen nicht wider.
Um es klar zu sagen: Wir spielen das langfristige Potenzial der KI nicht herunter. Vielmehr weisen wir auf die Diskrepanz zwischen der Begeisterung am Markt und den derzeit verfügbaren Belegen hin. KI mag sich im Laufe der Zeit durchaus als transformativ erweisen, doch die wirtschaftliche Tragfähigkeit, das Tempo der Verbreitung und die letztlich erzielbaren Renditen bleiben ungewiss. Anleger sollten darauf achten, technologischen Fortschritt nicht mit nachgewiesener Monetarisierung zu verwechseln.
Über den Konsens hinausblicken
An den heutigen Märkten besteht das größere Risiko nicht darin, das Potenzial der KI zu unterschätzen, sondern darin, ihre Einzigartigkeit zu überschätzen und dabei das breitere Spektrum an Chancen zu übersehen. Die aktuelle Berichtssaison deutet darauf hin, dass sich die Marktperformance zwar zunehmend konzentriert, die Unternehmensperformance jedoch immer breiter abgestützt ist. Strukturelles Wachstum bleibt in mehreren Sektoren intakt, erste Anzeichen von Widerstandsfähigkeit zeigen sich dort, wo die Stimmung am schwächsten ist, und die Portfoliorenditen werden von einer größeren Bandbreite an Treibern getragen, als es die derzeit vorherrschenden Marktnarrative vermuten lassen.
Für langfristige Anleger wie uns ist diese Unterscheidung von Bedeutung. Die überzeugendsten Chancen liegen zunehmend nicht bei den Unternehmen, die bereits die Schlagzeilen dominieren, sondern im breiteren Universum von Unternehmen, die still und leise nachhaltiges Gewinnwachstum erzielen, ihre Rentabilität steigern und langfristig einen attraktiven Wertbeitrag leisten. Die jüngste Berichtssaison erinnert uns daran, dass sich die Märkte oft auf die Bereiche konzentrieren, in denen das Wachstum am schnellsten ist, während erfolgreiches Investieren davon abhängt, jene Bereiche zu identifizieren, in denen die größte Diskrepanz zwischen Erwartungen und tatsächlichen Ergebnissen besteht.
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