Lagarde-Rücktritt überschattet EZB-Zinsentscheid: Geldpolitik rückt in den Hintergrund

Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei DONNER & REUSCHEL
Kapitalmärkte

Die EZB hat die Leitzinsen erwartungsgemäß unverändert belassen. Die Entscheidung geriet jedoch in den Hintergrund, nachdem Christine Lagarde kurz zuvor ihren Rücktritt angekündigt hatte.

30.10.2026 | 05:47 Uhr

Das Timing vor der turnusgemäßen Pressekonferenz war ungünstig. Die naheliegenden Fragen der Journalisten zum Rücktritt beantwortete Lagarde zunächst nicht. Erst am Ende der Pressekonferenz gab sie ein kurzes, wenig aussagekräftiges Statement ab.

Die kommenden Wochen dürften von Spekulationen geprägt sein: über die Hintergründe des Rücktritts, die Nachfolge Lagardes, die Besetzung des im kommenden Jahr frei werdenden Postens des Chefvolkswirts sowie den Nachfolger von Isabel Schnabel, die in den IWF wechselt. Wünschenswert wäre eine zeitnahe Klärung dieser Personalfragen, idealerweise bis zur nächsten Zinssitzung im Dezember, damit die geldpolitischen Beschlüsse wieder im Mittelpunkt stehen.

Die Pressemitteilung zur Entscheidung enthält dennoch wegweisende Hinweise. Der anhaltende Energiepreisschock hält den Inflationsdruck aufrecht und dämpft zugleich die Wachstumsaussichten. Neben dem direkten Nachfrageeffekt ist der indirekte Weg über die Kreditvergabe relevant. Die jüngste Umfrage der EZB zum Kreditgeschäft (Bank Lending Survey) zeigt, dass die Banken ihre Kreditvergabestandards weiter verschärft haben. Zugleich dämpfen höhere Finanzierungskosten, geopolitische und energiebedingte Unsicherheit sowie ein geringerer Investitionsbedarf die Kreditnachfrage. Beides bremst Wachstum und Inflation gleichermaßen. Größere, zusätzlich preistreibende Zweitrundeneffekte sind damit vorerst wenig wahrscheinlich.

Für die Dezembersitzung sind zwei Szenarien denkbar: Eine Leitzinsanhebung bleibt möglich, um die Inflationserwartungen fest um das 2-Prozent-Ziel zu verankern. Ebenso möglich ist, dass die EZB zunächst abwartet, wie stark die schwächere Wachstumsdynamik die Inflationsgefahren eindämmt. Hinzu kommt: Ab März 2027 könnte die Energiekomponente die Inflation nicht mehr antreiben, sondern sie sogar senken, und zwar durch Basiseffekte, sofern die Energiepreise nicht erneut deutlich steigen. An den Finanzmärkten dürfte sich dies vorerst so auswirken, dass die Renditen längerer Staatsanleihen weiter nachgeben und der Euro kaum Aufwertungspotenzial hat.

Ihr Carsten Mumm

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