AEW: Corona verstärkt strukturelle Trends auf Immobilienmärkten - Wohnen im Einfamilienhaus in der Vorstadt, Rechenzentren, Logistikimmobilien

AEW: Corona verstärkt strukturelle Trends auf Immobilienmärkten

Die langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf jene Sektoren der Immobilienwirtschaft, die aktuell besonders leiden, hält die Fondsgesellschaft AEW, mit einem verwalteten Vermögen von 70 Mrd Euro einer der weltweit größten Real Estate Asset Manager, für relativ gering.

08.07.2020 | 12:20 Uhr

Hotels, Studentenwohnungen, Seniorenheime… – all diese Segmente würden sich wiederbeleben, sobald die Restriktionen nachließen und ein Impfstoff gegen den Virus gefunden werde.

Schwerwiegender und nachhaltiger sind für Russ Devlin, Director Research für Nordamerika, strukturelle Veränderungen, die als Beschleuniger bereits vorher erkennbarer Trends wirken. So habe in den letzten Monaten die Nachfrage nach Rechenzentren („data centers“) stark zugelegt. Im Netzwerk von Verizon hätten allein die Tools für die Zusammenarbeit und Kommunikation eine Spitzenauslastung von 1.200 Prozent eines typischen Vor-Covid-Tages im Zeitraum März bis Mai erreicht. Auch die Nutzung von Spielen (+257 Prozent), Streaming (+47 Prozent) und VPN (+83 Prozent) habe stark zugenommen.

Devlin: „Mehr E-Commerce, mehr Home-Office und mehr Streaming haben eine bereits vor Corona starke Nachfrage nach Spezialimmobilien für Rechenzentren noch einmal angeschoben. Ein Teil dieses Nachfrageüberhangs mag schrumpfen, wenn die Leute ins Büro zurückkehren, aber der Netzwerkzugang ist unter Corona noch stärker in den Alltag integriert worden, und der zugrundeliegende strukturelle Nachfragetrend zu mehr Datennutzung hat sich deutlich nach oben verschoben.“

Auch im Wohnungsbau erwartet der zu Natixis Investment Managers gehörende Immobilienspezialist eine strukturelle Verschiebung. Eine kürzlich von der Citi durchgeführte Umfrage unter 5.000 Erwachsenen in den USA habe ergeben, dass 15 Prozent in den nächsten drei Jahren einen Umzug in die Vorstädte in Erwägung zogen, verglichen mit 7 Prozent vor Corona.  Bei den „Millenials“ zogen dies 19 Prozent in Betracht, verglichen mit 10 Prozent vor Corona. Bei wohlhabenderen Bevölkerungsschichten und Familien mit Kindern waren diese Zahlen noch höher.  Devlin: „Mit zunehmendem Alter hätte der Wunsch nach einem Haus vermutlich auch die Millenials erreicht. Doch jetzt wurde er durch die Pandemie beschleunigt, und die Mieten für Einfamilienhäuser sind auf vielen Märkten gestiegen.“

Im Einzelhandel sieht Devlin eine starke Differenzierung, die sich auch die Immobiliennachfrage auswirken werde. Richtig sei, dass einige Einzelhändler den Abschwung in ihrer jetzigen Form nicht überleben würden, was eine Herausforderung für die bereits stark betroffenen Immobiliensektoren wie Einkaufszentren und Malls darstelle. Es werde jedoch auch Gewinner in diesem Segment geben, da einige Einzelhändler gelernt hätten, flexibler zu agieren. Hybride Modelle, bei denen die Menschen Lebensmittel und Waren online bestellen und im Laden oder sogar an der Bordsteinkante abholen, funktionierten auch in der Krise. Damit könnten Geschäfte einen Teil der Online-Shopper zurückgewinnen. „Omnichannel“ – also die Fähigkeit etwa online zu verkaufen, aber vom Laden aus zu versenden, oder den Laden nur als Showroom zu nutzen, aber den Verkauf online abwickeln und von einem Lager nach Hause liefern – sei sowohl während des Abschwungs als auch nach dessen Ende gut positioniert.

Devlin: Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass der E-Commerce Anteile gewinnen wird und dass dieser Trend von Corona beschleunigt wird.  In den USA könnte der E-Commerce in diesem Jahr einen Anteil von 30 Prozent aller Verkäufe erreichen, gegenüber weniger als 20 Prozent im letzten Jahr. Dieser Anteil dürfte mit der Wiedereröffnung von Geschäften zurückgehen, aber es ist unwahrscheinlich, dass er wieder unter 20Prozent zurückgeht. Der elektronische Handel wird einen Teil der Flächennutzung vom traditionellen Einzelhandel auf den industriellen verlagern. Logistikimmobilien werden davon profitieren, vor allem im Zusammenhang mit einer Veränderung der Lieferketten.“

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