Janus Henderson Investors: COVID-Varianten - Auswirkungen auf Pandemieverlauf & Biopharma-Aktien

Janus Henderson Investors: COVID-Varianten - Auswirkungen auf Pandemieverlauf & Biopharma-Aktien

Neue COVID-19-Varianten erschweren Prognosen zum Verlauf der Pandemie sowie zu den potenziellen Auswirkungen auf die Aktien von Impfstoffentwicklern.

22.02.2021 | 07:49 Uhr

Portfoliomanager und Research Analyst Dan Lyons und Research Analyst Agustin Mohedas versuchen, die neuesten klinischen Daten einzuordnen und erläutern, was Anleger jetzt beachten sollten.

Zentrale Erkenntnisse

  • Untersuchungen zeigen, dass die vorhandenen Impfstoffe bei den COVID-19-Varianten weniger wirksam sind. Allerdings belegen die Daten auch, dass die Vakzine vor einem schweren Verlauf schützen.
  • Angesichts der Varianten wird sich die angestrebte Herdenimmunität möglicherweise verzögern, insbesondere wenn Virusmutationen eine Reinfektion ermöglichen. Neue Medikamentenmodalitäten bieten jedoch die Möglichkeit, schnell auf Varianten zugeschnittene Auffrischungsimpfungen zu entwickeln.
  • Die Aktien der COVID-19-Impfstoffhersteller haben in den letzten Monaten profitiert. Der langfristige Wert von Impfstoffprogrammen könnte jedoch davon abhängen, ob die Impfstoffplattformen auch für andere Krankheiten, wie z. B. die Grippe, eingesetzt werden können.


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Michael McNurney: Willkommen zur Janus Henderson-Serie zur COVID-19-Krise. Mein Name ist Michael McNurney. Heute habe ich zwei unserer Biotechnologie-Analysten, Dr. Dan Lyons und Dr. Augustin Mohedas, zu Gast.

Dan, Ende 2020 herrschte großer Optimismus über die zugelassenen COVID-19-Impfstoffe, insbesondere angesichts einer Wirksamkeit von 95% bei einigen von ihnen. In letzter Zeit haben sich jedoch neue COVID-Varianten entwickelt, und es gibt Sorgen über die Wirksamkeit dieser Impfstoffe im Kampf gegen diese neuen Virusvarianten. Können Sie uns den aktuellen Wissensstand in Bezug auf die Wirksamkeit dieser Impfstoffe bei den Varianten erläutern?

Dan Lyons: Klar, das ist eine gute Frage. Die ersten Impfstoffstudien von Moderna, BioNTech und Pfizer haben eine Wirksamkeit von 90-95% gezeigt. 2021 haben wir einige neuere Ergebnisse von Impfstoffstudien gesehen, die bei einigen Vakzinen einen gewissen Rückgang der Aktivität belegen. Sorgen bereitet in diesem Zusammenhang, dass alle Impfstoffe im Wesentlichen auf das Spike-Protein abzielen, ein entscheidender Teil des Virus. Bei den Virusvarianten haben wir es mit verschiedenen Mutationen zu tun, die im Grunde die Sensibilität des Virus für die durch die verschiedenen Impfstoffe hervorgerufene Immunantwort verändern. Da die Impfstoffe und unser Immunsystem ein breites Spektrum von Antikörper- und T-Zell-Reaktionen ansprechen, waren wir optimistisch, dass die Impfstoffe bei vielen Varianten ein gewisses Maß an Wirksamkeit haben sollten. Je mehr Mutationen jedoch entstehen, desto wahrscheinlicher ist, dass es sogenannte Escape-Mutationen gibt, die einige dieser Antikörper- oder T-Zell-Reaktionen umgehen können. Leider sind in Großbritannien und in Südafrika einige Varianten aufgetaucht, die in diese Richtung gehen.

McNurney: Dan, was bedeutet das nun in Bezug auf die Möglichkeit einer Rückkehr zur Normalität? Ändern sich dadurch die Herdenimmunitätsraten, und bedeutet es, dass wir die Herdenimmunität möglicherweise viel langsamer erreichen werden, als ursprünglich vorhergesagt?

Lyons: Nun, zuerst die gute Nachricht. Bei allen Impfprogrammen haben wir erfreulicherweise gesehen, dass sie fast vollständigen Schutz vor wirklich schweren Infektionen oder intensivmedizinischer stationärer Behandlung bieten. Bislang zeigen die Impfstoffe, auch gegen die südafrikanische Variante, in den Studien von J&J und auch von Novavax einen sehr guten Schutz. Die Impfstoffe erfüllen also nach wie vor ihren Zweck und bieten erheblichen Schutz vor der ernsten Erkrankung.

Allerdings sind mit Blick auf die Herdenimmunität auch zwei andere Dinge, die wir gelernt haben, zu berücksichtigen. Erstens haben wir in Südafrika gesehen, dass die Menschen sich nach einer vorangegangenen COVID-Infektion grundsätzlich wieder anstecken können. Für die Herdenimmunität bedeutet dies, dass alle Menschen, die sich zuvor infiziert haben, nicht wirklich für die Herdenimmunität zählen, da sich die Menschen mit diesen neuen Varianten grundsätzlich neu infizieren können. Bis wir eine Herdenimmunität erreichen, könnte es also etwas länger dauern. Möglicherweise werden wir in Zukunft Auffrischungsimpfstoffe benötigen, um vollständigen Schutz vor den neuen Varianten zu bieten und zu verhindern, dass Menschen sich mit ihnen anstecken. Aber das Wichtigste ist, dass die Menschen weiter vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt werden.

McNurney: Sie haben die Vakzine von Novavax- und Johnson & Johnson erwähnt. Agustin, vielleicht können wir darüber sprechen, wie weit die Zulassung dieser Impfstoffe vorangeschritten ist und ob sie sich von den Präparaten unterscheiden, die wir bereits von Moderna und der Pfizer-BioNTech-Allianz kennen?

Agustin Mohedas: Der Novavax-Impfstoff ist eher eine Standardtherapie, ein sogenannter Subunit-Impfstoff, der rekombinant in Insektenzellen mittels des sogenannten Bakulovirus-Systems hergestellt wird. Novavax stellt also im Prinzip ein rekombinantes Spike-Protein her, mischt dieses Spike-Protein mit einem sehr starken proprietären Adjuvans und verwendet dies dann als Impfstoff. Das ist ein anderer Ansatz als die mRNA-Methode, bei der nur mRNA verwendet wird, um das Spike-Protein innerhalb der eigenen Körperzellen zu erzeugen. Der Novavax-Ansatz hat insofern einige Vorteile, als eine erheblich geringere Dosis ausreicht. Die Impfdosis liegt zwischen 5 und 10 Mikrogramm, bei einigen mRNA-Impfstoffen dagegen bei 25 Mikrogramm. Dadurch lassen sich potenziell schneller Skaleneffekte erzielen. Daneben kann das Bakulovirus-System zur Herstellung leicht modifiziert werden, um mit der Erzeugung von Spike-Protein aus den neuen Varianten zu beginnen. Novavax geht also davon aus, dass es im zweiten Quartal dieses Jahres neue Impfstoffe haben wird, die möglicherweise die Immunität gegenüber neuen Varianten verbessern werden.

Der Impfstoff von J&J ist ganz anders. Er verwendet einen adenoviralen Vektor, um die DNA des Spike-Proteins zu liefern. Ähnlich wie bei den mRNA-Virusimpfstoffen basiert er darauf, dass der Körper das Spike-Protein selbst herstellt und dann eine Immunantwort auslöst. Die Daten von J&J haben zeigen bisher sogar bei der Standardvariante eine geringere Wirksamkeit als mRNA-Impfstoffe. Das liegt allerdings zum größten Teil daran, dass der Impfstoff nur einmal gespritzt wird. J&J untersucht diesen Impfstoff auch als Zweimaldosis-Schema mit einer möglicherweise besseren Wirksamkeit. Das J&J-Vakzin wird jedoch deutlich schwerer auf neue Varianten anzupassen sein. Daher werden wir bei den neuen Virusvarianten hauptsächlich auf mRNA-Impfstoffe und wahrscheinlich auf Subunit-Impfstoffe etwa von Novavax setzen müssen.

McNurney: Dan, ich denke, dass wir diese Krankheit langfristig überwinden werden. Aber was bedeuten diese neuen Varianten in Bezug auf den Zeitpunkt? Sie haben bereits angedeutet, dass sich der Zeitpunkt verzögern könnte, aber können Sie etwas genauer sagen, wie lange sich die Überwindung dieser Krankheit verzögern könnte?

Lyons: Ja, das ist eine wichtige Frage. Wie schon gesagt wird es wahrscheinlich länger dauern, bis die Bevölkerung eine Herdenimmunität entwickelt. Inzwischen gibt es ein Szenario, bei dem COVID leider aufgrund der Varianten einen endemischen Charakter hat. Das heißt, dass wir einfach damit leben müssen. Ich hoffe, dass mit einer guten Impfkampagne in den USA in der zweiten Jahreshälfte ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, vielleicht etwa die Hälfte, bis Mitte des Jahres oder zum dritten Quartal kurz vor der Impfung stehen wird. Und mit einem wachsenden Anteil der Geimpften könnte COVID-19 vielleicht zu einer Art endemischem Erkältungsvirus werden, bei dem der größte Teil der Bevölkerung bis zu einem gewissen Grad vor einer wirklich schweren Erkrankung geschützt ist. Möglicherweise wird die Krankheit aber nicht verschwinden.

Wie Agustin bereits erwähnt hat, können wir Auffrischungsimpfstoffe gegen diese neuen Varianten herstellen. Unternehmen wie Moderna, BioNTech und Novavax arbeiten bereits daran, und sie werden in die klinische Entwicklung gehen. Wir könnten relativ schnell Auffrischungsdosen des Impfstoffs haben, die uns schützen und das Virus umfassender ausmerzen könnten. Im Moment ist das aber alles Spekulation. Die wichtigste Botschaft ist daher im Augenblick wohl, dass wir so schnell wie möglich impfen müssen, um die Bevölkerung so weit wie möglich zu schützen.

McNurney: Die Aktienkurse dieser Unternehmen - Moderna, BioNTech, Pfizer, sogar J&J und möglicherweise Novavax - sind recht dramatisch in die Höhe geschnellt. Wie beurteilen Sie die Aussichten für diese Aktien und wie könnten sie reagieren während wir weiter versuchen, diese Krise zu bewältigen?

Lyons: Ja, bei vielen dieser Aktien sind die Kurse steil nach oben gegangen. Wir sind mit Anlagen in diesem Sektor sehr vorsichtig, weil es noch viele Unsicherheiten gibt. Um hier langfristigen substanziellen Wert zu rechtfertigen, müssen wir überzeugt sein, dass es einen potenziellen Markt für Auffrischungsimpfstoffe oder eine Validierung der Technologie geben könnte, so dass diese Plattformen auch bei anderen gängigen Krankheiten wie Grippe funktionieren könnten. All diese Unternehmen arbeiten auch an neuartigen Grippeimpfstoffen. Hier kommen die Fertigungskapazitäten und ihre Flexibilität ins Spiel. Wir versuchen also, in diesem Bereich gezielt zu investieren, wobei wir diese längerfristigen Aspekte im Hinterkopf behalten.

McNurney: Das nächste Video in dieser Reihe wird voraussichtlich mit dem Leiter unserer Research-Abteilung stattfinden, um über die allgemeinen Marktauswirkungen zu sprechen, wenn diese Krise zu Ende ist. Meine Herren, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit genommen haben. Ihre Einblick waren für das Anlageteam von Janus Henderson extrem wertvoll, und wir freuen uns darauf, wieder mit Ihnen zu sprechen.

Fußnoten

Ein Adjuvans ist ein immunologischer Wirkstoff, der die Immunantwort eines Impfstoffs verbessert.

Ein Antikörper wird vom Immunsystem als Reaktion auf eine fremde Substanz, ein sogenanntes Antigen, im Körper produziert. Die Aufgabe von Antikörpern besteht darin, Antigene zu erkennen und sich daran zu heften, um sie aus dem Körper zu entfernen.

mRNA oder Messenger-RNA (mRNA) überträgt die von der DNA kopierte genetische Information zur Verarbeitung in andere Teile der Zelle. Der mRNA-Ansatz zur Bekämpfung von COVID-19 nutzt die mRNA, um eine Immunreaktion hervorzurufen und so Immunität zu erzielen.

Ein Spike-Protein ist ein nach außen ragendes Protein an der Virushülle, das den Eintritt in eine Wirtszelle erleichtern kann. Das bloße Vorhandensein eines Spike-Proteins reicht häufig aus, um eine Immunantwort auszulösen, ohne dass das ganze Virus vorhanden sein muss.

Eine T-Zelle oder ein T-Lymphozyt ist eine Art weißer Blutkörper, der bei der Kontrolle und Definition der körpereigenen Immunantwort auf eine Infektion eine Rolle spielt.

Die vorstehenden Einschätzungen sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und können von denen anderer Personen/Teams bei Janus Henderson Investors abweichen. Die Bezugnahme auf einzelne Wertpapiere, Fonds, Sektoren oder Indizes in diesem Artikel stellt weder ein Angebot oder eine Aufforderung zu deren Erwerb oder Verkauf dar, noch ist sie Teil eines solchen Angebots oder einer solchen Aufforderung.

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