
Die Entscheidung der US-Notenbank ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte – auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent – anzuheben, war weit mehr als ein routinemäßiger Zinsschritt. Erstmals seit Längerem stand nicht allein die Höhe des Leitzinses im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Frage, ob die US-Notenbank ihre geldpolitische Unabhängigkeit unter erheblichem politischen Druck behaupten kann.
21.09.2026 | 11:08 Uhr
Die einstimmige Entscheidung des FOMC war
ein klares Signal. Trotz der wiederholten Forderungen von Präsident Trump nach
Zinssenkungen stellte sich das Entscheidungsgremium geschlossen hinter einen
Kurs, der primär der Preisstabilität verpflichtet ist. Trumps unmittelbare und
gewohnt scharfe Reaktion unterstrich, wie politisch aufgeladen der
Zinsentscheid inzwischen ist. Ökonomisch war die Zinserhöhung folgerichtig: Die
US-Inflation liegt seit 2021 über dem Zielwert von zwei Prozent und stieg
zuletzt auf 3,4 Prozent, während Wirtschaft und Arbeitsmarkt robust bleiben.
Laut Fed dürfte sich die Inflation erst im Laufe des kommenden Jahres wieder
dem Zielwert annähern.
Eine
unveränderte Leitzinspolitik hätte die Finanzmarktrisiken erhöht
Die
Renditen von US-Staatsanleihen hätten weiter steigen können, wenn die Fed sich
gegen den Zinsschritt entschieden hätte, ebenso der Verdacht auf fiskalische
Dominanz – eine der Regierung untergeordnete Geldpolitik. Das hätte die
Inflationsbekämpfung erschwert und einen erratischen Renditeanstieg mit
negativen Folgen für Aktien- und Devisenmärkte begünstigt. Paradoxerweise hat
die Fed der US-Regierung damit Zeit verschafft. Sie bewahrte ihre
geldpolitische Glaubwürdigkeit und eröffnete der Politik Spielraum für einen
weniger expansiven Fiskalkurs, eine Korrektur der Zollpolitik und Fortschritte
im Iran-Konflikt. Ob die Regierung diesen nutzt, könnte bereits das
bevorstehende Treffen von Donald Trump und Xi Jinping zeigen. Signale zur
Deeskalation des Handelskonflikts oder Fortschritte bei der Beilegung des
Iran-Konflikts könnten die Sorgen vor einem unkontrollierten Renditeanstieg
dämpfen und zugleich die Aktienmärkte stützen.
Warsh
spricht aus, was die Regierung verdrängt
Fed-Präsident
Kevin Warsh überzeugte in der anschließenden Pressekonferenz mit souveränem
Auftreten. Er machte klar, dass die Notenbank angesichts des anhaltenden
Preisdrucks der Preisstabilität Priorität einräumen müsse. Als zentrale
Inflationstreiber nannte er geopolitische Risiken und den Energiepreisschock
infolge der Eskalation des Iran-Konflikts – ohne die US-Regierung wegen ihrer
Beteiligung direkt zu kritisieren. Zugleich stellte Warsh die wachsende Sorge
vieler Amerikaner über die steigenden Lebenshaltungskosten heraus. Rund die
Hälfte der Bevölkerung verfüge kaum über Vermögen in Form von Immobilien oder
Aktien und sei deshalb besonders auf einen stabilen Arbeitsmarkt und niedrige
Inflation angewiesen. Damit griff Warsh das Thema „Affordability“ auf – die
schwindende Erschwinglichkeit des täglichen Lebens, die für breite
Bevölkerungsschichten längst zu einem der drängendsten Probleme geworden ist.
Politisch brisant ist, dass die Regierung dieses Problem bislang kaum
konsequent adressiert. Im Gegenteil: Trumps Zoll- und Migrationspolitik sowie
die kriegsbedingt stark gestiegenen Ölpreise haben den Inflationsdruck
zusätzlich verschärft. Warsh bezog damit eine wirtschaftspolitisch nüchterne
und nachvollziehbare, politisch jedoch durchaus unbequeme Position.
Der
eigentliche Gewinner des Zinsentscheids ist damit nicht nur die geldpolitische
Unabhängigkeit der Fed. Es ist vor allem Kevin Warsh selbst: Er präsentierte
sich als Präsident einer Notenbank, die dem politischen Druck standhält,
wirtschaftliche Realitäten klar benennt und dennoch die Interessen derjenigen
im Blick behält, die unter den steigenden Lebenshaltungskosten am stärksten
leiden. Genau diese Mischung könnte erklären, warum Warsh auch als US-Präsident
gute Chancen hätte.
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Ihr Carsten Mumm
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