EZB: Zinsschritt im September, aber wenig Anzeichen für Zinserhöhungszyklus

Gregor Kapferer, Head of Developed Markets Debt, Vontobel
EZB

Wir erwarten, dass die EZB die Leitzinsen um 25 Basispunkte anheben wird. Der Markt teilt diese Einschätzung, da die eingepreiste Wahrscheinlichkeit vor der Sitzung bei nahezu 99 % liegt.

09.09.2026 | 04:48 Uhr

Besonders interessant werden die aktualisierten Prognosen für den Zeitraum 2026 bis 2028 sein. Sowohl das kurzfristige Wachstum als auch die Inflation für 2026, die in den EZB-Basisprognosen vom Juni bei 0,8 % beziehungsweise 3,0 % lagen, könnten nach oben revidiert werden.

Entscheidend wird jedoch die Entwicklung der Kerninflation sein, da sich mögliche Zweitrundeneffekte dort zuerst zeigen würden. Bislang ist dies jedoch nicht der Fall: Die Kerninflation sank im August von 2,5 % auf 2,4 %, während die Dienstleistungsinflation von 3,3 % auf 3,0 % zurückging.

Die Märkte rechnen spätestens bis zum ersten Quartal 2027 mit einer weiteren Zinserhöhung. Diese Einschätzung teilen wir nicht. Der Inflationsüberschuss ist nahezu vollständig auf den Energiesektor zurückzuführen. Nach Analysen der EZB lassen sich rund 90 % des diesjährigen Inflationsimpulses auf das Energieangebot zurückführen, und bislang gibt es nur wenige Anzeichen dafür, dass sich dieser breiter in der Wirtschaft ausweitet. Da ein Leitzins von 2,50 % allgemein als Obergrenze einer neutralen Spanne zwischen 1,75 % und 2,50 % betrachtet wird, würde eine weitere Zinserhöhung bedeuten, bewusst in einen restriktiven Bereich vorzudringen, um einen Angebotsschock zu bekämpfen, auf den die Geldpolitik keinen direkten Einfluss hat.

Unser Basisszenario bleibt daher, dass es keine weiteren Zinserhöhungen geben wird, sofern sich die Kerninflation oder die Lohninflation nicht erneut beschleunigen. Wir würden diese Einschätzung überdenken, falls die EZB am Donnerstag ihre Prognose für die Kerninflation 2027 deutlich nach oben revidiert oder künftige Veröffentlichungen einen erneuten Anstieg der Kerninflation und der Tariflöhne zeigen.

Das vorrangige Ziel der EZB ist die Preisstabilität. Entsprechend werden Inflationsdaten und insbesondere deren zugrunde liegende Komponenten bei der Entscheidungsfindung das grösste Gewicht haben. Der EZB-Rat wird sich dabei vor allem auf die Beständigkeit der energiegetriebenen Preissteigerungen, mögliche Anzeichen von Zweitrundeneffekten sowie die Entwicklung der Inflationserwartungen konzentrieren.

Wir erwarten, dass die EZB aktualisierte Prognosen vorlegen wird, die ein stärkeres kurzfristiges Wachstum sowie eine höhere Gesamtinflation widerspiegeln. Die Lage im Nahen Osten und insbesondere deren Auswirkungen auf die Energiepreise bleiben ein zentraler Treiber der höheren Inflationserwartungen. Daher gehen wir davon aus, dass die EZB den angebotsseitigen Charakter des Inflationsanstiegs besonders hervorheben wird, während sie gleichzeitig dessen Persistenz und das Risiko möglicher Zweitrundeneffekte aufmerksam beobachtet.

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