Columbia Threadneedle: Europäische Strompreise steigen rasant

Columbia Threadneedle: Europäische Strompreise steigen rasant

Die europäischen Strommärkte gerieten mit rasant steigenden Energiekosten und eskalierenden geopolitischen Streitereien in die Schlagzeilen, während im Vereinigten Königreich täglich Energieversorger auf dem Endkundenmarkt Insolvenz anmelden.

01.12.2021 | 07:12 Uhr

Die europäischen Strompreise sind gegenüber den Niveaus vom Januar 2021 um 100% gestiegen, angetrieben von Gas. Die niederländischen Gaspreise, die oft als stellvertretend für die europäischen Gaspreise herangezogen werden, stiegen seit Jahresbeginn um 150%1, Kohle um 76% und CO2-Gutschriften (in Kohlendioxidäquivalenten) um 80%.

In die Höhe schnellende Energierechnungen können Privathaushalte hart treffen in einer Zeit, in der die Finanzen vieler Leute aufgrund der Dominoeffekte der COVID-19-Pandemie bereits unter Druck stehen. Also, was geschieht da genau?

Steigende Nachfrage

Es herrscht zurzeit eine stärkere weltweite Nachfrage nach Gas als gewöhnlich, doch die europäischen Gasvorräte sind für die Jahreszeit ungewöhnlich gering, insbesondere in Deutschland. Dies ist auf unerwartet kälteres Wetter, geringe Windgeschwindigkeiten und Ausfälle bei konventionellen Stromerzeugungskapazitäten zurückzuführen. Daher war Europa einfach nicht in der Lage, seine Gasvorräte aufzufüllen, die zurzeit bei 72% gegenüber 94% im Vorjahr und einem Zehnjahresdurchschnitt von etwa 85% liegen2 . Hinzu kommt, dass aufgrund schlechterer Bedingungen für Wasserkraft in Lateinamerika ein Teil des Angebots an Flüssiggas (LNG) auf diesen Markt umgeleitet wurde, während Asien Europa und das Vereinigte Königreich bei LNG überbietet, insbesondere nach der jüngsten Anweisung an Staatsunternehmen in China, Brennstoffe „um jeden Preis“ zu bevorraten . Gasströme durch NordStream 2, die Gasexport-Pipeline von Russland durch die Ostsee nach Europa, könnten Druck von den Erdgaspreisen nehmen, was aber mit zusätzlichen geopolitischen Konsequenzen verbunden wäre.

Eine unglückliche Verquickung verschiedener Faktoren

Viele verweisen auf den innerhalb von zwei Jahren von 10 EUR auf 60 EUR gestiegenen CO2-Preis als einen wesentlichen Faktor für steigende Preise, aber CO2 macht weniger als 10% auf der Stromrechnung des Endverbrauchers aus. Die Netto-Null-Ziele der EU bedeuten, dass die CO2-Bepreisung bleiben wird und nach Schätzungen der Weltbank noch auf 100 EUR angehoben werden müsste. Wenngleich er also eine große Wirkung auf die Industrie hat und Posten wie Flugkosten in die Höhe treiben könnte, sehen wir den CO2-Preis nicht als eine bedeutende Triebkraft für die Energierechnungen der Endverbraucher. Ebenso wenig kann man die Kosten für den Ausbau von erneuerbare Energien verantwortlich machen. Erneuerbare sind mittlerweile in vielen Fällen die billigste Form neuer Stromerzeugungskapazitäten; es sind keine großen Subventionsbeträge mehr erforderlich, und Altkosten werden allmählich auslaufen.

Der tatsächliche Grund ist eine unglückliche Verquickung von Faktoren. CO2-Bepreisung und Kosten für Erneuerbare wären für sich genommen nicht erwähnenswert, aber sie gingen mit steigenden Rohstoffpreisen einher, mit Störungen der Lieferketten bei Exploration und Produktion fossiler Brennstoffe aufgrund der Pandemie, mit mehr geplanten und ungeplanten Ausfällen, zum Teil aufgrund von durch die Pandemie verursachten Verzögerungen, mit kaltem Wetter, mit Rekordtiefs bei den Mengen von Wind und Sonne, mit niedrigen Niveaus der Gasvorräte, insbesondere im Vereinigten Königreich und mit geopolitischen Ereignissen, darunter der Brexit und die Beziehungen Europas zu Russland. All das hat in Verbindung mit einem dramatischen Anstieg der Nachfrage nach Rohstoffen nach der Coronakrise zu steigenden Öl-, Gas- und Kohlepreisen geführt. Diese Entwicklungen der Rohstoffpreise sind die primäre Triebkraft für die Strompreisanstiege – für Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen.

Höhere Strompreise werden die Rechnungen für Verbraucher in die Höhe treiben

Im Vereinigten Königreich laufen Versorger, die sich nicht gegen steigende Preise abgesichert haben, Gefahr, dass sie es sich nicht mehr leisten können, Strom oder Gas zu kaufen, um ihre Kunden zu bedienen. Es sei darauf hingewiesen, dass die Mehrheit der Versorger Strom oder Gas nicht selbst produziert und sie einkaufen muss. Zwölf Versorger, die etwa 20% aller Versorger im Vereinigten Königreich ausmachen und von denen über zwei Millionen Kunden abhängen, haben bereits Insolvenz angemeldet, und es werden voraussichtlich noch mehr werden. Die Sorge in der Branche im Vereinigten Königreich ist bereits so groß, dass die Aufsichtsbehörde Ofgem kürzlich eine spezielle Verwaltungsstelle eingesetzt hat, die sich mit möglichen Ausfällen größerer Versorger befasst.

Erschwinglichkeit für den Kunden

Entgegen unseren anfänglichen Erwartungen scheinen Regierungen und Aufsichtsbehörden in der gesamten EU – mit Ausnahme von Spanien und dem Vereinigten Königreich – vernünftige Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, um kurzfristige markante Anstiege ihrer Strom- und Gasrechnungen in Grenzen zu halten.

Ein Stück im Tortendiagramm der Kundenrechnung entfällt normalerweise auf staatliche Abgaben und Aufschläge für Erneuerbare (in Deutschland macht die Erneuerbare-Energien-Umlage beispielsweise 22% der durchschnittlichen Rechnung eines Privathaushalts aus). Diese Abgaben und Steuern können in großen europäischen Ländern bis zu 40% der Rechnung des Endverbrauchers ausmachen4.Zu den Optionen, die Aufsichtsbehörden in Erwägung ziehen, gehören das vorübergehende Einfrieren der Tarife, die Reduzierung dieser Abgaben oder Steuern oder die Finanzierung dieser politikbedingten Kosten mit staatlichen Mitteln. Weitere Optionen sind die Streichung von Systemgebühren, steuerliche Absetzbarkeit, Rabatte und verschiedene Formen der direkten Unterstützung von bedürftigen Kunden.

In Frankreich und Portugal werden Kunden durch regulierte oder feste Einspeisetarife geschützt. Spanien hatte ursprünglich eine Sondergewinnsteuer für Erzeuger von Kern- und Wasserkraft eingeführt, hat sie aber nach konstruktiven Gesprächen mit den spanischen Versorgungsunternehmen mittlerweile wieder abgeschafft. Diese durchaus gut gemeinte Sondergewinnsteuer sollte unbeabsichtigte Gewinne für emissionsfreie Stromerzeuger zurückfordern, ohne dabei zu berücksichtigen, dass die meisten Erzeuger für mehrere Jahre festgeschriebene Preise haben und diese Gewinne daher gar nicht vereinnahmen würden und dass die Bestrafung emissionsfreier Erzeuger nicht zur Förderung weiterer Investitionen in die Energiewende führen würde.

Die EU hat nun ein sinnvolles Instrumentarium eingeführt, das eine Reihe von Optionen enthält, die Mitgliedstaaten ermöglichen, schnell auf Preissteigerungen zu reagieren und dabei die Vorgaben der EU einzuhalten.

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