MERKUR PRIVATBANK Marktthesen: Warum die Börsen stark laufen, obwohl die Welt unsicherer wird

MERKUR PRIVATBANK Marktthesen: Warum die Börsen stark laufen, obwohl die Welt unsicherer wird
Börse

Die internationalen Kapitalmärkte haben im zweiten Quartal 2026 ein Kunststück vollbracht: Trotz Krieg im Nahen Osten, geschlossener Straße von Hormus und massiver Ölpreisschwankungen eilen viele Aktienindizes von Rekord zu Rekord.

17.07.2026 | 10:56 Uhr

Getrieben wird dieser Widerspruch von zwei Kräften, die gegeneinander arbeiten: einem euphorischen Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz auf der einen Seite und den realwirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs sowie steigender Zinsen auf der anderen.
Für Anleger wie für Notenbanken stellt sich damit dieselbe Frage: Trägt der KI-Boom die Konjunktur – oder nur die Kurse?

These 1: Der KI-Boom überdeckt Konjunkturrisiken, vor allem in den USA

Im April dominierten zunächst die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Kampfhandlungen im Nahen Osten die Kursentwicklung. Mit dem Waffenstillstandsabkommen und der schrittweisen Normalisierung des Ölmarkts verschob sich der Fokus dann schnell: Ab Mai wurden es die „KI-Fantasien“, die vor allem an den US-Börsen den Takt vorgaben.
Dabei profitierten die USA gleich doppelt: vom KI-Investitionsschub und von ihrer Rolle als Netto-Ölexporteur. Trotz Trump-Zöllen zeigt sich die US-Wirtschaft robust, was höhere Renditen am US-Anleihemarkt erklärt. Die Frage ist allerdings, wie nachhaltig die hohen Bewertungen im Technologiesektor sind? Die im Juni aufgekommenen ersten Zweifel führten zu einer Sektorrotation in Richtung weniger technologielastiger Indizes – während der Dow Jones neue Rekorde markierte, legte die Tech-Werte eine Verschnaufpause ein.

Die Wall Street preist derzeit mehr Zukunftstechnologie als Gegenwartsrisiken ein. Anleger sollten unterscheiden, welche KI-Gewinner reale Cashflows liefern – und wo nur die Story glänzt.

These 2: Europa bleibt wegen Energie- und Geopolitik-Schock zurück

Auch in Europa war das zweite Quartal stark, aber im Schatten der USA. Deutschland wird durch zwei strukturelle Nachteile ausgebremst: Einerseits die geringere Tech-Gewichtung –
der DAX hat weniger direkte Profiteure des KI-Booms als US-Indizes – andererseits die
hohe Sensitivität für Energiepreise und Geopolitik: Die iranische Krise und die zeitweise Schließung der Straße von Hormus treffen eine exportorientierte, energieintensive Volkswirtschaft stärker als die USA. Zwar ist der Ölpreis nach seinem Märzsprung und teils dramatischen Schwankungen wieder nahezu auf Vorkriegsniveau zurückgekehrt, doch die Unsicherheit bleibt: Der Ausstieg der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC, steigende US-Ölexporte und ein stärkerer US-Dollar verändern die Machtverhältnisse am Energiemarkt.

Europa zahlt an den Märkten nicht für mangelnde Innovationskraft, sondern für seine Energieabhängigkeit. Für europäische Aktien wird die Frage der Energiepreise zu einem strategischen Bewertungsfaktor.

These 3: Notenbanken balancieren zwischen Inflationsangst und Wachstumsfurcht

Die Zinslandschaft erzählt eine eigene Geschichte: Während die Renditen in Europa insgesamt leicht gesunken sind, stiegen sie in den USA, was Ausdruck der robusteren Konjunktur und der restriktiveren Tonlage der Fed ist. Im Juni hob die EZB den Leitzins – erstmals seit 2023 – wieder um 0,25 Prozentpunkte an, während die die Zinsen unverändert ließ. Fed-Chef Kevin Warsh stellte das Erreichen des Inflationsziel allerdings klar in den Mittelpunkt, was Signal einer schärferen Gangart ist. Mit dem deutlichen Rückgang der Energiepreise zum Quartalsende hin, schlug der Ton allerdings um: Auf dem Notenbank-Forum im portugiesischen Sintra gaben sich sowohl EZB als auch Fed beschwichtigend. Die Märkte nahmen das dankbar auf – die Renditen gaben nach und die Risikoassets legten zu.

Die Phase des planbaren Zinsrückgangs ist vorbei. Wir treten in eine Ära datengetriebener Zickzack-Politik der Notenbanken ein – mit entsprechend höheren Schwankungen an Anleihe- und Aktienmärkten.

These 4: Die sicheren Häfen funktionieren anders als früher

Bemerkenswert ist die Entwicklung am Goldmarkt: Trotz eines von geopolitischen Risiken und Kriegsnachrichten geprägten Umfelds verlor Gold im zweiten Quartal rund 15 %. Die Gründe sind die gestiegenen Realrenditen in den USA, die als restriktiv wahrgenommene Fed-Politik und die nachlassende Flucht in „sichere Häfen“ nach der geopolitischen Entspannung. Dagegen wirkten die anhaltend hohe Nachfrage der Zentralbanken und eine robuste physische Nachfrage aus China stabilisierend und verhinderten einen noch stärkeren Preisrutsch.

„Sicherer Hafen“ ist kein Naturgesetz, sondern eine Funktion von Realzinsen und Liquiditätsbedürfnissen. Wer Risikoabsicherung sucht, muss Gold, Anleihen und Cash heute neu gewichten.

Volatile Normalität statt ruhiger Hausse

Für die zweite Jahreshälfte 2026 spricht vieles für ein moderat positives, aber schwankungsreiches Marktumfeld: Der strukturelle KI-Trend stützt die globalen Aktienmärkte, hebt aber die Messlatte für Unternehmensgewinne erheblich. Der Iran-Konflikt mag militärisch eingehegt sein, seine ökonomischen Nachwirkungen bleiben – insbesondere für Europa. Die weitere Entwicklung des Ölpreises wird zum Scharnier zwischen Inflation, Notenbankpolitik und Wachstumserwartungen. Für professionelle Anleger bedeutet das: Qualität, Diversifikation und aktives Risikomanagement werden wichtiger als die nächste große Story. Der KI-Boom könnte sich als Beginn eines realen Produktivitätsschubs erweisen – oder als Stresstest für Bewertungen.

Autorin: Stefanie Abelshauser, Portfoliomanagerin bei MERKUR PRIVATBANK

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