EdR AM: Deutschlands Wettbewerbsvorteil wird sich verstärken

Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer von Edmond de Rothschild Asset Management

Nach den massiven Einbrüchen im März legten risikobehaftete Wertpapiere im April wieder zu. Treiber dieser Entwicklung waren die konzertierten Unterstützungsmaßnahmen sowohl von Seiten der Geld- als auch der Fiskalpolitik.

13.05.2020 | 08:48 Uhr

Dennoch bleibt kurz und mittelfristig die Unsicherheit für Anleger hoch, meint Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer von Edmond de Rothschild Asset Management.

„Mit Ausnahme von Deutschland produziert kein westlicher Staat ausreichend Tests, um infizierte Personen in Quarantäne schicken zu können. Und es ist nicht einmal klar, ob die zur Verfügung stehenden Schutzmasken ausreichen werden", kommentiert Melman die medizinische Seite der Corona-Krise. Da es zudem bis zu zwölf Monate dauern könne, bis mit wirksamen Impfstoffen zu rechnen sei, dürfte die soziale Distanzierung noch länger anhalten – was die Wirtschaft weiterhin massiv belastet.

Auch der nächste Konjunkturzyklus dürfte von deutlich höherer Unsicherheit geprägt sein als in den vergangenen Phasen. Denn während Unternehmen gewöhnliche Rezessionen dazu nutzen, ihre Verschuldung zu reduzieren und ihre Ertragsfähigkeit zu steigern, sind die Vorzeichen diesmal anders: „Diejenigen Unternehmen, die die Krise überstehen, dürften danach eine noch höhere Verschuldung und vermutlich geringere Margen aufweisen", ist Melman überzeugt. Die Anzahl sogenannter „Zombie-Unternehmen" dürfte daher zunehmen, insbesondere da die politischen Entscheidungsträger alles daransetzen, die Zahl der Insolvenzen so gering wie möglich zu halten und damit auch weniger rentablen Unternehmen einen Fortbestand zu ermöglichen.

Für Unsicherheit sorgt nach Ansicht von Melman auch die im Zuge der aktuellen Krise nochmals gesteigerte Verschuldung vieler Staaten – die reduziert werden müsse. Dabei würde jedoch einerseits ein zu frühes Umlenken die wirtschaftliche Erholung behindern und daher kontraproduktiv wirken. Andererseits wären zu späte Maßnahmen sehr gefährlich angesichts der ohnehin bereits hohen Schuldenbelastung der öffentlichen Hand. „Die für die Euro-Staaten vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass Deutschland von der Krise weniger stark getroffen wird als seine Partner – was die Schere der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der verschiedenen Länder noch weiter auseinanderklaffen lässt. Auf der anderen Seite werden Italien, Frankreich und Spanien belastet durch sehr hohe Staatsschulden schwächer aus der Krise kommen", so der Experte. „Wenn die Regeln zur Staatsverschuldung wieder in Kraft treten, wird es darauf ankommen, innerhalb Europas eine sinnvolle politische und wirtschaftliche Vereinbarung zu finden."

In Bezug auf die Anlage-Allokation spricht das aktuelle Unsicherheitsniveau laut Melman für erhöhte Vorsicht. „Daher haben wir nach der Erholung Anfang des vergangenen Monats und vor dem Treffen der Eurogruppe am 23. April unsere Gewichtung in europäische Aktien reduziert. Vorerst warten wir ab, wie die institutionelle Reaktion eines Europas ausfallen wird, das sowohl ökonomisch als auch politisch zunehmend heterogen ist."
 
Und auch bei globalen Aktien ist die französische Fondsgesellschaft derzeit leicht untergewichtet, da die Situation sehr dynamisch ist und es sich um eine gänzlich neue Krise handelt. So ist die globale Wirtschaftsleistung in beispiellosem Umfang eingebrochen und auch die fiskal- und geldpolitischen Stimulusmaßnahmen besitzen einen enormen Umfang, sodass beträchtliche Kapitalbeträge auf dem Spiel stünden. Laut Melman ist es daher nur sehr eingeschränkt möglich, Parallelen aus vorangegangenen Phasen zu ziehen, um die Auswirkungen der aktuellen Krise abschätzen zu können, wie er an folgendem Beispiel veranschaulicht: „Seit dem 1. März hat sich die Bilanzsumme der US-Notenbank Federal Reserve um 2,41 Billionen US-Dollar ausgeweitet. Im Vergleich dazu war sie in den sechs Jahren nach der großen Finanzkrise und während der Umsetzung von vier quantitativen Lockerungsprogrammen um 3,6 Billionen US-Dollar gestiegen. Somit hat sich die Zentralbankbilanz bereits um zwei Drittel des Gesamtbetrages der größten und längsten jemals realisierten monetären Stimulus-Operation erhöht – in nur acht Wochen."

An den Aktienmärkten werde es Gewinner wie Verlierer geben, ist Melman überzeugt. Zudem erwartet er zwei strategische Veränderungen:

    1. Umschichtung und Konzentration: Auch innerhalb einzelner Branchen werden nicht alle Emittenten die Krise auf die gleiche Weise überstehen. Dies eröffnet beispiellose Möglichkeiten für die übrig bleibenden Unternehmen, da sie vergleichsweise einfach Marktanteile gewinnen und Preismacht durchsetzen können. Zudem werden Fusionen und Übernahmen in allen Sektoren zunehmen. Zu einer größeren Konsolidierung könnte es insbesondere im Einzelhandel, im US-amerikanischen Energiesektor und in der europäischen Automobilindustrie kommen.

    2. Schutz strategischer Kompetenzen: Zum Erhalt nationaler oder regionaler Souveränität werden bestimmte Funktionen unter besonderen Schutz gestellt. Hierzu zählt etwa das Gesundheitswesen oder Teile der Logistik. Die hierunter fallenden Unternehmen können besondere Prämien vereinnahmen.

Da mit der Wirtschaftskrise unweigerlich die Anzahl der Insolvenzen steige, sei bei Anleihen eine erhöhte Selektivität erforderlich. „Zur Risikobegrenzung innerhalb unserer Portfolios unterziehen wir die Bilanzen der Unternehmen regelmäßigen Stresstest-Simulationen", so Melman. „Wenn wir mit unserer Erwartung einer zunehmenden ‚Zombifizierung‘ der Wirtschaft richtig liegen, wird die Emittentenanalyse im Bereich Unternehmensanleihen eine Schlüsselrolle spielen." Denn während einerseits die ausgeweiteten Spreads für höhere Renditen sorgten, komme es andererseits darauf an, Anleiheausfälle vorab zu erkennen und die betreffenden Titel zu umgehen.

Eine ansonsten wenig im Blickpunkt stehende Anlageklasse verdient nach Ansicht des Experten jetzt besondere Aufmerksamkeit: „Wandelanleihen haben die von ihnen erhoffte Konvexität perfekt unter Beweis gestellt. Nachdem sie in früheren Krisen enttäuscht hatten, sind sie in den letzten Jahren tendenziell knapper geworden, sodass im vergangenen März weniger von ihnen verkauft werden konnten. Daher werden wir die Bedeutung von Wandlern innerhalb unserer Portfolios jetzt überdenken."

Insgesamt hat Edmond de Rothschild Asset Management derzeit eine fast normale Gewichtung risikobehafteter Anlageklassen. „Denn solange die Zunahme der Zentralbankbilanzen und der Wille der politischen Entscheidungsträger zur Unterstützung der Konjunktur stark bleiben, sollte sich aus der Wirtschaftskrise keine neue Finanzkrise entwickeln", erläutert Melman. Dies könne die Kurse der Wertpapiere weiter unterstützen.

Zunehmen dürfte nach Ansicht von Melman zukünftig die Differenzierung am Kapitalmarkt, da sich selbst innerhalb einzelner Segmente ebenso viele Chancen wie Risiken auftun werden. „Aktives Management wird daher seine volle Bedeutung zurückgewinnen", erwartet er.

Auch einige bereits existierende Trends dürften von der Corona-Krise verstärkt werden, ist der Experte von Edmond de Rothschild Asset Management überzeugt:

    1. Die Digitalisierung wird zunehmen, ebenso die Nutzung von Big Data-Technologien. Denn die Unternehmen werden sich weiterhin massiv technologisch fortentwickeln.

    2. Die Produktion wird regionaler aufgestellt.

    3. Die Gesundheitsausgaben werden steigen, was zu Fortschritten unter anderem bei der Impfstoff-Forschung und der Onkologie führen wird.

    4. Die Energiewende wird sich beschleunigen, da mit Konjunkturprogrammen für grüne Infrastruktur gerechnet werden kann (zum Beispiel Züge, alternative Energien oder Infrastruktur für Elektromobilität).

Unter dem Strich blickt Melman trotz der aktuellen Herausforderungen positiv nach vorn: „Auch wenn das Marktpotenzial nicht besonders attraktiv aussieht, sind wir davon überzeugt, dass die Krise gute Chancen innerhalb der Anlageklassen bietet. Jetzt kommt es darauf an, diese zu nutzen."

Den vollständigen Kommentar in englischer Sprache lesen Sie hier im PDF-Format.

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