
Nach Jahren extrem niedriger Zinsen haben sich die Vorzeichen am Rentenmarkt geändert. Steigende Renditen haben kurzfristig zu Kursverlusten geführt, zugleich aber die Ertragsperspektiven deutlich verbessert. Anleihen liefern wieder spürbare laufende Erträge und können Portfolios stabilisierend ergänzen, so Clemens Berendt Lead Portfoliomanager von der apoBank:
22.09.2026 | 11:32 Uhr
„Der laufende Ertrag ist wieder ein echter Renditebaustein und nicht mehr nur eine geringe Kompensation für Zinsrisiken. Anleihen sind wieder eine eigenständige Anlageklasse und nicht nur Portfolioversicherung. Die höheren laufenden Erträge schaffen ein solides Fundament für die zukünftige Wertentwicklung eines Anleiheportfolios. Mit jedem vereinnahmten Kupon wächst der Ertragspuffer, der mögliche Kursschwankungen im Portfolio abfedern kann.
Der globale Renditeanstieg verdeutlicht das kurzfristige Bewertungsrisiko am Anleihemarkt. Die Normalisierung der Zinskurven hat aus niedrigen laufenden Erträgen jedoch wieder attraktive Einstiegsmöglichkeiten gemacht. Unternehmensanleihen bieten mit ihrem Renditeaufschlag gegenüber Staatsanleihen noch einige Nachkommastellen mehr an Zins und werden teils sogar als die interessantere Alternative gesehen.
Die jüngsten Korrekturen zeigen jedoch, dass auch Anleihen deutlichen Kursschwankungen unterliegen können. Eine ausgewogene Laufzeitenstruktur, hohe Bonitätsqualität und aktives Risikomanagement bleiben daher entscheidend. Steigende Anleiherenditen sind für bestehende Anleger unangenehm, für die künftigen Ertragserwartungen jedoch grundsätzlich positiv. Denn der Kursverlust von heute ist die höhere Rendite von morgen. Der wichtigste Schutz einer Anleihe vor steigenden Renditen ist heute wieder ihre eigene Rendite, vorausgesetzt der Anlagehorizont ist passend gewählt.
Nicht nur die Inflation ist höher als in der vergangenen Dekade. Auch der Preis für die Unsicherheit über die Inflation ist gestiegen. Der globale Kapitalbedarf ist durch hohe Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung, Digitalisierung, Energie und künstliche Intelligenz deutlich gestiegen. Wenn Kapital strukturell knapper wird, steigt auch sein Preis.
Das historisch schwache Anleihejahr 2022 verdeutlichte nicht das Scheitern von Anleihen, sondern die Folgen extrem niedriger Ausgangsrenditen bei gleichzeitig hoher Duration. Das Umfeld stellt sich im Jahr 2026 deutlich günstiger dar. Das aktuelle Renditeniveau bietet langfristig orientierten Anlegern die Chance, attraktive Erträge über Jahre hinweg im Portfolio zu verankern. Anleihen können heute wieder mehrere Aufgaben zugleich erfüllen: laufende Erträge erwirtschaften, Risiken diversifizieren und einem Portfolio mehr Stabilität verleihen.
Tagesgeld oder Anleihen? Liquidität schützt vor Kursschwankungen, aber nicht vor dem Risiko sinkender Wiederanlagerenditen. Aktien oder Anleihen? Anleihen können und sollen Aktien nicht ersetzen. Ihre Aufgabe ist es, ein Portfolio berechenbarer und stabiler zu machen.“
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