Hohe Staatsschulden und niedrige Realrenditen erhöhen die Bedeutung von Aktien und anderen Sachwerten in der Vermögensanlage

Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer der apoBank
Analyse

Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank eG (apoBank) erwartet, dass die Staatsverschuldung in den Industrieländern in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Damit werden sich auch die Rahmenbedingungen für Anleger nachhaltig verändern.

24.08.2026 | 09:07 Uhr

Unter den großen Volkswirtschaften weisen insbesondere die USA eine ausgeprägte Schuldendynamik auf. Für die Kapitalmärkte bedeutet das: Fragen rund um Inflation, Zinsen, Realrenditen und die Rolle von Staatsanleihen rücken noch stärker in den Mittelpunkt strategischer Anlageentscheidungen.

„Hohe Staatsschulden sind weit mehr als eine Kennzahl. Sie beeinflussen langfristig, wie sich Renditen, Risikoprämien und Bewertungen an den Kapitalmärkten entwickeln“, sagt Reinhard Pfingsten, Chief Investment Officer der apoBank. „Aus unserer Sicht sind radikale Strategien der Schuldenpolitik wie harte Austerität, Hyperinflation oder eine Staatsinsolvenz, wenig realistisch. Wahrscheinlicher ist ein länger anhaltendes Umfeld, in dem Schuldenquoten vor allem über nominales Wachstum, etwas höhere Inflation und vergleichsweise niedrige Zinsen tragbar gehalten werden. Die USA haben dabei den Vorteil, mit dem US-Dollar als Leitwährung ein zentrales Vehikel zur Verfügung zu haben. Die Frage ist aber, wie stabil dieses Vehikel in Zukunft noch ist.“

Finanzielle Repression ist wahrscheinlicher als radikale Lösungen

Historisch wurden hohe Staatsschulden in großen Volkswirtschaften nur selten durch konsequente Sparprogramme oder abrupte Schuldenschnitte reduziert. Der relevantere Wegweiser für die Zukunft der Staatschulden in den Industrieländern liegt in den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Finanzierungskosten der Staaten unterhalb des nominalen Wirtschaftswachstums zurückblieben. In einem solchen Regime fallen Realzinsen häufig niedrig oder sogar negativ aus.

Den Zentralbanken kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu. Geldpolitik und regulatorische Rahmenbedingungen beeinflussen, wie stark sich Zinsen in einem Umfeld hoher Verschuldung nach oben bewegen können und damit auch, wie groß der Druck auf die Realrenditen bleibt. Für Anleger ist es deshalb entscheidend, zwischen nominalen und realen Renditen zu unterscheiden und ihre Vermögen auf Kaufkrafterhalt auszurichten.

Reale Anlagen gewinnen an Bedeutung

In einem Umfeld hoher Staatsverschuldung und niedriger Realrenditen gewinnen reale Anlagen gegenüber rein nominalen Anlageformen an Bedeutung. Dazu zählen insbesondere Aktien als Beteiligung an produktiven Unternehmenswerten. Unternehmen können steigende Kosten häufig zumindest teilweise über höhere Preise weitergeben. Umsätze und Gewinne wachsen somit mit dem Preisniveau. Das macht Aktien langfristig zu einem zentralen Baustein für den realen Vermögensaufbau.

Qualitätsaktien großer, preissetzungsstarker Unternehmen sind in einem inflationären Umfeld häufig besser positioniert, weil sie über stabile Geschäftsmodelle, starke Marken, robuste Bilanzen und eine hohe Fähigkeit zur Preisdurchsetzung verfügen. Sie können damit eher dazu beitragen, Kaufkraftverluste auszugleichen.

Neben Aktien ist Gold als Stabilitätsanker in Phasen erhöhter Unsicherheit gefragt, um zusätzliche Robustheit ins Portfolio zu bringen. Zudem können Investments in Immobilien ebenfalls zur Diversifikation beitragen. Beide Alternativen ergänzen produktive Unternehmensbeteiligungen, können diese aber nicht ersetzen.

Anleihen: Unverzichtbar für Diversifikation, Stabilität und Liquidität

Trotz der Inflationsrisiken bleiben Anleihen ein unverzichtbarer Bestandteil der strategischen Vermögensallokation. Sie verbinden Liquidität mit laufenden Erträgen und tragen zur Stabilität breit diversifizierter Portfolios bei, insbesondere in Phasen erhöhter Unsicherheit. Zudem bleiben große Staatsanleihemärkte aufgrund ihrer Tiefe und Liquidität zentral für die Funktionsfähigkeit des globalen Finanzsystems und sind in der Praxis aus vielen Portfolios nicht wegzudenken.

Innerhalb des Anleihemarktes ist jedoch eine differenzierte Allokation entscheidend. Unternehmensanleihen bieten langfristig häufig bessere Chancen auf realen Kapitalerhalt als viele Staatsanleihen, da Risikoaufschläge und höhere laufende Erträge einen Puffer gegen Kaufkraftverluste darstellen können. Auch inflationsindexierte Anleihen können in diesem Umfeld in ein Portfolio gehören. Die Balance über Laufzeiten, Emittenten und Bonitätssegmente bleibt aus Sicht der apoBank ein wichtiger Hebel, um Stabilität und Ertragspotenzial sinnvoll zu kombinieren.

Breite Diversifikation als bester Schutz vor Unsicherheit und Kaufkraftverlust

Hohe Staatsverschuldung und strukturell niedrige Realrenditen erhöhen die Anforderungen an die strategische Vermögensstruktur. Entscheidend ist eine Ausrichtung auf Kaufkrafterhalt mit einem klaren Fokus auf reale Ertragsquellen und einer robusten Diversifikation über Anlageklassen hinweg.

„Für langfristig orientierte Anleger ist in einem Umfeld hoher Staatsschulden nicht die Vermeidung jeder Schwankung entscheidend, sondern eine robuste Struktur für Kaufkrafterhalt“, so Pfingsten. „Eine breite Mischung aus Aktien, weiteren Sachwerten und Anleihen bleibt aus unserer Sicht der beste Schutz vor Unsicherheit und Kaufkraftverlust. Mit Qualitätsaktien als Kernbaustein, Anleihen als Stabilitäts- und Liquiditätsanker und ausgewählten Sachwerten zur zusätzlichen Diversifikation.“

Weitere Informationen: Sonderpublikation „Die Zukunft der Staatsschulden“

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