abrdn: Bessere Zeiten für chinesische Aktien in Sicht?

Nach der deutlichen Schwäche zu Beginn des Jahres 2022 haben sich sowohl die On- als auch die Offshore-Märkte für chinesische Aktien zuletzt stark erholt.

02.08.2022 | 08:01 Uhr

Alex Smith, Equity Investment Specialist, abrdn

Im Zeitraum von Ende April bis zum 22. Juli ließ der Shanghai A-share Index den S&P 500 um 11% und den MSCI Emerging Markets Index um 15% hinter sich. Diese Erholung folgte auf eine Underperformance chinesischer Aktien über den Großteil des vergangenen Jahres hinweg, nachdem die Regierung im Sommer 2021 ihre Kampagne für „gemeinsamen Wohlstand“ lanciert hatte.

Für Anleger stellt sich nun die wichtige Frage, ob diese positive Entwicklung beibehalten werden kann.

Treiber der zuvor zu beobachtenden Schwäche

Chinesische Aktien sind seit Ende 2021 einem schwierigen Konjunkturumfeld ausgesetzt. Die jüngsten Konsenserwartungen gehen davon aus, dass sich das chinesische Wirtschaftswachstum in diesem Jahr verglichen mit 2021 von 8,4% auf 4,2% halbieren wird.1 In dieser deutlichen Verlangsamung kommen der anhaltende Abschwung im Immobiliensektor des Landes sowie die Fortsetzung der Null-Covid-Politik zum Ausdruck, welche abträgliche Lockdowns in wichtigen Handelszentren wie Schanghai und Shenzhen zur Folge hatte. Die Anleger an den chinesischen Aktienmärkten hatten überdies – sowohl im In- wie auch im Ausland – mit einem nachteiligen Regulierungsumfeld zu kämpfen.

Nachlassende Belastungsfaktoren

Die jüngste starke Rally und Outperformance chinesischer Aktien war dem Nachlassen einiger wesentlicher Belastungsfaktoren zu verdanken. Was Covid anbelangt, so trug die Nulltoleranzpolitik Chinas effektiv dazu bei, die Zahl der neuen Fälle deutlich zu senken, wobei der 7-Tages-Durchschnitt der täglichen Neuinfektionen am 24. Juli bei weniger als 1.000 lag und damit nur einen Bruchteil des Mitte April 2022 verzeichneten Hochs von beinahe 30.000 Fällen darstellte. Dies ermöglichte es der Regierung, einige Maßnahmen zu lockern, was unter anderem weniger strenge Quarantäneregelungen zur Folge hatte. Wie nachfolgend dargelegt spiegelte sich dies zuletzt in einer Zunahme der Wirtschaftsaktivität in China wider.

Chinesische Wirtschaftsaktivität erholt sich

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Quelle: Research Institute, abrdn, Juli 2022

Mit Blick auf die Regulierung sind ebenfalls klare Anzeichen eines weniger strengen neuen Regimes zu beobachten, was den Druck ein wenig mindert. Beispielsweise erlaubte die Regierung der Ant Group, einem mit dem Online-Handelsriesen Alibaba verbundenen Unternehmen, im Juni, ihre Bemühungen um eine Börsennotierung in Schanghai und Hongkong wieder aufzunehmen.

Vergleichsweise günstiges politisches Umfeld

Ein weiterer Faktor, der zuletzt zur besseren Performance beigetragen hat, ist das im Vergleich deutlich zuträglichere geld- und fiskalpolitische Umfeld in China. Anders als praktisch alle anderen wichtigen Zentralbanken hat sich die People‘s Bank of China bislang nicht dazu bewogen gesehen, dem globalen Trend zu folgen und die Leitzinsen deutlich anzuheben. Ganz im Gegenteil: Seit Anfang 2022 hat sie die Geldpolitik sogar mehrmals durch eine Kombination aus Leitzinssenkungen und niedrigeren Mindestreservesätzen gelockert. Diese von anderen Ländern deutlich abweichende geldpolitische Haltung ist durch die vergleichsweise niedrige Inflation in China möglich, die im Juni im Vorjahresvergleich lediglich 2,5% betrug.

Auch die Fiskalpolitik gestaltet sich in China derzeit wesentlich entgegenkommender als im Rest der Welt. Beispielsweise sind unsere Ökonomen der Ansicht, dass vor allem die Infrastrukturinvestitionen deutlich von den Bemühungen profitieren könnten, die Anleihenemissionen der Lokalregierungen anzukurbeln.

Bewertungen schließen weitere Outperformance nicht aus

Trotz der jüngsten Rally sind chinesische Aktien weiterhin attraktiver bewertet als viele globale Aktienmärkte. So legt das Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des MSCI China Index von 11,1 eine merklich günstigere Bewertung im Vergleich zum MSCI US Index (16,3) und MSCI All Countries World Index (14,2) nahe.(2).

Gleichzeitig erscheinen die Gewinnprognosen für chinesische Unternehmen mehr als angemessen – für 2023 geht der Konsens von einem Umsatzwachstum von 7% und einer Nettomarge von 4,7% aus, was ausgehend von der erwarteten niedrigeren Basis in diesem Jahr ein Wachstum des Gewinns je Aktie von 15% zur Folge hätte.(3).

Risikofaktoren

Bei all dem Optimismus in Bezug auf den Ausblick für chinesische Aktien sollten allerdings einige recht schwer wiegende Risikofaktoren nicht außer Acht gelassen werden. Zum einen wurden die pandemiebedingten Beschränkungen in den vergangenen zwei Monaten zwar schrittweise gelockert. An der grundsätzlichen Null-Covid-Politik hält die Regierung aber weiterhin unvermindert fest. Dies bedeutet, dass neue Beschränkungen nach wie vor denkbar sind, wenngleich unseres Erachtens ein wesentlicher Unterschied darin bestehen dürfte, dass künftige Lockdowns wesentlich gezielter und angepasster erfolgen werden.

Zum anderen stellt der wichtige Immobiliensektor, der einigen Schätzungen zufolge zusammen mit den damit verbundenen Dienstleistungen rund 25-30% des chinesischen BIP ausmacht, weiterhin einen Belastungsfaktor dar. Bis eine weitere Entschuldung bewerkstelligt worden ist, wird der Sektor wohl weiterhin anfällig auf Negativmeldungen reagieren. Zuletzt haben beispielsweise die Sorgen darüber zugenommen, dass die Zahl der Hypothekenausfälle steigen könnte, da sich eine Vielzahl von Eigenheimbesitzern einem landesweiten Boykott von Hypothekenzahlungen für nicht fertig gestellte Wohnhäuser angeschlossen hat. Angesichts der potenziellen Nachahmungseffekte gehen wir aber davon aus, dass die Behörden dieser Entwicklung äußerst proaktiv begegnen werden.

Zusammenfassung

Alles in allem bestehen unserer Ansicht nach genügend Gründe für eine relativ optimistische Einschätzung der Aussichten für chinesische Aktien. Zu nennen wären insbesondere die weniger strengen Covid-Beschränkungen, der nachlassende regulatorische Druck, die entgegenkommende Geld- und Fiskalpolitik sowie die relativ günstigen Bewertungen, die für anhaltendes Outperformance-Potenzial sprechen. Gleichzeitig sollten aber die Risiken nicht außer Acht gelassen werden, vor allem im Hinblick auf die dynamische Covid-Politik und die anhaltenden Probleme im für die Wirtschaft wichtigen Immobiliensektor.

Insgesamt unterstreicht das aktuelle Umfeld unseres Erachtens die Notwendigkeit eines selektiven Anlageansatzes, der auf chinesische Unternehmen mit attraktiven Fundamentaldaten, geringem Exposure gegenüber makroökonomischen Risikofaktoren und günstigen Bewertungen abzielt.

Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf künftige Erträge zu.

Quellen

  1. Consensus Economics, 11. Juli 2022
  2. „Global Index Briefing: MSCI Forward P/Es“, Yardeni Research Inc., 19 Juli 2022
  3. China Equity Strategy – Bullish 2H22 outlook on macro & micro, J.P.Morgan, 22. Juni 2022

Investitionen beinhalten Risiken. Der Wert von Anlagen und die daraus entstehenden Erträge können sowohl fallen als auch steigen, und es ist möglich, dass ein Investor weniger als den investierten Betrag zurückerhält. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf zukünftige Ergebnisse zu.

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