Goldpreis im Fokus: Weshalb Minenaktien weiter stark profitieren
In den vergangenen drei Jahren hat der Goldpreis trotz der jüngsten Verluste kräftig hinzugewonnen. In unserer sechsteiligen Serie gehen wir der Frage nach, inwieweit das gelbe Edelmetall vor dem Beginn einer Neubewertung steht. Teil 3: Weshalb Goldminenaktien noch viel Gewinnpotenzial bieten02.02.2026 | 14:00 Uhr von «Tim Bröning»
Die Notierungen für Edelmetalle sind aktuell auf Berg-und Tafahrt. Nach einem zwischenzeitlichen Rekordpreis von knapp 5600 US-Dollar je Unze (31,1 Gramm) in der vergangenen Woche, ging es bis Montag (2.2.2026) wieder auf unter 5000 US-Dollar je Unze bergab. Nichtsdestotrotz legte das gelbe Edelmetall in den vergangenen drei Jahren mit einem Plus von über 150 Prozent eine eindrucksvolle Rally hin, deren Folgen wir in unserer sechsteiligen Serie analysieren.
Nach Folge 2 ist deutlich geworden, warum Gold als „stiller Maßstab“ wirkt. Nicht weil es Mode wäre, sondern weil es Geldqualität misst – und in einem Fiat-System Vertrauen sichtbar macht. Die nächste Frage liegt damit auf der Hand: Wenn der Goldpreis so stark gestiegen ist – ist das Beste bei Goldminen nicht längst gelaufen? Die Antwort ist für viele überraschend.
Explodierende Margen bei Goldproduzenten
Goldminen sind betriebswirtschaftlich leicht zu verstehen – zumindest im ersten Schritt. Entscheidend ist, wie groß die Differenz zwischen dem Goldpreis und den Gesamtkosten pro geförderter Unze ist. Eine zentrale Kennzahl dafür sind die All-in Sustaining Costs (AISC). Sie umfassen nicht nur Förderkosten, sondern auch laufende Investitionen, die nötig sind, um Produktion und Reserven aufrechtzuerhalten.
Besonders eindrucksvoll ist der Vergleich zwischen heute und Anfang 2024 – also jener Phase, in der der Goldpreis den jahrelangen Widerstand bei 2.000 US-Dollar je Unze hinter sich ließ.
Anfang 2024 lag der Goldpreis bei rund 2.050 US-Dollar. Die durchschnittlichen AISC der Branche betrugen grob 1.400 US-Dollar. Daraus ergab sich ein Gewinn von etwa 650 US-Dollar je Unze – eine operative Marge von gut 30 Prozent.
Grafik: Gesamtkosten Goldförderung je Unze in US-Dollar
Heute, knapp zwei Jahre später, sind die AISC laut dem World Gold Council zwar gestiegen – auf rund 1.550 US-Dollar, also um etwa 10 Prozent. Der Goldpreis notiert jedoch rund 140 Prozent höher bei etwa 5.000 US-Dollar. Das verändert die Rechnung dramatisch. Der Überschuss liegt nun bei etwa 3.450 US-Dollar je Unze – und damit mehr als 70 Prozent höher als das jahrelange All-Time-High des Goldpreises in Höhe von 2.000 US-Dollar, das bis vor zwei Jahren noch Bestand hatte.
Mit anderen Worten: Der Gewinn pro Unze hat sich in nur zwei Jahren von rund 650 auf rund 3.450 US-Dollar mehr als verfünffacht, während sich der Goldpreis „nur“ verzweieinhalbfacht hat. Gold ist also stark gestiegen, aber die betriebswirtschaftliche Hebelwirkung bei den Produzenten ist deutlich größer.
(Die dargestellte Rechnung ist eine Branchen-Überschlagsrechnung zur Veranschaulichung. Einzelne Unternehmen unterscheiden sich u. a. in Erzgehalten, Energiepreisen, Länderprofil, Steuern/Royalties, Sustaining Capex und Hedging.)
Warum stark gestiegene Goldminen heute günstiger bewertet sein können
Hier liegt der Punkt, der viele Anleger überrascht. Wenn sich Gewinne und Cashflows so stark verbessern, kann eine Aktie trotz deutlichem Kursanstieg günstiger bewertet sein – schlicht, weil der Gewinn schneller wächst als der Kurs.
Genau das zeigt die relative Entwicklung. Der Goldpreis ist seit Anfang 2024 um rund 144 Prozent gestiegen. Der NYSE Arca Gold BUGS Index (HUI) legte im selben Zeitraum um etwa 263 Prozent zu. Das ist eine beeindruckende Rally. Im Verhältnis zu einer Gewinnentwicklung, die sich überschlagsweise mehr als verfünffacht hat, ist das jedoch kein Zeichen von Überbewertung – sondern ein Hinweis darauf, dass sich die Fundamentaldaten besser entwickelt haben als die Bewertung.
Wenn sich der operative Überschuss pro Unze also verfünffacht, der Goldminenindex jedoch „nur“ verdreieinhalbfacht, dann sind Bewertungskennzahlen wie KGV oder Cashflow-Multiples im Durchschnitt gesunken. Goldproduzenten sind damit heute – trotz gestiegener Kurse – vielfach günstiger bewertet als vor zwei Jahren.
Viele Produzenten weisen heute also eine völlig andere Ertragsqualität auf als noch vor wenigen Jahren. Was früher ein zyklischer Sektor mit hohem Kapitalkonsum war, entwickelt sich – zumindest in dieser Phase des Zyklus – zu einem Free-Cashflow-Geschäft.
Der stille Umbau der Bilanzen
Der wichtigste Effekt des Margenanstiegs ist nicht, dass die Gewinne optisch höher aussehen. Entscheidend ist, was als freier Cashflow tatsächlich übrigbleibt – also Mittel, die nach Investitionen verfügbar sind.
Genau hier hat sich die Branche spürbar verändert. In den vergangenen Jahren nutzten viele Produzenten den Rückenwind, um Schulden abzubauen, Laufzeiten zu verlängern und die Zinslast zu reduzieren. In einem Umfeld steigender Kapitalkosten ist das mehr als bloße Kosmetik. Es erhöht den finanziellen Handlungsspielraum und senkt das Risiko, im nächsten Abschwung erneut in eine Notfinanzierung gedrängt zu werden.
Damit verschiebt sich auch die Wahrnehmung. Goldminen sind nicht mehr nur „Wetten“ auf einen steigenden Goldpreis. Sie werden – bei entsprechender Auswahl – zu Cashflow-Unternehmen mit bilanziellem Puffer.
Und daraus ergibt sich eine zentrale Schlussfolgerung. Selbst wenn der Goldpreis nicht weiter steigt, sind in vielen Unternehmensbewertungen heute deutlich niedrigere Goldpreise eingepreist, als die, die aktuell realisiert werden. Kurspotenzial entsteht also nicht nur aus dem nächsten Goldpreissprung, sondern aus der Möglichkeit, dass der Markt die neue Cashflow-Realität erst noch vollständig einpreisen wird. Die zukünftigen Quartalszahlen und die später sichtbar werdenden Ganzjahreseffekte werden den heutigen Bewertungsabschlag verdeutlichen.
Zwischenfazit – Goldminen glänzen wieder
Goldminen sehen heute anders aus. Sie sind kein launischer Rohstoffanhang mehr, sondern ein betriebswirtschaftlicher Hebel auf die Goldpreisentwicklung.
- Ein steigender Goldpreis wirkt auf Produzenten überproportional, weil Kosten (AISC) deutlich langsamer steigen
- Kursanstiege bedeuten nicht automatisch „teurer“. Wenn Gewinne schneller wachsen, können Bewertungen trotz hoher Kursgewinne günstiger werden.
- Der entscheidende Unterschied ist Cashflow – und der Umbau der Bilanzen durch Schuldenabbau.
Viele der Goldproduzenten können daher trotz Rally fundamental günstiger sein als vor zwei Jahren – weil die Ertragsbasis schneller gewachsen ist als die Bewertung.
Und genau hier beginnt der nächste spannende Teil der Geschichte: Was passiert mit den Massen an Geld? Wenn Produzenten plötzlich Milliarden an freiem Cashflow generieren und weniger oder gar keine Schulden tragen, stehen sie vor für die Branche ungewohnten strategischen Entscheidungen: Dividenden, Aktienrückkäufe – oder Übernahmen.
In Folge 4 geht es deshalb um die Konsequenzen dieser neuen Cashflow-Welt: Kapitaldisziplin, Bewertungsmaßstäbe und die M&A-Logik einer Branche, die ihre Reserven ersetzen muss – und diesmal hoffentlich nicht die Fehler früherer Zyklen wiederholt.
Hier lesen Sie den ersten Teil der TiAM FundResearch-Serie: „Gold auf Rekordkurs: Was das Edelmetall so wertvoll macht“
Hier lesen Sie den zweiten Teil der TiAM FundResearch-Serie: „Gold auf Rekordkurs: Welche Faktoren den Preis wirklich treiben"
Zum Autor: Tim Bröning ist Diplom-Ökonom und Betriebswirt und bereits seit über 30 Jahren an der Börse und im Finanzmarkt aktiv. Er arbeitete viele Jahre bei der Siemens AG sowohl im Energiebereich als auch für den Zentralvorstand in der Strategie- sowie M&A-Abteilung, wo er sich früh mit Marktanalysen, strategischer Ausrichtung und Unternehmensbewertung beschäftigte. Die letzten 15 Jahre war er ausschließlich in hohen Führungspositionen im Finanzdienstleistermarkt tätig, wo er sich u.a. auf makroökonomische Fragestellungen, die Fondsanalyse und die Fondsauswahl fokussierte. Ein besonderer Fokus gilt seit Jahren dem Rohstoffmarkt. Tim Bröning ist heute selbstständig. Mehr unter www.broening-investment.de.