„Energieinfrastruktur ist so essenziell wie sauberes Trinkwasser“
Klaus Gierling, Senior Managing Director beim Vermögensverwalter Capital Dynamics, erläutert, warum Versorgungssicherheit zum entscheidenden Treiber der Energiewende geworden ist, welche Rolle private Investoren spielen und weshalb Energieinfrastruktur für langfristig orientierte Anleger unverzichtbar bleibt.18.02.2026 | 13:00 Uhr von «Jörn Kränicke»
TiAM FundResearch: Herr Gierling, Capital Dynamics ist seit vielen Jahren im Bereich erneuerbare Energien aktiv. Wie würden Sie den aktuellen Stand der Energiewende beschreiben?
Klaus Gierling: Wie Sie sagen, verfügt Capital Dynamics über eine starke Tradition sowohl im Mid-Market-Private-Equity-Investing als auch im Bereich Clean-Energy-Infrastruktur. Die erneuerbaren Energien sind aus meiner Sicht längst aus den Kinderschuhen herausgewachsen. In den 2010er-Jahren war der Ausbau stark politisch getrieben – Stichwort Einspeisevergütungen und Subventionen. Diese Phase ist abgeschlossen. Heute sind viele erneuerbare Projekte, etwa Solarparks in Südeuropa, die günstigste Form der Stromerzeugung – ganz ohne staatliche Förderung. Das liegt vor allem an massiv gesunkenen Komponentenpreisen und technologischen Fortschritten.
Welche Faktoren treiben den Clean Energy Markt aktuell besonders stark?
Neben dem Klimaschutz ist ein zweiter, sehr wichtiger Treiber hinzugekommen: die Versorgungssicherheit. Spätestens seit dem Krieg in der Ukraine ist klar geworden, dass erneuerbare Energien nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein geopolitisches Thema sind.
Hat sich dadurch auch die politische Sichtweise auf die Energiewende verändert?
Ja, durchaus. Die Energiewende wird inzwischen technologieoffener diskutiert. Gleichzeitig halten Politik und Regierungen an den Klimazielen fest. Fördermaßnahmen etwa für Elektromobilität oder Elektrifizierung führen strukturell zu einem steigenden Strombedarf.
Der starke Ausbau erneuerbarer Energien bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Wo sehen Sie aktuell die größten Engpässe?
Der Bedarf an erneuerbaren Energien, ist meiner Meinung nach aus volkswirtschaftlicher Sicht, ungebrochen. Aber wir sind jetzt in einer neuen Phase, wie wir sie in der Vergangenheit nicht gekannt haben. Ein zentrales Thema sind die Netze. Der hohe Anteil wetterabhängiger Stromerzeugung stellt die bestehende Infrastruktur vor neue Anforderungen. Deshalb rücken Netzausbau, intelligente Netze und Batteriespeicher stärker in den Fokus.
Wo sehen Sie aktuell die Schwerpunkte – Solar oder Wind?
Das ist stark regional abhängig. Entscheidend sind Standortfaktoren und vor allem die Netzverfügbarkeit. Die reine Stromerzeugung ist nur ein Teil der Lösung. Netze, Speicher und Stabilisierung sind mindestens genauso wichtig.
Welche Rolle spielen spezialisierte Investoren in diesem Umfeld?
Eine sehr große. Es gibt keinen einheitlichen europäischen Strommarkt, sondern viele regionale Teilmärkte. Wer investieren will, braucht tiefes technisches und regulatorisches Verständnis. Die Marktdynamik in den jeweiligen Ländern und Regionen ist sehr unterschiedlich. Gibt es zu einem Zeitpunkt weniger Projekte und mehr Nachfrage, dann haben sie natürlich eine stärkere Verhandlungsposition.
Ein wichtiger Trend sind langfristige Stromabnahmeverträge (PPAs). Warum gewinnen sie an Bedeutung?
Immer mehr große Stromabnehmer wollen sich langfristig günstigen und planbaren Strom sichern. Heute stehen wirtschaftliche Argumente im Vordergrund. PPAs bieten Planungssicherheit für beide Seiten.
Capital Dynamics hat kürzlich einen PPA mit McDonald’s in Großbritannien abgeschlossen. Wie funktionieren solche Verträge?
Das ist ein Paradebeispiel, immer mehr Unternehmen verstehen und erkennen die Vorteile von PPAs. Es gibt unterschiedliche Modelle – von festen Liefermengen bis zu „Pay as produced“. Wir bevorzugen Letzteres, da es Risiken realistischer abbildet. Entscheidend sind die Vertragsstruktur und der jeweilige Markt.
Wie schätzen Sie die langfristigen Perspektiven für erneuerbare Energien und Infrastrukturinvestments ein?
Der strukturelle Bedarf ist ungebrochen. Rechenzentren, Streaming, grüner Wasserstoff – all das spricht für steigenden Strombedarf. Ich kann mir keine Welt ohne massiv wachsende Strominfrastruktur in den kommenden Jahrzehnten vorstellen.
Warum sind Infrastruktur und erneuerbare Energien aus Anlegersicht so interessant?
Weil sie langfristig angelegt sind. Investitionen zahlen sich über Jahre aus – dafür sind Private-Equity-Strukturen mit längeren Haltedauern prädestiniert.
Mit Blick auf die breitere Private-Markets-Branche: Ist ESG für institutionelle Investoren nach wie vor wichtig?
Absolut. Nachhaltige Maßnahmen kosten zunächst Geld und entfalten ihren Nutzen oft erst später. Private Equity bietet dafür den nötigen Zeithorizont.
Viele Jahre galten die USA als Mekka für institutionelle Investoren. Hat sich diese Sicht verändert?
Die USA bleiben wichtig, aber wir merken, dass Investoren heute genauer auf mögliche Risiken schauen. Währungs- und fiskalische Risiken werden bewusster kalkuliert als früher.
Spielen Schwellenländer dadurch eine größere Rolle?
Für unsere Kundengruppe eher nicht. Schwellenländer haben ein anderes Risikoprofil. Für klassische institutionelle Investoren steht Stabilität im Vordergrund.
In Deutschland werden große fiskalische Pakete für Infrastruktur diskutiert. Gibt das Rückenwind?
Es ist unterstützend, aber löst keinen Boom aus. Staatliche Investitionen können aber durchaus private Investitionen flankieren – etwa bei Netzen oder Energieversorgung.
Mit Blick auf Private Equity: Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um in diese Anlageklasse zu investieren?
Aus unserer Sicht besteht derzeit ein sehr gutes Umfeld, insbesondere im Mittelstand. Unternehmen stehen vor tiefgreifenden Transformationen von KI bis hin zu Zöllen und neuen Warenströmen – hier kann Private Equity Mehrwert liefern.
Inwiefern?
Private-Equity-Investoren sind oft strategische Partner, fast schon Unternehmensberater, nicht nur Kapitalgeber. Siestellen Netzwerke, Erfahrung und operative Expertise zur Verfügung, das unterstützt bei der Transformation.
Wie stark ist der Wettbewerb in Private Equity um attraktive Investitionsobjekte?
Große Plattforminvestments sind stark umkämpft, da liegt aber nicht unser Fokus. Im Mittelstand zählen hingegen Vertrauen, Übergangsmodelle und langfristige Perspektiven.
Zurück zum Clean-Energy-Sektor: Welche Rolle spielt Regulierung bei Infrastruktur- und Energieinvestments?
Sie wird komplexer. Aktuell erleben wir einen Prozess, die ESG-Regulatorik in Europa wieder anzupassen. Aber es gibt weiterhin einen klaren politischen Willen, privates Kapital gezielt zu mobilisieren.
Rechnen Sie mit zusätzlichen steuerlichen Anreizen?
Eher nicht pauschal. Politik setzt stärker auf gezielte Lenkung von Investitionen in Zukunftsbereiche, um dort Wachstum zu generieren.
Und was bedeutet das für institutionelle Investoren?
Infrastruktur und erneuerbare Energien sind ein zentraler Baustein langfristiger Portfolios: stabile Cashflows, gesellschaftlicher Nutzen und geringe Zyklik.
Ihre abschließende Botschaft für Anleger?
Wir brauchen günstige, saubere und verlässliche Energie. Erneuerbare Energien funktionieren nur mit stabiler Infrastruktur. Energieinfrastruktur ist so essenziell wie sauberes Trinkwasser – wer langfristig denkt, kommt an diesem Thema nicht vorbei.