Vom Hype zum Kerninvestment: Warum Themenfonds erwachsen werden

Themenfonds haben einen Boom erlebt – und eine Ernüchterung. Karen Kharmandarian von Mirova erklärt, warum viele Trends nicht von langer Dauer sind, welche Megathemen jetzt punkten und weshalb Themenstrategien zunehmend ihren Platz in institutionellen Portfolios finden.

06.05.2026 | 10:00 Uhr von «Jörn Kränicke»

TiAM FundResearch: Thematische Fonds haben in den letzten Jahren stark an Popularität gewonnen. Woran liegt das?

Karen Kharmandarian: Wir befinden uns gewissermaßen im „goldenen Zeitalter“ thematischer Anlagen. Ein wesentlicher Grund für ihren Erfolg ist, dass Anleger die zugrunde liegenden Ideen intuitiv verstehen. Es geht nicht nur um ein Finanzprodukt, sondern um konkrete Themen – etwa Klimawandel, Umwelt oder technologische Innovation. Viele Investoren sind überzeugt, dass diese Entwicklungen die Zukunft prägen, und möchten ihre Investitionen gezielt in diese Bereiche lenken. Allerdings hat sich nach der COVID-Phase gezeigt, dass nicht alle Produkte nachhaltig erfolgreich waren. Einige Anbieter haben Trends aufgegriffen, die zwar kurzfristig attraktiv erschienen, aber keine langfristige Investmentlogik hatten. Das hat zu Enttäuschungen geführt. 2024 kam es sogar zu deutlichen Mittelabflüssen bei vielen Fonds, auch wenn sich ein Teil davon inzwischen wieder erholt hat.

Welche Rolle spielen thematische Fonds heute in Anlegerportfolios?

Kharmandarian: Bei Privatkunden und im Wholesale-Bereich sehen wir steigende Allokationen – oft von ursprünglich etwa fünf Prozent auf mittlerweile bis zu 20 Prozent. Institutionelle Investoren haben thematische Strategien zunächst eher als Beimischung genutzt, etwa als Diversifikator oder Performance-Treiber. Inzwischen beobachten wir jedoch einen Wandel: Gerade mit dem Aufkommen multi-thematischer Strategien integrieren institutionelle Investoren solche Ansätze zunehmend in ihre Core-Allokation. Besonders Versicherungen nutzen sie gerne, da thematische Investments langfristig ausgerichtet sind und gut zu ihren langfristigen Verpflichtungen passen.

Wie stehen Sie zur wachsenden Konkurrenz durch thematische ETFs?

Kharmandarian: Ich sehe ETFs nicht primär als Konkurrenz, sondern als ergänzendes Instrument. Klassische passive ETFs bilden meist breite Indizes ab und unterscheiden sich deutlich von thematischen Strategien. Spannender ist die Entwicklung aktiver ETFs. Sie bieten eine alternative Hülle für aktive, thematische Ansätze und sprechen neue Anlegergruppen an – insbesondere jüngere Investoren, die über digitale Plattformen investieren. Es geht also weniger um Wettbewerb, sondern um unterschiedliche Zugangswege zum gleichen Investmentansatz.

Welche Megatrends stehen derzeit im Fokus der Investoren?

Kharmandarian: Technologische Innovation ist aktuell der sichtbarste und kurzfristig bedeutendste Trend. Demografische Entwicklungen sind ebenfalls sehr bedeutend, wirken aber eher langfristig. Ein weiterer zentraler Bereich sind Umwelt- und Klimathemen. Diese sind derzeit politisch etwas weniger im Fokus, aber die zugrunde liegenden Probleme verschwinden nicht – im Gegenteil, sie werden wieder stärker in den Vordergrund rücken. Zunehmend wichtig wird auch das Thema Geopolitik: Lieferketten, Standortverlagerungen, Automatisierung und technologische Souveränität beeinflussen Geschäftsmodelle massiv. Daraus ergeben sich Chancen in Bereichen wie Robotik, Sicherheit oder Wasserinfrastruktur.

Wie stellen Sie sicher, dass ein Trend langfristig tragfähig ist?

Kharmandarian: Das ist ein zentraler Punkt. Ein Thema muss nicht nur attraktiv erscheinen, sondern auch als Investment funktionieren. Dafür braucht es ein ausreichend großes und diversifiziertes Anlageuniversum – über verschiedene Regionen, Sektoren und Geschäftsmodelle hinweg. Sehr enge Themen, etwa im Bereich Raumfahrt, sind oft problematisch, weil sie zu stark konzentriert sind. Zudem müssen wir sicherstellen, dass das Thema über verschiedene Marktphasen hinweg Bestand hat. Kurzlebige Trends oder einzelne Technologien reichen nicht aus.

Wie sieht ein typisches Portfolio eines Themenfonds aus?

Kharmandarian: Unser Anlageuniversum umfasst in der Regel 200 bis 300 Unternehmen. Daraus konstruieren wir konzentrierte Portfolios mit etwa 30 bis 60 Titeln. Das erlaubt uns, klare Überzeugungen umzusetzen, gleichzeitig aber ausreichend zu diversifizieren.

Welche Rolle spielt ESG in Ihrem Investmentprozess?

Kharmandarian: ESG ist ein integraler Bestandteil unseres Ansatzes. Es beeinflusst sowohl die Zusammensetzung des Anlageuniversums als auch die Einzeltitelauswahl. Neben klassischen Kriterien wie Geschäftsmodell, Managementqualität und Marktstellung ist ESG eine gleichwertige Säule. Darüber hinaus halten wir ökologische, soziale und Kriterien der guten Unternehmensführung aktiv nach, wenn wir mit den Unternehmen in Dialog treten, etwa bei Hauptversammlungen. Verbesserungen bei der Nachhaltigkeit in diesem Bereich können Risiken reduzieren und langfristig auch die Profitabilität steigern.

Gibt es Einschränkungen durch ihre ESG-Kriterien?

Kharmandarian: Ja, aber sie sind je nach Thema unterschiedlich relevant. Bei bestimmten Strategien – etwa in den Bereichen KI oder Robotik – schließen wir beispielsweise einen Teil der Unternehmen aufgrund kontroverser militärischer Aktivitäten aus. Das kann etwa zehn Prozent des Universums betreffen, ist aber aus Investmentperspektive gut verkraftbar.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Portfolios ausreichend liquide sind?

Kharmandarian: Wir achten sehr bewusst auf Kapazitätsgrenzen. Zu große Fonds schränken die Flexibilität ein und erschweren Investitionen in kleinere, weniger liquide Unternehmen – gerade dort, wo wir oft attraktive Chancen sehen. Wenn ein Fonds zu groß wird, besteht die Gefahr, dass man sich auf große Standardwerte beschränkt und weniger echte Überzeugungen umsetzen kann. Deshalb steuern wir die Fondsgröße aktiv, um unsere Strategien konsequent umsetzen zu können.

Planen Sie demnächst neue Themenfonds zu lancieren?

Kharmandarian: Wir prüfen kontinuierlich neue Themen. Allerdings dauert es mehrere Monate, bis aus einer Idee ein marktreifes Produkt wird. Wir müssen sicherstellen, dass das Thema langfristig tragfähig ist, ein ausreichend großes Anlageuniversum bietet und echten Einfluss auf Wachstum und Profitabilität der Unternehmen hat. Unser Ziel ist es nicht, kurzfristigen Trends hinterherzulaufen, sondern nachhaltige Investmentlösungen zu entwickeln, die über viele Jahre Bestand haben.

Zur Person:

Karen Kharmandarian ist Portfolio Manager bei Mirova. Karen kam 2019 zum Unternehmen und begann seine berufliche Laufbahn im Jahr 1994. Vor seiner Zeit bei Mirova war er bei Pictet AM, IXIS AM, Aurel-Leven und Société Générale tätig. Kharmandarian hat einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaft sowie einen Master-Abschluss in Bankwesen und Finanzen der Université de la Sorbonne und hat einen kaufmännischen Studiengang am Institut d’Etudes Politiques (Paris) abgeschlossen.

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