Flucht aus dem US-Dollar

TiAM FundResearch blickt auf die Woche zurück und gibt einen Ausblick auf die kommenden Tage. Diesmal im Fokus: das schwindende Vertrauen in den US-Dollar.

26.01.2026 | 09:15 Uhr von «Matthias von Arnim»

Rückblick auf die vergangene Woche

„Die Investitionen Dänemarks in US-Staatsanleihen sind, wie Dänemark selbst, irrelevant“. Dieser Satz, ?am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos von US-Finanzminister Scott Bessent geäußert, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Einmal abgesehen davon, dass Bessent ohnehin nicht für deeskalierende Kommunikation bekannt ist und unter anderem dem Leiter der Bundesbehörde für Wohnungsfinanzierung, Bill Pulte, sowie Elon Musk während diverser Streits in Beratungssitzungen schon Schläge angedroht hat, offenbart das Zitat zweierlei. 

Erstens ist da der herablassende, geradezu rotzige, unverschämte Ton, mit dem US-Offizielle mittlerweile über europäische Staaten reden. Dänemark als irrelevantes Land zu bezeichnen, geht zweifellos weit über eine unhöfliche, rhetorische Spitze hinaus. 

Zweitens: Wie relevant selbst ein angeblich so irrelevantes Land wie Dänemark tatsächlich ist, lässt sich schon daran ablesen, dass sich der US-Finanzminister genötigt sah, überhaupt Stellung zu einem doch sehr bemerkenswerten Vorgang beziehen zu müssen: Auslöser für Bessents Kommentar war, dass der dänische Pensionsfonds AkademikerPension am vergangenen Dienstag angekündigt hatte, seine gesamten Bestände an US-Staatsanleihen im Wert von rund 100 Millionen US-Dollar ?zu verkaufen. Gemessen an der Gesamtgröße des US-Anleihemarktes von rund 30 Billionen Dollar ist das quasi Nichts. Und doch sorgte die Ankündigung des kleinen dänischen Pensionsfonds dafür, dass die Renditen zehnjähriger US-Staatspapiere kurzfristig auf knapp 4,3 Prozent sprangen. Das ist knapp unter dem langjährigen Höchstwert von 4,5 Prozent. Der Markt beruhigte sich zwar ein wenig, reagierte aber kurz darauf ebenso sensibel auf die Ankündigung des schwedischen Pensionsfonds Alecta, es den Dänen gleichzutun und den Rest seiner US-Anleihen zu verkaufen. Es ist der Schlusspunkt einer längeren Verkaufswelle der Schweden, die bereits seit Januar 2025 begonnen hat. Am Ende wird Alecta US-Staatsanleihen im Wert von rund neun Milliarden Dollar auf den Markt geworfen haben. 

Auch dies ist in der Summe noch nicht viel angesichts der Billionenschulden der USA. Doch es ist ein weiterer Tropfen auf die immer wieder selbe Stelle, die dem US-Finanzminister mittlerweile offensichtlich weh tut. Kein Wunder: Denn die Absatzbewegungen der dänischen und schwedischen Pensionsfonds aus dem US-Dollar sind nur die neuesten, medienwirksamsten Spitzen des Eisbergs, auf den die US-Titanic derzeit mit unvermindert hohem Speed zusteuert. (Fun-Fact: Den Vergleich zog tatsächlich JD Vance, der meinte, man könne die Titanic eben nicht so schnell wenden.) In die Phalanx der Dollarflüchtlinge reiht sich seit rund einer Woche offiziell auch einer der weltgrößten Anleihe-Anleger ein. Die Investmentgesellschaft PIMCO verkündete, sie ziehe nun verstärkt Kapital aus den USA ab. „Man muss sich bewusst machen, dass diese Regierung ziemlich unberechenbar ist,“ gab Dan Ivascyn, Chief Investment Officer von Pimco, unverblümt offen in einem Interview mit der FT den Grund für die neue Diversifikationsstrategie des Unternehmens an. Harte Worte. So treffend. Und hier reden wir nicht mehr über Peanuts. PIMCO verwaltet derzeit ein Gesamtvermögen von etwa 2,3 Billionen US-Dollar. Ein nicht unwesentlicher Teil davon sind US-Anleihen. Indien, China und Russland vertrauen bei ihren Währungsreserven schon seit einiger Zeit vermehrt auf Gold und verkaufen dafür US-Bonds. Auch die Europäer haben für sich den Renten-Hebel als politisches Instrument entdeckt. Etwa acht Billionen US-Dollar an Staatsanleihen befinden sich in den Tresors europäischer Finanzinstitutionen. Die Auflösung dieser Positionen offen zu diskutieren, hat Donald Trump vermutlich dazu bewogen, seine Grönland-Ansprüche fürs Erste zurückzuschrauben. Vielleicht hat auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte diesen Punkt in seinem vertraulichen Gespräch mit Trump ins Spiel gebracht. Man weiß es nicht. Aber es wäre zumindest naheliegend. 

Das zeigt: Auch scheinbar unbesiegbare Riesen haben Schwächen. David besiegte Goliath. Siegfried fiel, weil er eine einzige verwundbare Stelle hatte. Ebenso Achilles, dessen Ferse sprichwörtlich wurde. Die Mythologie ist voll von solchen Geschichten. Die Achillesferse der USA ist ihr Schuldenkonto. Denn das von aller Welt gefeierte US-Wirtschaftswachstum fußt letztlich darauf, dass der Rest der Welt es seit Jahrzehnten finanziert. Obwohl in den USA immer weniger produziert und immer mehr konsumiert wird. Das funktionierte bisher deshalb so gut, weil die Gläubiger darauf vertrauten, dass das US-Wachstum überdurchschnittlich hoch, der Rechtsstaat verlässlich, die Inflation begrenzt und eine Verzinsung in US-Dollar sich lohnen würde. Überspitzt formuliert, könnte man sagen: US-Anleihen waren schon immer ein Schneeball-Investment. Aber es gab immer ausreichend viele Anleger, die das System stützten. Donald Trump hat dieses Vertrauen jedoch in nur wenigen Monaten zerstört. Investoren weltweit schichten immer offener ihre Positionen um. Der gezielte Verkauf von US-Anleihen hat nicht erst mit PIMCO, Schweden und Dänemark begonnen. Doch mittlerweile ist die Sensibilität des Marktes so geschärft, dass selbst der „irrelevante“ Pensionsfonds AkademikerPension die Rendite von US-Staatsanleihen in die Höhe treiben kann. 

Für die USA ist das keine gute Nachricht. Und für Besitzer von US-Anleihen auch nicht. Die Aussicht, dass die im Vergleich zu Euroanleihen höheren Renditen von US-Papieren schon bald nicht mehr ausreichen, um Dollar-Währungsverluste und die hohe US-Inflation auszugleichen, könnte eine sich immer schneller drehende Abwärtsspirale am US-Rentenmarkt auslösen und die Finanzierung des US-Staatshaushaltes gefährden. Es wäre eine Schuldenkrise, die Donald Trump allein mit markigen Worten auf seinem privaten Propagandakanal „Truth Social“ nicht mehr lösen könnte. Und Scott Bessent schon gar nicht. Dem Rentenmarkt mit körperlicher Gewalt zu drohen, wäre definitiv sinnfrei. 

Interessante Termine in den kommenden Tagen 

Am Dienstag startet der „Handelsblatt“-Energiegipfel 2026 in Berlin. Der Tag beginnt mit einer Rede von Keynote-Speakerin Katherina Reiche. Thema: Welche Weichen stellt die Politik für ein krisenfestes, bezahlbares und flexibles Energiesystem? Im anschließenden Interview stellt sich die Wirtschaftsministerin den Fragen von Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Das Gespräch könnte spannend werden, wenn Matthes die richtigen Fragen stellt. Davon gibt es rund um Katherina Reiche derzeit jedenfalls genug. 

Am Mittwoch verkündet Fed-Chef Jerome Powell den Zinsentscheid der US-Notenbank. Noch ist Powell im Amt. Noch zeigt er den Kampfgeist, der nötig ist, um dem Druck Donald Trumps zu widerstehen, die Zinsen massiv zu senken. Das schließt allerdings nicht aus, dass die Fed den Leitzins doch um einige wenige Basispunkte absenkt. Aus welchen Gründen auch immer. 

Am Donnerstag will die EU-Kommission ihren Entwurf für ein Industrie-Beschleunigungsgesetz präsentieren. Kern der Initiative ist eine stärkere Bevorzugung von „Made in Europe“ bei öffentlichen Aufträgen und Förderprogrammen, insbesondere in Schlüsseltechnologien wie Energie, Batterien und Grundstoffen. Zugleich sollen Genehmigungsverfahren für industrielle und klimafreundliche Großprojekte deutlich beschleunigt und Investitionen erleichtert werden. Flankiert wird dies durch neue Nachhaltigkeits- und Resilienzkriterien sowie erweiterte Finanzierungsinstrumente. Unterm Strich wird der Vorschlag protektionistischen Charakter haben. „Europe first“. Man muss es nehmen, wie es derzeit nun einmal ist. Freier Welthandel war gestern. 

Am Freitag veröffentlicht das Ifo-Institut ihre aktuellen Umfrageergebnisse zum Geschäftsklima Ostdeutschland. Die Tendenz bisher: Während sich das Geschäftsklima im Verarbeitenden Gewerbe zuletzt deutlich abgekühlt hat, bleibt die Stimmung im ostdeutschen Dienstleistungssektor, im Handel und im Bauhauptgewerbe vorsichtig optimistisch. Am Freitag wird man sehen, mit welchen Erwartungen die ostdeutsche Wirtschaft ins neue Jahr gestartet ist.

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