Christian Schiweck, DWS: "Taxifahrer sind ein guter Stimmungsindikator"

Hohe Zinsen und starke Währungen: Türkische Lira- oder brasilianische Real-Bonds locken mit hohen Renditen. Zuletzt haben die lokalen Währungen aber stark verloren. Was sind die Ursachen für den Kursrutsch? Und wie soll man jetzt reagieren? Darüber sprach FundResearch mit Christian Schiweck. Er leitet das DWS-Emerging-Markets-Rententeam und managt den DWS Emerging Yield Plus, der Schwellenländer-Anleihen in lokalen Währungen kauft.

07.07.2006 | 16:58 Uhr

"Zuerst kommen Value at Risk-Modelle, die Fundamentaldaten werden erst danach untersucht"

FundResearch: Herr Schiweck, lokale Schwellenländer-Anleihen haben zuletzt stark verloren. Was ist los in diesen Märkten?

Schiweck: Seit Mitte Mai preisen Anleger die Risiken an den Kapitalmärkten generell neu ein. Das liegt zum einen an der Bank of Japan, die inzwischen Liquidität aus dem Finanzsystem zieht. Zum anderen sind die Märkte unsicher, wie die US-Notenbank unter ihrem neuen Chef Ben Bernanke agiert.

FundResearch: Was hat dies mit den Emerging Markets zu tun?

Schiweck: Viele institutionelle Anleger nutzen Value at Risk-Modelle, die ihnen bei fallenden Kursen zunächst einen Ausstieg aus allen risikobehafteten Investments signalisieren. Erst im zweiten Schritt untersuchen sie die Fundamentaldaten und differenzieren stärker.

"Länder mit Leistungsbilanzdefiziten haben stark eingebüßt"

FundResearch: Inwiefern haben die Märkte tatsächlich genauer hingeschaut?

Schiweck: Die Volkswirtschaften weisen unterschiedliche Reifegrade auf. Daher haben tschechische Kronen-Bonds sich beispielsweise gut gehalten, während türkische Lira-Bonds dramatisch verloren haben. Zudem achten die Märkte stark auf die Leistungsbilanz eines Landes. Wer hier Überschüsse vorweisen kann, ist relativ gut durch die Krise der vergangenen Wochen gekommen. Das gilt für viele asiatische Länder. Länder mit Defiziten - und dazu gehört die Türkei - haben hingegen stark eingebüßt.

FundResearch: Kann man jetzt also günstig in türkische Lira-Bonds einsteigen?

Schiweck: Auf Sicht von vier bis acht Wochen ist dies vielleicht eine gute Einstiegs-Chance. Allerdings agiert die türkische Zentralbank derzeit noch nicht konsistent genug. Für Privatanleger ist es daher weiter risikoreich, alleine aus kurzfristigen Motiven in einzelne Länder einzusteigen.

"Die Fundamentaldaten in den Schwellenländern sind unverändert gut"

FundResearch: Wozu raten Sie?

Schiweck: Wichtig ist, welche Chancen eine Anlageklasse langfristig bietet. Und in den Schwellenländern sind die Fundamentaldaten unverändert gut. Mittlerweile erzielen die Schwellenländer über 50 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Tendenz steigend. Oder schauen Sie nach Rußland, das seine Schulden locker aus der Portokasse bezahlen kann, weil es in Öleinnahmen schwimmt.

FundResearch: Gleichwohl haben Sie den DWS Emerging Yield Plus zuletzt defensiver aufgestellt.

Schiweck: Richtig. Wir halten derzeit ein Drittel Kasse. Zudem haben wir Asien auf 35 Prozent aufgestockt, vor allem mit Ländern wie China, die Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen. Lateinamerika und Zentralosteuropa haben wir dagegen reduziert.

"Falls das globale Wachstum sich abschwächt, muß man wieder offensiver werden"

FundResearch: Wieso hat der Fonds dennoch verloren?

Schiweck: Unsere restlichen Positionen im südafrikanischen Rand, der türkischen Lira und dem mexikanischen Peso haben uns doppelt weh getan, weil die Bond- und Wechselkurse stark verloren haben. Wir legen jedoch in dreimonatige Terminkontrakte an, so daß wir demnächst günstiger prolonogieren können.

FundResearch: Wollen Sie in den nächsten Monaten weiter defensiv bleiben?

Schiweck: Nicht unbedingt. Falls das globale Wachstum sich abschwächt oder die US-Notenbank das Ende der Zinserhöhungen einläutet, muß man wieder offensiver werden.

"Lokale Schwellenländer-Anleihen dürften langfristig besser abschneiden als Hartwährungs-Anleihen"

FundResearch: Derzeit können Anleger in Schwellenländer-Anleihen in Euro und Dollar oder in Papiere in lokalen Währungen investieren. Was ist vorteilhafter?

Schiweck: Viele Schwellenländer zahlen ihre Euro- und Dollar-Anleihen zurück und verschulden sich stärker in ihren Heimatwährungen. Das verbessert das Angebots-/Nachfrage-Verhältnis für Emerging-Markets-Bonds, die auf Euro und Dollar lauten, die auch zukünftig besser abschneiden sollten als europäische und US-Staatsanleihen. Deutlich höhere Erträge erwarten wir langfristig jedoch von lokalen Märkten, auch weil die Währungen als weitere Renditequelle ins Spiel kommen. Denn viele Schwellenländer-Währungen dürften aufwerten. Einzelne Länder können dabei natürlich immer wieder in Turbulenzen geraten.

"Wir reisen regelmäßig nach Asien, Osteuropa und Lateinamerika"

FundResearch: Wie vermeiden Sie Turbulenzen für Ihren Fonds?

Schiweck: Die Analysen des IWF und der Broker sind oft veraltet. Daher reisen wir regelmäßig nach Asien, Osteuropa sowie Lateinamerika und sprechen mit Zentralbankern und Leuten aus den Finanzministerien, um aktuelle Zahlen zu bekommen. Zudem ist uns der persönliche Eindruck von diesen Leuten wichtig. Und auch die Stimmung im Land kann man vor Ort besser feststellen.

FundResearch: Inwiefern?

Schiweck: Wir treffen auch regierungskritische Ökonomen und Journalisten. Die kriegt man in Frankfurt in der Regel nicht zu Gesicht. Gern fragen wir auch Taxifahrer. In Ungarn loben sie zum Beispiel die Regierung. Das heißt aber, daß die Regierung keine Reformen durchführt. In Rumänien ist es genau anders herum. Dort schimpfen die Taxifahrer auf die Regierung, weil diese auf Reformen setzt.



Im Profil: Christian Schiweck

Christian Schiweck arbeitet seit Anfang 2005 für die DWS und leitet dort das Emerging-Markets-Rententeam. Zuvor war der Volkswirt für die SBG/UBS Invest (1994 bis 1995) und die DekaBank (1996 bis 2004) tätig. Für seine hervorragenden Leistungen als Rentenfondsmanager für Osteuropa kürte ihn der Axel Springer Finanzen Verlag 2003 zum "Fondsmanager des Jahres".



Fonds im Überblick:

Fonds: DWS Invest Emerging Yield Plus
Anlageschwerpunkt: Anleihen Emerging Markets (Lokale Währungen)

Fondsgesellschaft: DWS Investments
Fondsmanager: Christian Schiweck

Teammitglieder: Zuständigkeiten
1. Christian Schiweck: Gesamtverantwortung, Lateinamerika
2. Roman Swaton: Zentral- und Osteuropa
3. Nicolas Schlotthauer: Asien
4. Asoka Wöhrmann: Euro und Dollar

Thesaurierend:
ISIN: LU 021 697 354 4
WKN: A0D 9TH

Ausschüttend:
ISIN: LU 021 697 389 0
WKN: A0D 9TJ

Auflegung: 25. April 2005
Volumen:1,1 Mrd. EUR

Ausgabeaufschlag: bis 3,0 %
Jahresgebühr: 1,1 %

FondsNote: -

Wertentwicklung seit (in %)*
1.1.06: -3,8
1 Jahr: -1,7

Schwellenländer-Rentenfonds: Performance seit 1.1.2006 (in %)*
1. ABN Global Emerg.Mkt. Bond € A 4,6
2. Schroder Em. Mkts Debt € A Acc 3,6
3. DekaTeam-EM Bond CF -0,3
4. Thames River High Income € A -1,7
5. dit-Emerging Markets Bond A € -2,1
6. DWS Invest Em.Yield Pl. LC EUR -3,8
7. J. Bär Local Emerging Bond B -9,1
8. HSBC GIF Turkish Converg. AC -23,7
9. Türkisfund Bonds -25,1
10. Fidelity EM Debt A (EUR) -25,2

Bonitäten (in %)
AAA: 33,2
AA: 24,4
A: 15,3
BBB: 13,8
BB: 12,0
B und andere: 1,2

Long-Positionen (in %)
1. Euro: 47,1
2. Hongkong Dollar: 11,7
3. Singapur Dollar: 6,2
4. Neue Türkische Lira: 6,2
5. Mexikanische Peso: 4,3
6. Slovakische Krone: 4,2
7. Polen: 3,4
8. Indonesien: 3,1
9. Ägypten: 2,7
10. Kolumbien: 2,5
11. Ukraine: 2,4
12. Rumänien: 2,4
13. Taiwan: 2,4

Short-Positionen (in %)
1. US-Dollar: -22,2

Größte Länder im ELMI+: Anteil (in %)
1. Singapur: 10,3
2. Hongkong: 9,8
3. Mexiko: 9,5
4. Polen: 9,4
5. Tschechien: 8,2
6. Türkei: 7,9
7. Ungarn: 6,9
8. Südafrika: 5,1
9. Israel: 4,7
10. Chile: 2,9


Quelle: DWS Investments, Stand: 31.05.2006. *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 06.07.2006, 1-Jahresperformance per 30.06.2006.

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