Acatis Value-Konferenz: Zwischen Quantenphysik und Kapitalmarktblasen

Hendrik Leber warnt auf der 23. Acatis Value-Konferenz in der Frankfurt Scholl of Finance vor geopolitischen Verwerfungen und einer fragilen Finanzwelt

08.05.2026 | 13:30 Uhr von «Jörn Kränicke»

Der Konferenzsaal der Frankfurt School of Finance & Management war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Hendrik Leber die 23. Value-Konferenz von Acatis Investment am heutigen Freitag eröffnete. Danach sprachen am Vormittag Michael Wolffsohn und Carlo Masala. Der Titel von Wolffsohns Vortag lautet: „Nahost: Tatsachen, Legenden, Lösungen." Masala referierte über die Auswirkungen globaler Krisen auf Unternehmen in Deutschland.

Leber sieht die Welt im Umbruch

Der erfahrene Value-Investor präsentierte sich dabei nicht nur als klassischer Fondsmanager, sondern als besorgter Beobachter einer Welt im Umbruch. Der Titel der Veranstaltung – „Geopolitische Härte und Präzision der Vernunft“ – war bewusst provokant gewählt.

Leber spannte einen weiten Bogen: von globalen Machtverschiebungen über den Zustand westlicher Demokratien bis hin zu Künstlicher Intelligenz, Quantencomputing und möglichen Übertreibungen an den Kapitalmärkten. Der Grundton seiner Rede war zwiespältig. Einerseits zeigte er sich fasziniert vom technologischen Fortschritt und der explosionsartigen Verfügbarkeit von Wissen. Andererseits warnte er vor einer Erosion institutioneller Stabilität und wachsender gesellschaftlicher Irrationalität.

CWir leben auf dem Gipfel aller bisherigen Zivilisationen“, sagte Leber. Nie zuvor seien Wohlstand, medizinischer Fortschritt und gesellschaftliche Sicherheit so ausgeprägt gewesen wie heute. Gleichzeitig beobachte er eine zunehmende „Feindseligkeit gegenüber Wissenschaft“ sowie eine geopolitische Neuordnung mit erheblichen Risiken für Wirtschaft und Kapitalmärkte.

Sorge um Demokratie und gesellschaftliche Rationalität

Besonders kritisch äußerte sich der Acatis-Gründer über den Zustand westlicher Demokratien. Das Verständnis für Gewaltenteilung, parlamentarische Mehrheiten und liberale Grundwerte nehme spürbar ab. Politik werde zunehmend zu einer „Pop-Demokratie“, in der Stimmungen und kurzfristige Empörung langfristige Institutionen verdrängten.

Als Beispiel nannte Leber Protestbewegungen gegen internationale Handelsabkommen wie Mercosur. Demokratien könnten auf Dauer nicht funktionieren, wenn jede politische Entscheidung unmittelbar delegitimiert werde. Parallel dazu kritisierte er die Verbreitung von Verschwörungstheorien, Wissenschaftsfeindlichkeit und populistischen Erzählungen – von Impfgegnern bis hin zu Anhängern absurder Theorien über „Chemtrails“ oder die „Flat-Earth-Theorien“.

Leber sah hierin keine Randphänomene mehr, sondern Symptome einer tieferen gesellschaftlichen Unsicherheit. Die Stabilität westlicher Gesellschaften basiere letztlich auf Vertrauen in Institutionen, Eigentumsrechte und verlässliche Regeln. Genau diese Grundlagen stünden zunehmend unter Druck.

Die neue geopolitische Ordnung

Breiten Raum nahm die Analyse der geopolitischen Lage ein. Leber beschrieb die gegenwärtige Phase als tektonische Verschiebung globaler Machtzentren. Die wirtschaftliche und demografische Dynamik verlagere sich nach Asien. Insbesondere China und Indien würden ihren globalen Einfluss massiv ausbauen.

Die USA hingegen sieht er zunehmend kritisch. Der amerikanische Wohlstand sei in erheblichem Umfang kreditfinanziert. Das starke Wachstum der vergangenen Jahre basiere auf einer massiven Ausweitung von Staats- und Auslandsschulden. „Die USA feiern ihren Wohlstand auf Kosten der übrigen Welt“, sagte Leber.

Auch Russland attestierte er einen langfristigen Bedeutungsverlust. Der Krieg in der Ukraine zeige die Grenzen russischer Macht auf. Gleichzeitig baue China seine Position systematisch aus – wirtschaftlich, technologisch und geopolitisch.

Mit Blick auf Europa warnte Leber davor, die tektonischen Veränderungen zu unterschätzen. Die kommenden Jahrzehnte würden durch neue Machtblöcke, fragile Bündnisse und eine zunehmende Konkurrenz um technologisches Know-how geprägt sein.

Wissensexplosion durch KI – aber Europa droht zurückzufallen

Trotz aller Sorgen zeigte sich Leber beeindruckt von den technologischen Fortschritten, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Die Verfügbarkeit von Wissen explodiere derzeit förmlich. KI-Systeme machten komplexes Fachwissen für jedermann zugänglich und veränderten bereits heute Geschäftsmodelle und Arbeitsmärkte.

Zugleich warnte er vor erheblichen sozialen Verwerfungen. KI werde nicht nur industrielle Arbeitsplätze ersetzen, sondern zunehmend auch klassische Angestelltenfunktionen in großen Organisationen. Besonders Europa drohe dabei, ins Hintertreffen zu geraten.

Der wirtschaftliche Nutzen der KI-Revolution fließe vor allem an amerikanische Technologieunternehmen und deren Aktionäre. Die sozialen Kosten – etwa steigende Arbeitslosigkeit – könnten hingegen in Europa verbleiben. „Der Sozialstaat wird belastet, die Gewinne fließen woanders hin“, fasste Leber zusammen.

Kapitalmärkte zwischen Euphorie und Fragilität

An den Finanzmärkten erkennt Leber zunehmend Symptome einer späten Haussephase. Zwar seien die Rahmenbedingungen derzeit noch stabil, doch gleichzeitig nehme die Marktethik sichtbar ab.

Besonders kritisch sieht er die starke Spekulation rund um KI-Aktien, kurzfristige Derivate und private Kreditmärkte. Viele Entwicklungen erinnerten ihn an frühere Spekulationsblasen – von der Eisenbahn-Euphorie des 19. Jahrhunderts bis zur Dotcom-Blase der Jahrtausendwende.

Die aktuelle KI-Euphorie könne durchaus noch weiterlaufen, sagte Leber. Historisch seien Technologieblasen oft größer geworden, als Skeptiker erwartet hätten. Dennoch sei auch diese Entwicklung endlich: „Bubbles entleeren sich immer.“

Für Value-Investoren entstünden daraus jedoch Chancen. Entscheidend sei künftig die Frage, welche Unternehmen über nicht austauschbares Wissen, belastbare Datenbestände oder echte Markteintrittsbarrieren verfügten. Firmen mit dauerhaftem „Herrschaftswissen“ könnten langfristig profitieren, während austauschbare Geschäftsmodelle unter Druck geraten dürften.

Generationswechsel bei Acatis

Neben den makroökonomischen und geopolitischen Themen nutzte Leber die Konferenz auch für eine wichtige Personalie. Thorsten Schrieber wird zum 1. Juli Sprecher der Geschäftsführung von Acatis. 

Leber machte zugleich deutlich, dass er sich nicht vollständig zurückziehen werde. Er wolle sich künftig stärker auf Investmentthemen konzentrieren, während operative Aufgaben schrittweise übergeben würden. 

Diesen Beitrag teilen: