Fondsmanager des Jahres: „Rendite entsteht aus gutem Risikomanagement“
Derivate gelten vielen Anlegern noch immer als spekulativ. Für Kay-Peter Tönnes sind sie vor allem ein Instrument zur intelligenten Steuerung von Risiken. Im Interview erklärt der Fondsmanager des Jahres, warum Rendite in erster Linie aus Risikomanagement entsteht, welche Rolle Künstliche Intelligenz im Portfoliomanagement spielen kann – und weshalb er glaubt, dass Anleger langfristig deutlich höhere Aktienquoten halten könnten.13.04.2026 | 14:00 Uhr
Herr Tönnes, Sie sind gerade als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Kay-Peter Tönnes: Er ist aus zwei Gründen wichtig. Zum einen sieht man den Effekt unmittelbar: Als die Auszeichnung bekannt gegeben wurde, hatten wir auf unserer Website einen enormen Besucheranstieg. Einen solchen Spike hatten wir vorher noch nie erlebt. Zum anderen ist es natürlich auch eine Frage des Renommees. Aus meiner Sicht gehört dieser Preis zu den wichtigsten Auszeichnungen, die man in Deutschland in unserem Bereich gewinnen kann. Für mich persönlich ist er aber auch eine Art Bestätigung. Als Fondsmanager probiert man ständig neue Ideen aus, und nicht alles funktioniert sofort. Eine solche Auszeichnung zeigt, dass man grundsätzlich auf dem richtigen Weg ist.
Sie betrachten Kapitalmärkte anders als viele Ihrer Kollegen. Wie sieht dies konkret aus?
Viele Diskussionen im Asset Management drehen sich um Alpha und Beta. Mit dieser Sichtweise habe ich mich als Mathematiker nie ganz wohlgefühlt. Für mich steht etwas anderes im Mittelpunkt: Risikomanagement. Wenn man Märkte konsequent aus dieser Perspektive betrachtet, kommt man zu ganz anderen Lösungen. Am Ende entsteht Rendite vor allem daraus, wie man Risiken strukturiert und steuert.
Welche Rolle spielen dabei Derivate und Optionsmärkte?
Eine sehr große. Die Optionsmärkte sind seit der Jahrtausendwende enorm gewachsen – ähnlich dynamisch wie der ETF-Markt. Viele denken bei Optionen sofort an Spekulation. Tatsächlich geht es aber in erster Linie um Risikotransfer. Einige Investoren möchten Risiken absichern, andere sind bereit, diese Risiken zu übernehmen und dafür Prämien zu vereinnahmen. Für die strategische Asset Allocation eröffnet das deutlich mehr Möglichkeiten als klassische Ansätze.
Was bedeutet das konkret für Anlegerportfolios?
Früher galt bei vielen institutionellen Investoren bereits eine Aktienquote von 30 Prozent als hoch. Entsprechend groß war die Skepsis. Mit den passenden Sicherungsinstrumenten lassen sich heute deutlich höhere Aktienquoten verantworten, ohne dass das Risiko massiv steigt. Ich bin sogar überzeugt, dass beispielsweise Versicherungen langfristig deutlich mehr Aktien halten könnten – bei einem ähnlichen Risikoniveau wie heute.
Ein weiterer großer Trend sind ETFs. Welche Auswirkungen haben sie auf die Märkte?
Grundsätzlich sind ETFs positiv, weil sie vielen Anlegern einen einfachen Zugang zu den Aktienmärkten ermöglichen. Problematisch kann es werden, wenn sie selbst zum dominierenden Marktteilnehmer werden. Wenn ihr Anteil zu groß wird, können sie Marktbewegungen verstärken.
Welche Rolle spielt dabei der Optionshandel?
Interessanterweise ist die durchschnittliche Volatilität der Märkte heute niedriger als früher. Das hat auch mit dem Optionshandel zu tun. Große Marktteilnehmer betreiben sogenannte Delta-Arbitrage und handeln systematisch gegen kurzfristige Marktbewegungen. Das wirkt stabilisierend. Kommt es allerdings zu einem echten Schock – etwa einer Finanzkrise oder einem geopolitischen Ereignis – können diese Mechanismen die Bewegung auch verstärken. Dann steigt die Volatilität sehr schnell stark an.
Stichwort Geopolitik: Wie stark beeinflussen politische Konflikte die Märkte?
Geopolitik spielt eine immer größere Rolle. Besonders im Nahen Osten geht es letztlich um Energie und strategische Machtfragen. Öl bleibt ein zentraler Faktor – vor allem für asiatische Volkswirtschaften wie China, Indien oder Japan, die stark von Importen aus dieser Region abhängig sind.
Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der USA?
Die USA verfolgen klare strategische Interessen. Ein zentraler Punkt der USA ist die Kontrolle über Energieversorgung und Handelswege. Das hat auch direkte Auswirkungen auf das Verhältnis zu China, das stark von Energieimporten abhängig ist. Deren Ölreserven reichen nur für etwa drei bis vier Monate.
Künstliche Intelligenz verändert derzeit viele Branchen. Welche Rolle spielt sie im Asset Management?
Die Möglichkeiten sind enorm. KI kann riesige Datenmengen analysieren und Muster erkennen, die ein Mensch kaum erfassen kann. Gerade für Risikoanalysen und Portfolioentscheidungen ist das sehr wertvoll. Gleichzeitig hat auch KI-Grenzen. Sie funktioniert hervorragend bei klar strukturierten Daten. Schwieriger wird es bei Entscheidungen, die nicht eindeutig in ein Schema von null oder eins passen.
Zum Beispiel bei ESG-Fragen?
Genau. Wenn Investoren bewusst auf Rendite verzichten, um bestimmte Nachhaltigkeitskriterien einzuhalten, ist das letztlich eine normative Entscheidung. Solche Fragen lassen sich nicht rein mathematisch lösen.
Arbeiten Sie bereits an neuen Strategien, die KI nutzen?
Ja, sehr intensiv. Bisher basieren viele unserer Strategien auf Indexansätzen. Aktuell entwickeln wir Systeme, bei denen nicht mehr der gesamte Index abgesichert wird, sondern einzelne Positionen im Portfolio. KI hilft uns dabei, geeignete Titel auszuwählen. Die Portfolios wären dadurch konzentrierter, aber auch gezielter aufgebaut.
Wie könnte ein solches Produkt konkret aussehen?
Ein Beispiel wäre ein Fonds mit europäischen Dividendentiteln – so etwas wie „European Dividend Stars“. Dabei würden wir besonders attraktive Dividendenwerte auswählen und gleichzeitig systematisch absichern. Über Optionsstrategien könnten zusätzlich Prämien vereinnahmt werden, sodass sich die laufenden Erträge deutlich erhöhen. In bestimmten Szenarien wären damit durchaus laufende Erträge in Richtung zehn Prozent denkbar – bei gleichzeitig kontrollierten Risiken. Allerdings befinden wir uns hier noch in der Entwicklungs- und Testphase.
Würde ein solches Produkt zunächst institutionellen Anlegern angeboten?
Das ist wahrscheinlich. Wir haben bereits einen Seed-Investor, der sich vorstellen kann, eine solche Strategie zunächst in einem Spezialfonds zu testen. Wenn sich das Konzept bewährt, könnte daraus später auch ein Produkt für eine breitere Anlegergruppe entstehen.
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Finanzbranche, sondern auch die gesamte Wirtschaft. Was beobachten Sie hier?
Wir stehen an einem Punkt, an dem KI vom Experiment in die reale Wirtschaft übergeht. Lange waren viele Anwendungen eher Spielerei – Chatbots oder Textgeneratoren. Jetzt beginnt KI, in den eigentlichen Produktionsprozess einzuziehen: in der Industrie, beim autonomen Fahren oder auch im Bankensystem.
Welche Branchen werden besonders profitieren?
Im Grunde fast alle. KI beschleunigt Forschung enorm – etwa in der Materialforschung oder bei der Entwicklung neuer Medikamente. Besonders spannend ist der Bereich der Gentechnik. Die Analyse genetischer Daten könnte zu völlig neuen medizinischen Möglichkeiten führen.
Bedeutet das auch eine steigende Lebenserwartung?
Davon bin ich überzeugt. Die Fortschritte in der medizinischen Forschung könnten dazu führen, dass Menschen deutlich älter werden als heute. Es ist durchaus denkbar, dass Menschen, die heute geboren werden, ein Alter von 130 Jahren oder mehr erreichen. Vielleicht wird das sogar noch für unsere Generation relevant.
Das wirft auch gesellschaftliche Fragen auf.
Absolut. Interessant ist, dass diese Fragen kulturell sehr unterschiedlich bewertet werden. In den USA würde man wahrscheinlich sagen: großartig, wir können länger leben. In Europa wird eher gefragt, ob das überhaupt sinnvoll ist.
Gleichzeitig sinken weltweit die Geburtenraten.
Richtig. Auf fast allen Kontinenten liegt die Geburtenrate inzwischen unter zwei Kindern pro Frau. Der einzige Kontinent mit deutlich höheren Raten ist Afrika. Langfristig könnte die Weltbevölkerung daher in vielen Regionen schrumpfen – selbst wenn Menschen gleichzeitig länger leben.
Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft blicken – wie wird sich die Welt verändern?
Technologisch stehen wir vor enormen Chancen. KI, medizinische Forschung und neue Energietechnologien könnten unser Leben deutlich verbessern. Wenn die Welt stärker zusammenarbeiten würde, könnten wir viele Probleme lösen – von Krankheiten, über den Klimawandel bis zu Energiefragen.
Sie sehen aber auch Risiken.
Ja. Das Problem ist nicht die Technologie selbst, sondern die Politik. Wenn große Mächte in einen technologischen Wettlauf geraten, kann das gefährlich werden. Die Geschichte zeigt, dass solche Situationen manchmal eskalieren.
Ihr Fazit für die kommenden Jahre?
Die Möglichkeiten sind enorm. Wir könnten eine Zukunft erleben, die technologisch beeindruckend ist. Leider gibt es gleichzeitig auch erhebliche politische Risiken. Die kommenden Jahre werden zeigen, in welche Richtung sich die Welt entwickelt.