Bank of America : „AI-Blase“ könnte historische Dimensionen erreichen
Die Strategen der Bank of America schlagen Alarm: Die Euphorie rund um Künstliche Intelligenz, Mega-IPOs und Technologiewerte treibt die Konzentration am US-Aktienmarkt auf historische Extremwerte. Gleichzeitig warnen die Analysten vor einer gefährlichen Mischung aus Anlegergier, steigenden Renditen und spekulativer Überhitzung.28.05.2026 | 09:15 Uhr
Die Warnsignale mehren sich. Während Aktienmärkte weltweit neue Höchststände markieren und Anleger nahezu bedingungslos auf den KI-Boom setzen, sieht die Bank of America (BofA) zunehmend Parallelen zu den größten Spekulationsblasen der Börsengeschichte. Besonders kritisch bewerten die Strategen die extreme Konzentration des US-Aktienmarktes auf wenige große Technologiekonzerne.
Laut BofA könnten die größten KI-Unternehmen zusammen mit den anstehenden Mega-Börsengängen (Space-X, OpenAI) künftig nahezu 50 Prozent der gesamten US-Marktkapitalisierung ausmachen. Eine derartige Dominanz einzelner Marktsegmente habe es historisch zuletzt in den 1880er-Jahren während des Eisenbahn-Booms gegeben.
KI-Euphorie erreicht historische Extreme
Die Analysten sehen inzwischen zahlreiche klassische Merkmale einer späten Boomphase: stark steigende Kurse, massive Zuflüsse privater Anleger, historisch niedrige Volatilität, sowie eine fast schon bedingungslose Risikobereitschaft.
Besonders die Kombination aus KI-Hype und den erwarteten milliardenschweren Börsengängen neuer Technologieunternehmen könnte die Marktverzerrung weiter verschärfen. Bereits heute dominieren wenige US-Techkonzerne die globalen Aktienindizes.
Die Strategen der Bank of America vergleichen die aktuelle Situation mit den großen Spekulationsphasen der Vergangenheit – den „Roaring Twenties“, der Nifty-Fifty-Blase der 1970er-Jahre, Japans Aktienblase der 1980er und der Dotcom-Euphorie der späten 1990er.
„Aktien gelten inzwischen als bester Inflationsschutz“
Die Marktstimmung beschreibt die Bank of America als nahezu euphorisch. „Everyone is now convinced that equities are the best inflation hedge“, heißt es in der Analyse. Anleger seien zunehmend davon überzeugt, dass Aktien langfristig die einzige sinnvolle Antwort auf Inflation und Währungsabwertung seien.
Genau darin sehen die Strategen jedoch ein Risiko. Denn historisch endeten große Boomphasen häufig nicht wegen schlechter Unternehmenszahlen, sondern durch steigende Kapitalmarktzinsen.
Die BofA verweist darauf, dass ein deutlicher Renditeanstieg am Anleihemarkt traditionell das Ende spekulativer Exzesse markiere. Entsprechend aufmerksam beobachten die Analysten derzeit die sogenannten „Bond Vigilantes“ – Investoren, die mit Verkäufen am Anleihemarkt Druck auf Regierungen und Zentralbanken ausüben.
Steigende Renditen werden zur Gefahr für die Märkte
Besonders kritisch entwickelt sich aus Sicht der BofA der globale Kapitalmarktzyklus. Die Finanzierungskosten steigen weltweit deutlich an, während gleichzeitig erste Risse in riskanteren Marktsegmenten sichtbar werden.
Betroffen seien vor allem: Immobilienmärkte, Konsumsektoren, Private Equity, sowie zahlreiche Schwellenländer.
Historisch beginne eine größere Risikoaversion oft an der Peripherie der Märkte – insbesondere in Emerging Markets. Genau dort sehen die Strategen inzwischen deutliche Spannungen.
So notiert der koreanische Won nahe 30-Jahres-Tiefs, der japanische Yen auf dem schwächsten Niveau seit 35 Jahren. Auch die indonesische Rupiah und die indische Rupie geraten massiv unter Druck.
Asien exportiert Inflation in die Welt
Gleichzeitig steigen die Preise im asiatischen Technologiesektor rasant. Besonders Halbleiter und Speicherchips verteuern sich massiv. Laut BofA liegen die koreanischen Exportpreise für Halbleiter inzwischen 148 Prozent über dem Vorjahresniveau, bei DRAM-Speichern beträgt der Anstieg sogar 223 Prozent.
Die Strategen sprechen von einem neuen globalen Inflationsimpuls aus Asien. Der KI-Boom erhöhe die Nachfrage nach Chips, Energie und Infrastruktur so stark, dass sich die Produktionskosten weltweit verteuern.
Davon profitieren wiederum Rohstoffe und Energiewerte. Öl zählt mit Kursanstiegen von über 70 Prozent bislang zu den stärksten Anlageklassen des Jahres. Auch Industriemetalle entwickeln sich außergewöhnlich stark. Bereits seit Monaten sieht die Bank of America deshalb einen strukturellen Bullenmarkt bei Rohstoffen und Emerging Markets.
IPO-Boom erinnert an frühere Marktspitzen
Besondere Aufmerksamkeit widmet die Studie den historischen Folgen großer Börsengänge. Die Analysten untersuchten die größten IPOs aller Zeiten und deren Einfluss auf die Aktienmärkte.
Das Ergebnis fällt gemischt aus: Alibaba und ICBC wirkten damals wie „Raketen-Treibstoff“ für chinesische Aktienmärkte, NTT und ENEL gingen kurz vor großen Bärenmärkten an die Börse, Visa und AIA markierten dagegen eher späte Hochphasen der Märkte.
Mega-IPOs seien deshalb oft weniger ein Startsignal für neue Haussephasen als vielmehr ein Zeichen maximaler Marktliquidität und Anleger-Euphorie.
Konsumwerte als möglicher Gewinner nach der Blase
Trotz aller Warnungen sieht die BofA derzeit keinen unmittelbaren Kollaps. Vielmehr sprechen die Strategen von einer fortlaufenden „Wealth-Price-Spirale“: Steigende Aktienmärkte erhöhen Vermögen, treiben Konsum und sorgen wiederum für neue Mittelzuflüsse an die Börsen.
Bemerkenswert sei allerdings die zunehmende Entkopplung zwischen Finanzmärkten und realwirtschaftlicher Stimmung. Während Aktienmärkte boomen, bleiben Konsumenten deutlich skeptischer. Besonders US-Konsumtitel entwickeln sich im Verhältnis zum Gesamtmarkt schwach.
Die Strategen sehen darin jedoch auch Chancen. Nach einer möglichen Überhitzung könnten gerade Konsumwerte und kleinere Technologieunternehmen zu den Gewinnern zählen – ähnlich wie nach dem Platzen der Nifty-Fifty-Blase Ende der 1970er-Jahre.
Vor allem kleinere Techfirmen, die KI produktiv einsetzen und bestehende Monopolstrukturen angreifen, gelten bei der Bank of America langfristig als besonders interessant.
Anleger bleiben investiert – trotz wachsender Nervosität
Die Stimmung an den internationalen Finanzmärkten bleibt bemerkenswert robust – vielleicht sogar zu robust. Genau davor warnt aktuell die Bank of America (BofA) im „Flow Show“-Research. Die Strategen sehen immer mehr Hinweise darauf, dass Anleger inzwischen sehr einseitig positioniert sind und sich die Risikobereitschaft auf ein kritisches Niveau erhöht hat. Besonders auffällig: Der hauseigene „Bull & Bear Indicator“ ist auf 8,0 Punkte gestiegen und liefert damit erstmals seit Monaten wieder ein offizielles Verkaufssignal.
Anleger setzen weiter voll auf Risiko
Die Daten der BofA zeigen, dass institutionelle und private Anleger trotz geopolitischer Risiken, hoher Bewertungen und schwankender Konjunkturdaten weiter massiv in Risikoanlagen investiert bleiben. Besonders US-Privatkunden halten historisch hohe Aktienquoten.
Laut der Analyse liegt die Aktienallokation der vermögenden Privatkunden der Bank inzwischen bei 66 Prozent des verwalteten Vermögens – exakt auf Rekordniveau und deutlich über dem langfristigen Durchschnitt von 57 Prozent. Gleichzeitig verharren die Cashquoten mit nur zehn Prozent auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.
Die Strategen interpretieren diese Entwicklung als Zeichen großer Sorglosigkeit. Historisch betrachtet waren derart hohe Aktienquoten häufig Vorboten schwächerer Marktphasen.
Auch die Positionierung professioneller Investoren signalisiert laut BofA zunehmenden Optimismus. Besonders auffällig sei die starke Nachfrage nach High-Yield-Anleihen, Kreditprodukten und Aktien-ETFs.
ETFs dominieren die Vermögensallokation
Der langfristige Trend hin zu ETFs setzt sich dabei unvermindert fort. Laut BofA machen Aktien-ETFs inzwischen 21 Prozent der gesamten Aktienbestände privater Kunden aus. Bei Rentenanlagen liegt die ETF-Quote mittlerweile bei 18 Prozent.
Gerade in den USA greifen Anleger zunehmend zu passiven Produkten, um kostengünstig und breit diversifiziert investiert zu bleiben. Besonders gefragt waren zuletzt ETFs auf High-Yield-Anleihen, Rohstoffe und Materialwerte.
Die Entwicklung zeigt zugleich, wie stark ETF-Ströme inzwischen die Marktbewegungen beeinflussen. Immer größere Kapitalmengen fließen automatisiert in bestimmte Sektoren und Regionen – unabhängig von kurzfristigen Fundamentaldaten.
Noch kein unmittelbarer Crash
Noch sprechen die Daten der BofA zwar nicht für einen unmittelbaren Markteinbruch. Die Wahrscheinlichkeit kurzfristiger Korrekturen nimmt nach Einschätzung der Bank jedoch deutlich zu.
Die Bank fasst die Stimmung mit einem Satz eines Londoner Kunden zusammen: „We’re long and paranoid.“
Genau diese Mischung macht die aktuelle Marktphase so außergewöhnlich: Die Angst vor einer Korrektur nimmt zu – gleichzeitig will kaum jemand die Rally verpassen. (jk)