Apo-Manager Scharf: „Die Gewinne im Gesundheitssektor wachsen stärker als im breiten Markt"
Politische Unsicherheiten, Preisdruck und Budgetkürzungen sorgten zuletzt für heftige Schwankungen im Gesundheitssektor. Doch laut Andreas Scharf, Portfoliomanager Healthcare bei Apo Asset Management GmbH, sprechen attraktive Bewertungen, starke Innovationskraft und der gezielte Einsatz von Künstlicher Intelligenz für langfristiges Wachstum.11.03.2026 | 10:00 Uhr von «Jörn Kränicke»
TiAM FundResearch: Herr Scharf, der Gesundheitssektor war zuletzt ungewöhnlich volatil. Was waren die Hauptgründe dafür?
Andreas Scharf: Das vergangene Jahr war tatsächlich zweigeteilt. Im ersten Halbjahr haben wir einen massiven Abverkauf gesehen. Da kamen viele negative Themen zusammen: Diskussionen über Medikamentenpreise in den USA, Zölle, steigender Kostendruck bei Versicherern, Budgetkürzungen in der Forschung und politische Unsicherheiten. Der Markt hat das zunächst sehr schwarzgesehen. Im zweiten Halbjahr hat sich das Bild deutlich aufgehellt. Viele dieser Risiken wurden relativiert oder eingeordnet – etwa durch Ausnahmeregelungen bei Zöllen oder klarere politische Signale. Das führte zu einem starken Rebound. Auf Jahressicht stand der Sektor sogar im Plus – allerdings mit einer Volatilität, die man so im Gesundheitsbereich eher selten sieht.
Warum lief aber insbesondere Biotech zuletzt besser als klassische Pharmawerte?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen sehen wir immer wieder Sektorrotationen: Wenn Tech stark gefragt ist, wird häufig Kapital aus defensiveren Bereichen wie Healthcare abgezogen – und umgekehrt. Innerhalb des Gesundheitssektors profitieren in risikofreudigen Marktphasen vor allem die offensiveren Segmente, also Biotechnologie und Medizintechnik. Pharma und Krankenversicherer gelten als defensiver und bleiben dann eher zurück. Hinzu kommt das Thema M&A. Gerade im Biotech-Bereich sehen wir häufig zweistellige Übernahmeprämien. Das befeuert den Sektor zusätzlich.
Ist der Gesundheitssektor fundamental überhaupt so volatil, wie es die Kurse vermuten lassen?
Nein, eigentlich nicht. Fundamentale Trends wie Gewinnwachstum oder Innovationskraft waren deutlich stabiler als es die Kursentwicklung vermuten ließ. Über 20 Jahre betrachtet sind die Gewinne im Gesundheitssektor sogar stärker gewachsen als im breiten Markt. Hinzu kommt: Die Bewertungen sind nach den Rücksetzern attraktiver geworden. Normalerweise zahlt der Investor für strukturelle Treiber wie Demografie, Konjunkturunabhängigkeit und Innovation eine Prämie. Aktuell bekommen Anleger diese Eigenschaften eher mit einem Bewertungsabschlag.
Künstliche Intelligenz ist derzeit das große Thema. Welche Rolle spielt sie im Gesundheitssektor?
Eine sehr große – und vor allem eine nachhaltige. Anders als möglicherweise in Teilen des Tech-Sektors sehe ich hier keinen kurzfristigen Hype, sondern konkrete Anwendungen. Nehmen wir die Medikamentenentwicklung: Ein neues Medikament benötigt im Schnitt zehn bis 15 Jahre bis zur Marktreife und kostet rund zwei bis zweieinhalb Milliarden Dollar. Wenn KI hier zwei oder drei Jahre Entwicklungszeit einspart, ist das für die Industrie ein enormer Fortschritt. KI hilft beispielsweise bei der Auswahl geeigneter Patienten für Studien oder bei der Auswertung riesiger Datensätze aus früheren, auch gescheiterten Studien. Da weniger als zehn Prozent der getesteten Wirkstoffe am Ende die Marktzulassung schaffen, ist jede Verbesserung der Erfolgswahrscheinlichkeit ein Meilenstein.
Wie sieht es in der Medizintechnik aus – etwa bei Operationsrobotern?
Das ist ein Bereich, der mich persönlich sehr fasziniert. Systeme wie der Da-Vinci-Roboter von Intuitive Surgical sind längst kein Zukunftsprojekt mehr, sondern in vielen Kliniken etabliert – insbesondere in den USA. Wichtig ist: Der Roboter ersetzt den Arzt nicht. Er ist ein hochentwickeltes Assistenzsystem. Der Operateur sitzt an einer Konsole und steuert das System. KI unterstützt visuell, warnt bei kritischen Bereichen und ermöglicht eine sehr präzise, personalisierte Chirurgie. Spannend ist auch das Geschäftsmodell: Mit jeder Operation entstehen wiederkehrende Umsätze durch Verbrauchsmaterialien. Das schafft ein eigenes Ökosystem.
Gibt es neben Robotik weitere Wachstumsfelder in der Medizintechnik?
Absolut. Ein Beispiel sind smarte Brillen von EssilorLuxottica in Kooperation mit Meta Platforms. Hier geht es nicht nur um Sehkorrektur, sondern um digitale Zusatzfunktionen. Das eröffnet neue Märkte. Auch in der bildgebenden Diagnostik – MRT, CT, Röntgen, Ultraschall – wird KI immer wichtiger. Radiologen werden nicht ersetzt, aber unterstützt. KI kann bei der Mustererkennung helfen und so Diagnosen präziser und schneller machen.
Welche Rolle spielen große Tech-Konzerne im Gesundheitsmarkt?
Eine zunehmend wichtige. CEOs großer Tech-Unternehmen betonen regelmäßig die strategische Bedeutung von Healthcare. Apple etwa positioniert die Apple Watch zunehmend im Gesundheitskontext. Wir als spezialisierte Healthcare-Investoren halten solche Unternehmen zwar nicht zwangsläufig in unseren Kernportfolios. Aber wir müssen sie im Blick haben. Die Tatsache, dass Big Tech in den Markt drängt, unterstreicht dessen Attraktivität.
Wie beurteilen Sie klassische Pharmawerte und Versicherer, die zuletzt oftmals eher schwächer performten?
Pharma würde ich keinesfalls abschreiben. In bestimmten Marktphasen laufen sie sehr gut. Aber das strukturelle Wachstum sehe ich derzeit eher in der Medizintechnik. Bei Versicherern bin ich vorsichtiger. Der Kostendruck ist hoch, politische Eingriffe – etwa bei Erstattungssätzen – spielen eine große Rolle. Zudem wird das Thema in US-Wahlkämpfen auch 2026 immer wieder aufgegriffen werden. Das schafft Unsicherheit. Entsprechend sind wir hier zurückhaltender positioniert.
Wie schätzen Sie die IPO-Aktivität im Gesundheitsbereich ein?
Noch zu verhalten. Vor allem im Biotech-Sektor sehen wir nicht das Niveau wie direkt nach der Corona-Zeit. Ein Grund sind Bewertungsfragen. Viele Unternehmen warten ab, weil sie mit den aktuellen Bewertungen nicht zufrieden sind. Private-Equity-Investoren spielen ebenfalls eine Rolle. Ich sehe noch keinen echten IPO-Boom, auch wenn einzelne Unternehmen an den Markt kommen.
Wie positionieren Sie sich mit Blick auf die kommenden Jahre?
Ich bin strukturell optimistisch. Die Bewertung ist attraktiv, die Gewinnentwicklung solide, die Innovationskraft hoch. Zudem sehen wir wieder steigende Mittelzuflüsse in den Sektor. Healthcare bietet langfristiges Wachstum, relativ geringe Konjunkturabhängigkeit und starke demografische Treiber. Wer nicht nur von Quartal zu Quartal denkt, findet hier einen Sektor mit nachhaltigem Potenzial. Natürlich gibt es auch künftig Risiken, aber insgesamt überwiegen für mich die Chancen deutlich.