Zirkuläre Finanzierung im KI-Sektor: Überwiegen Chancen oder Risiken?
| Titel der Publikation: | Zirkuläre Finanzierung im KI-Sektor: Überwiegen Chancen oder Risiken? |
| Veröffentlichung: | 03/26 |
| Autor: | Felix Jäger, Sven Engelhardt und Yannik Schiele |
| Auftraggeber: | TiAM FundResearch |
Künstliche Intelligenz gilt als der Wachstumsmotor schlechthin für die kommende Dekade. Doch die enge Verzahnung zwischen Softwareanbietern, Halbleiterherstellern und Cloud-Giganten hat ein Ökosystem geschaffen, in dem Kapitalflüsse, Nachfrage und Rechenkapazitäten wechselseitig wirken. Felix Jäger, Sven Engelhardt und Yannik Schiele, die Fondsmanager des Aktien-Themenfonds LBBW Internet der Zukunft, gehen für TiAM FundResearch der Frage nach, welche Auswirkungen diese Strukturen auf Bewertungen und die Portfolioallokation haben können.
31.03.2026 | 13:45 Uhr
Kaum ein Technologiesegment zieht derzeit mehr Kapital an als Anbieter von Künstlicher Intelligenz, Halbleitern und Cloud-Infrastruktur. Die starke Kursentwicklung macht die Titel zu den Lieblingen der Anleger. Allerdings ist die Branche eng miteinander verflochten. Positiv an der starken Konzentration ist, dass dies das Wachstum beschleunigt. Zugleich entstehen jedoch strukturelle Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten, die aus Sicht von Investorinnen und Investoren zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Der springende Punkt ist: KI-Anbieter, Chipproduzenten und Hyperscaler investieren wechselseitig in ihre Geschäftsmodelle. So sichern sie sich beispielsweise gegenseitig Rechenkapazitäten, Abnahmeverträge und Finanzierungslinien zu. Besonderes Augenmerk gilt der zirkulären Finanzierung zwischen den Akteuren. Denn Umsätze, Investitionen und Kapazitätsausbau hängen durch diese Praxis stark voneinander ab. Solange die Nachfrage dynamisch wächst, stabilisiert dies das gesamte Ökosystem. Bricht das Wachstum jedoch an einer Stelle ein, kann sich der Effekt schnell auf andere Teile der Wertschöpfungskette übertragen.
Risiko eins: künstliche Nachfrage
Besonders kritisch ist die Gefahr künstlicher Nachfrage. Wenn Hersteller zentraler Infrastruktur wie Grafikprozessoren in KI-Unternehmen investieren, die anschließend genau diese Komponenten in großem Umfang beziehen, entsteht eine finanzielle Rückkopplungsschleife. Nachfrage und Bewertungen können dadurch verzerrt werden, da Kapitalflüsse weniger von der tatsächlichen Endkundennachfrage als von internen Finanzierungsbeziehungen abhängen. Die Beteiligung von Nvidia an CoreWeave in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar wird von Marktbeobachtern als Beispiel für eine solche Dynamik diskutiert. Denn als Rückkopplung erzeugt die Investition eine Nachfrage nach Nvidias eigenen Chips. Und diese bläht die Bewertung möglicherweise künstlich auf.
Risiko zwei: Fehlallokationen können sich auf die Realwirtschaft auswirken
Aus Investorensicht erhöht diese Dynamik das systemische Risiko. Sollten die hohen Wachstumserwartungen nicht erfüllt werden, könnte es zu einer Fehlallokation von Ressourcen und zu abrupten Neubewertungen kommen. Besonders relevant ist dies, da der Ausbau der KI-Infrastruktur zunehmend kreditfinanziert erfolgt. Steigende Verschuldung erhöht die Anfälligkeit der Kreditmärkte und kann im Extremfall auf die Realwirtschaft übergreifen.
Zu den Befürchtungen zählt das potenzielle Platzen einer Blase, das durch übermäßige Bewertungen, steigende Schulden, vorzeitige Rückzahlungen, strategisches Eigenkapital und Lieferantenfinanzierung ausgelöst werden kann. Die Bank of England überprüft die Kreditvergabepraktiken für Rechenzentren aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Risiken für die Finanzstabilität, die sich aus einem Anstieg der kreditfinanzierten Projekte ergeben. Dazu folgender Hintergrund: Rund 49 Milliarden Dollar stehen an Asset-Backed- und Commercial Mortgage-Backed Securities für Rechenzentren aus.
Risiko drei: Überkapazitäten und Margenkompression
Eine weitere Sorge von Kritikern betrifft den Aufbau von Überkapazitäten. Investitionen in Rechenzentren, Halbleiterfertigung und Netzwerke wachsen derzeit schneller als belastbare Nachfrageschätzungen. Sollte sich das Wachstum verlangsamen, geraten Margen unter Druck – in der Folge kann das zu Kürzungen bei Investitionsprogrammen führen. Solche Zyklen sind aus anderen kapitalintensiven Branchen bekannt und haben dort häufig zu längeren Korrekturphasen geführt.
Chance eins: Brücke zur Marktreife
Gleichzeitig wäre es aber zu kurz gegriffen, die zirkuläre Finanzierung ausschließlich als Risiko zu betrachten. Denn es gibt auch positive Auswirkungen: In frühen Phasen kapitalintensiver Industrien kann die Finanzierung innerhalb der Lieferkette als Brücke fungieren, um Produkte zur Marktreife zu bringen. Historisch hat sich dies zum Beispiel in der Luftfahrt gezeigt, wo koordinierte Finanzierungsmodelle über Jahrzehnte den Aufbau globaler Infrastrukturen ermöglichten. Auch im KI-Sektor kann eine abgestimmte Finanzierung dazu beitragen, technologische Führungspositionen zu sichern und Produktivitätsgewinne zu realisieren, die der gesamten Wirtschaft zugutekommen und somit den USA helfen, den Vorsprung gegenüber Rivalen wie China zu sichern.
Chance zwei: Beschleunigung des Branchenwachstums
Die enge finanzielle Verzahnung kann einem im Aufbau begriffenen Sektor das Wachstum erleichtern. Das Prinzip verdeutlicht der Blick auf die Flugzeugleasingbranche: Zirkuläre Finanzierungen ermöglichten es den Fluggesellschaften, neue Flugzeuge zu leasen und so ihre Flotten zu modernisieren. Das spülte Einnahmen in die Kassen der Hersteller. Die Banken konnten die Finanzierungskosten senken, indem sie Leasingerlöse verbrieften und so weiteres Wachstum förderten. Übertragen auf die aktuelle Lage der KI-Branche bedeutet das: Solange Investitionen die Produktivität steigern, was wiederum der gesamten Wirtschaft zugutekommt, handelt es sich bei den zirkulären Investitionen nicht einfach um ein Recycling von Kapital, sondern um realwirtschaftliche Wertschöpfung.
Chance drei: Ermöglichung kapitalintensiver Einsätze
Zudem erleichtert Anbieterfinanzierung den Zugang zu kapitalintensiven Technologien. Flexible Zahlungsmodelle, verlängerte Zahlungsziele und Betriebskapitalunterstützung senken Investitionshürden für Anwender und beschleunigen die Marktdurchdringung. Das kann eine Schlüsselrolle spielen, etwa wenn Hyperscaler versuchen, ihre Finanzierungsquellen zu diversifizieren und angesichts des Umfangs der KI-Ausgaben die Zahlungsfristen möglicherweise auf einige Jahre auszudehnen. Halbleiter-Distributoren unterstützen ihre Kunden zunehmend beim Bestandsmanagement sowie bei der Finanzierung wachsender Investitionsvolumina. Finanzierungsfazilitäten von Anbietern können die Investitionshürde für Unternehmen senken, die Verkaufszyklen potenziell verkürzen und den Zugang zu Technologien erweitern, indem sie flexible Kaufoptionen ohne erhebliche Vorabinvestitionen bieten.
Fazit für die Portfolioallokation und das Risikomanagement
Für institutionelle wie private Anleger bleibt entscheidend, die Stabilität des KI-Ökosystems nicht allein an Kursentwicklungen zu messen, sondern an der Tragfähigkeit der zugrunde liegenden Finanzierungsstrukturen. Wer diese Zusammenhänge frühzeitig einordnet, kann am technologischen Fortschritt partizipieren, ohne sich einseitig exponiert aufzustellen.
Für die Portfolioallokation ergibt sich in der Konsequenz: Konzentrationsrisiken, Verschuldungsstrukturen und Investitionszyklen innerhalb des KI-Sektors sollten berücksichtigt werden. Eine breitere Streuung entlang der Wertschöpfungskette sowie eine kritische Analyse der Kapitalflüsse können helfen, Klumpenrisiken zu begrenzen und die Resilienz von Portfolios zu erhöhen. Eine sorgfältige Analyse der Finanzierungsstrukturen gewinnt für das Risikomanagement deshalb an Bedeutung.