Wie struktureller Wandel neue Aktien-Gewinner definiert

Die Kapitalmärkte stehen vor einem Jahr, in dem weniger kurzfristige Konjunkturschwankungen als vielmehr tiefgreifende Strukturtrends die Chancenverteilung bei Aktien bestimmen dürften. Zu diesem Schluss kommt Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group.

17.02.2026 | 09:31 Uhr

Dabei komme es für Anleger darauf an, die langfristigen Treiber hinter den Schlagzeilen zu erkennen und Unternehmen zu identifizieren, die sich in diesem Umfeld anpassen und Marktanteile gewinnen könnten. „Wir sehen strukturellen Wandel nicht als Risiko, das man pauschal meiden sollte, sondern als Quelle für selektive Chancen – vorausgesetzt, man bleibt diszipliniert und unterscheidet genau zwischen Hype und echter Wettbewerbsstärke“, erläutert Braun. Vier Entwicklungen seien dabei besonders relevant:

Künstliche Intelligenz: Von der Technologie zur Produktivitätsplattform
Künstliche Intelligenz habe sich rasant zu einer Basistechnologie entwickelt, mit Anwendungen über nahezu alle Branchen hinweg und mit Potenzial für deutliche Produktivitätsgewinne. Der globale Markt für künstliche Intelligenz könne von 189 Milliarden US-Dollar (2023) auf 4,8 Billionen US-Dollar bis 2033 wachsen. Braun ordnet dies mit dem Hinweis ein, dass Investoren stärker entlang der Wertschöpfungskette denken müssten. „KI ist für uns eine Plattformtechnologie, ähnlich wie einst Elektrifizierung oder das Internet. Entscheidend ist, wer die Infrastruktur baut, wer skaliert und wer KI am Ende produktiv in Geschäftsmodelle übersetzt“, so Braun.

Im Vordergrund stünden dabei zunächst grundlegende Bausteine wie Halbleiter, digitale Infrastruktur und Cloud-Hyperscaler. Mit dem Ausbau von Rechenzentren steige zugleich der Bedarf an Rohstoffen sowie an Energie und Strominfrastruktur. Das könne auch jenseits klassischer Technologie-Titel neue Wachstumspfade eröffnen, etwa bei Industrieunternehmen, Versorgern und Materialwerten, die Kapazität, Zuverlässigkeit und Energieeffizienz ermöglichen. Als zweite Welle würden zudem Effizienzgewinne in Anwenderbranchen wirken: Finanzinstitute und Gesundheitsanbieter nutzten KI zur Prozessverschlankung, zur besseren Kundeninteraktion und zur Kostensenkung. „In vielen Bereichen verschiebt KI bereits die Wettbewerbsdynamik. Schnelle Umsetzer werden belohnt“, betont Braun.

Ein praktischer Zugang sei, KI entlang ihrer Wertschöpfungskette zu betrachten, von Chips und Beschleunigern über Infrastruktur und Vernetzung bis hin zu Modellen, Plattformen und Anwendungen: „Kurzfristig liegt viel Wertschöpfung im physischen Ausbau. Langfristig entsteht der Hebel dort, wo KI Produkte verbessert oder Kosten strukturell senkt.“

Industrielle Renaissance: Industrie als Enabler der Zukunft
Der zweite Treiber sei eine industrielle Renaissance, ausgelöst durch Veränderungen im finanziellen und geopolitischen Umfeld. Traditionelle Hersteller, besonders in Luft- und Raumfahrt, Verteidigung und Elektrifizierung, seien demnach für strukturelles Wachstum besser positioniert als es die gängigen Etiketten vermuten ließen. Rückenwind entstehe besonders durch günstige Angebots- und Nachfragekonstellationen sowie steigende staatliche Ausgaben. Langfristige Verträge und konsolidierte Branchenstrukturen könnten zudem Preissetzungsmacht begünstigen.

Zugleich würden sich viele zyklische Industrieunternehmen zu zentralen Enablern wandeln, indem sie Geschäftsmodelle anpassten und in moderne Technologien investierten. Als Beispiel nennt Braun Rolls Royce, das effizientere Triebwerke und nachhaltigere Energielösungen vorantreibe, um Elektrifizierung und emissionsärmere Luftfahrt zu unterstützen. „Industrie ist nicht automatisch altes Wachstum“, sagt Braun. „Wer Effizienz, Sicherheit und Elektrifizierung ermöglicht, kann über Jahre hinweg profitieren – oft mit sehr hoher Visibilität auf der Auftragsseite.“

Gesundheitswesen: Genomik, Daten und KI als Innovationsmotor
Auch im Gesundheitssektor sieht Braun mehrjährige Innovationstreiber – trotz regulatorischer und preislicher Unsicherheiten. Fortschritte bei der Genomsequenzierung, Datenverarbeitung und KI würden gezieltere Interventionen, etwa bei Krebs, Adipositas und kognitiven Erkrankungen, ermöglichen. Zudem würden RNA-Interferenz, Gentherapie und Genbearbeitung eine neue biopharmazeutische Innovationswelle antreiben, mit dem Ziel, genetische Fehler zu korrigieren und wirksamere Therapien zu entwickeln. KI beschleunige darüber hinaus die Wirkstoffforschung und könne dazu beitragen, in den kommenden zehn Jahren Dutzende neuartige Therapien zur Marktreife zu bringen. Gleichzeitig entstünden Chancen in unterstützenden Branchen wie Labortechnik und Medizintechnik, die sich oft anders verhielten als klassische Biopharmawerte. „Wenn Genomik und KI Entwicklungszyklen verkürzen, profitieren nicht nur die Entwickler von Therapien, sondern auch die Infrastruktur dahinter – von Diagnostik bis zu Werkzeugen und Laborprozessen“, so Braun.

Konsum im Wandel: Experience Economy und digitale Beschleunigung
Auch im Konsumsektor, der einen großen Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung ausmache, sieht Braun Chancen: „Demografische Verschiebungen, technologischer Fortschritt und veränderte Lebensstile erzeugen neue, investierbare Themen in Industrie und Schwellenländern“, sagt Braun. Besonders prägend sei der Trend zur Experience Economy, also die Verlagerung von materiellen Käufen hin zu erinnerungsstiftenden Erlebnissen, gestützt durch steigende Einkommen, Social Media und demografische Veränderungen.

Parallel würden sich Online- und Mobile-Services beschleunigen, insbesondere im Handel. Plattformen nutzten Datenanalyse und Personalisierung, während skalierbare Logistik und Zahlungssysteme Markteintrittsbarrieren erhöhten. „Wir achten sehr darauf, wo Kundenerlebnis, Daten und Distribution zusammenkommen, denn dort entstehen häufig die stabilsten Wiederholungseffekte“, so Braun.

Vorteile für multinationale Konzerne
Wenn solche Umbrüche gleichzeitig wirkten, steche eine Unternehmensgruppe besonders hervor: multinationale Konzerne. „Deren globale Reichweite und diversifizierte Strukturen machen sie aus unserer Sicht widerstandsfähig, weil sie Produktion, Beschaffung und Lieferketten grenzüberschreitend anpassen können“, erklärt Braun. „Über die vergangenen drei Jahrzehnte haben sie damit in Summe besser abgeschnitten als stärker auf Heimatmärkte fokussierte Unternehmen.“

Jedoch sei nicht jedes globale Unternehmen automatisch ein Gewinner. Wichtig sei eine tiefgehende Fundamentalanalyse, um Resilienz und Innovationsfähigkeit zu belegen. „In Phasen strukturellen Wandels ist globale Anpassungsfähigkeit die neue Sicherheitsmarge. Unser Fokus liegt darauf, Unternehmen zu finden, die sich nicht nur behaupten, sondern aus Disruption Wettbewerbsvorteile machen“, so Braun abschließend.


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