Warum Medizintechnik vor einem Wachstumsschub steht

Der Gesundheitssektor stehe vor einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Treiber seien vor allem der weltweite Anstieg chronischer Erkrankungen, die demografische Entwicklung sowie technologische Fortschritte in der Medizintechnik.

23.02.2026 | 13:01 Uhr

Das erläutert Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group. Innovationen in der Diagnostik, Bildgebung und patientennahen Medizintechnik könnten helfen, die Gesundheitssysteme zu entlasten – und eröffneten zugleich langfristige Chancen für Investoren.

Chronische Erkrankungen erhöhen den Innovationsdruck
Chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs und Diabetes zählten weltweit zu den häufigsten Todesursachen und verursachten einen stetig wachsenden Anteil der Gesundheitsausgaben. Prognosen zufolge dürften Todesfälle durch Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis 2050 um rund 75 Prozent steigen. Gleichzeitig nehme der ökonomische Druck auf die Gesundheitssysteme zu: Allein in den USA werde erwartet, dass die Gesundheitsausgaben von rund 4,9 Billionen US-Dollar im Jahr 2023 auf etwa 8,6 Billionen US-Dollar bis 2033 anwachsen. „Innovationen sind notwendig, um Versorgung, Kosten und Produktivität in Einklang zu bringen“, so Braun.

Diabetes: Geräte bleiben trotz neuer Therapien zentral
Ein zentrales Wachstumsfeld sieht Braun im Bereich Diabetes. Die Zahl der weltweit an Diabetes erkrankten Erwachsenen habe sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdreifacht und dürfte bis 2050 um nahezu 45 Prozent auf rund 852 Millionen Menschen steigen. Parallel dazu werde erwartet, dass bis 2030 etwa die Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung übergewichtig oder adipös sein wird.

Zwar hätten neue sogenannte GLP-1-Therapien – Medikamente, die das Sättigungsgefühl erhöhen, den Blutzucker regulieren und sowohl bei Diabetes als auch bei Adipositas eingesetzt werden – große Aufmerksamkeit erlangt. Dennoch sieht Braun keine Verdrängung klassischer Medizintechnik. „GLP-1-Therapien können ein wichtiger Baustein in der Behandlung sein, ersetzen aber keine Überwachungs- und Steuerungssysteme“, betont er.

Insbesondere kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGMs) blieben essenziell. Weltweit stünden mehr als 500 Millionen Diabetespatienten bislang nur rund 9 Millionen CGM-Nutzern und etwa 1,3 Millionen Insulinpumpenanwendern gegenüber – ein Hinweis auf erhebliches Wachstumspotenzial.

Künstliche Intelligenz prägt Radiologie und Kardiologie
Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz nehme in der Medizintechnik deutlich zu. Rund 80 Prozent der von der US-Gesundheitsbehörde FDA zugelassenen KI-gestützten Medizingeräte entfielen inzwischen auf die Radiologie – etwa zur Bildanalyse, Diagnostik oder Priorisierung von Fällen. Diagnostische Fehler träten dort derzeit in etwa vier Prozent der Fälle auf und könnten mithilfe von KI perspektivisch auf unter ein Prozent reduziert werden.

In der Kardiologie gewinne KI insbesondere bei der Erkennung von Herzrhythmusstörungen, in der Echokardiografie sowie bei der Früherkennung koronarer Erkrankungen an Bedeutung. „KI kann die Behandlungsqualität verbessern und Prozesse effizienter gestalten – sie unterstützt medizinisches Fachpersonal, ersetzt es aber nicht“, stellt Braun klar.

Krebsfrüherkennung vor einem technologischen Umbruch
Ein weiterer Innovationsschwerpunkt liege in der Krebsfrüherkennung. Während bislang nur wenige organspezifische Screening-Verfahren existierten, verlagere sich der Fokus zunehmend auf sogenannte Liquid-Biopsy-Verfahren. Diese Bluttests könnten zirkulierende Tumorzellen oder genetisches Material erfassen und mithilfe von KI eine frühzeitige Krebsdiagnose ermöglichen. Zwar befänden sich viele dieser Technologien noch in der Entwicklungs- und Skalierungsphase, doch ihr langfristiges disruptives Potenzial sei erheblich.

Consumer-Medtech gewinnt an Dynamik
Zunehmend rücke zudem verbrauchernahe Medizintechnik in den Fokus. Weltweit lebten derzeit rund 1,5 Milliarden Menschen mit Hörverlust, davon etwa 430 Millionen mit einer behandlungsbedürftigen Beeinträchtigung. Bis 2050 könnte diese Zahl auf rund 700 Millionen steigen. Dennoch nutzten selbst in Industrieländern bislang nur Minderheiten entsprechende Hilfsmittel. Neue Hörgeräte-Generationen, smarte Brillen oder KI-gestützte Diagnostiklösungen könnten hier für eine breitere Marktdurchdringung sorgen. Gleichzeitig gewännen Fragen der Datensicherheit, Regulierung und Governance an Bedeutung.

Fazit: Selektivität bleibt entscheidend
Vor dem Hintergrund der Zunahme chronischer Erkrankungen sieht Braun im Medtech-Sektor attraktive langfristige Investmentchancen. Gleichzeitig seien viele Gesundheitsaktien zuletzt hinter dem Gesamtmarkt zurückgeblieben, was eine Kombination aus vergleichsweise moderaten Bewertungen, soliden Fundamentaldaten und strukturellem Wachstum zur Folge habe. „Wir sehen hier ganz eindeutige Chancen für langfristige Anleger. In einem Umfeld schneller technologischer Innovation gilt es dabei jedoch auch, selektiv vorzugehen“, resümiert Braun.

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