US-Aktien: Gegenwind aus drei Richtungen – gleichzeitig!
Konfrontationen, Machtdemonstrationen und laute politische Debatten prägen den Jahresauftakt, doch die Aktienmärkte zeigen sich bislang bemerkenswert robust.22.01.2026 | 12:10 Uhr
Ob das so bleibt, ist offen: 2026 könnte für Anleger unruhiger werden. Nelson Yu, Head of Equities bei AllianceBernstein, sieht den US-Aktienmarkt mit Gegenwind aus drei Richtungen konfrontiert – hoher Marktkonzentration, ambitionierten Bewertungen und wachsenden Zweifeln am US-Exzeptionalismus. In seinem aktuellen Marktausblick zeigt er auf, wie Investoren ihre Aktienportfolios angesichts veränderter Makrobedingungen, KI-Dynamiken und zunehmender Bewertungsunterschiede strategisch neu ausrichten können.
Nach zwei Jahren Performance-Führerschaft der US-Aktienmärkte, die vor allem von den US-KI-Hyperscalern getragen wurde, zeigen unsere Analysen erste Anzeichen einer globalen thematischen Verbreiterung. Veränderte Renditemuster waren zudem bereits im vergangenen Jahr zu beobachten: Qualitätsaktien zeigten Schwäche, während spekulative Wachstumswerte zulegten – begünstigt durch Erwartungen sinkender US-Leitzinsen und dem anhaltenden KI-Trend. Diese Rally bei spekulativen Wachstumswerten deutet darauf hin, dass Anleger dem makroökonomischen Umfeld Vertrauen entgegenbringen. 2025 trotzte das globale Wirtschaftswachstum auch abrupten politischen Maßnahmen und geopolitischer Instabilität. Für 2026 sehen wir sowohl ein geringeres Risiko eines ausgeprägten Abschwungs als auch eines Wiederanstiegs der Inflation.
US-Exzeptionalismus auf dem Prüfstand
Dennoch könnte das Umfeld gerade für die US-Märkte holpriger werden, als so
manchem Anleger lieb sein dürfte. Zum Start ins Jahr 2026 sehen sich US-Aktien
mit wesentlichem Gegenwind aus gleich drei Richtungen konfrontiert: einer hohen
Marktkonzentration, erhöhten Bewertungen und anhaltenden Zweifeln am
US-Exzeptionalismus. Die entscheidende Frage lautet also: Wenden sich die
Vorzeichen für den S&P 500, der in elf der vergangenen 15 Jahre besser
abgeschnitten hat als die Nicht-US-Märkte?
In den vergangenen Jahren wurde diese Outperformance vor allem von den dominierenden Technologiegiganten getragen, die die Marktkonzentration im US-Aktienmarkt auf ein nahezu historisches Hoch getrieben haben. Ende 2025 vereinten die zehn größten Titel mehr als 40 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500 auf sich – was die Diversifikation innerhalb des US-Marktes deutlich erschwert. Gleichzeitig bedeutet dies, dass die Wertentwicklung und Volatilität des Gesamtmarktes in hohem Maße von einer kleinen Gruppe großer Technologieunternehmen abhängen. Im Jahr 2025 erreichte die relative Volatilität des S&P 500 gegenüber den Nicht-US-Märkten den höchsten Stand im 21. Jahrhundert.
Teuer bewertet, nervös gehandelt
Ein weiterer Effekt dieser Entwicklung sind die hohen Bewertungen. Trotz
der Underperformance gegenüber den Nicht-US-Märkten im vergangenen Jahr bleiben
US-Aktien im globalen Vergleich teuer. Dies könnte erklären, warum die
Berichtssaison zuletzt zunehmend erratisch verlief. Historisch gesehen wurden
positive Gewinnüberraschungen bei US-Unternehmen in der Regel mit einer
Outperformance der Aktien honoriert. Im vergangenen Jahr blieb dieser Effekt
jedoch aus: Selbst Unternehmen, die die Erwartungen übertrafen, wurden nicht
belohnt, während Aktien von US-Unternehmen, die die Prognosen verfehlten,
deutlich stärker abgestraft wurden. Außerhalb der USA hingegen profitierten
Unternehmen weiterhin von positiven Kursreaktionen, wenn sie die
Gewinnerwartungen übertrafen (siehe Abbildung).
Gleichzeitig verstärkt die politische Unsicherheit – darunter Handelsspannungen, mögliche Haushaltsstillstände der Regierung sowie Sorgen um die Unabhängigkeit der US-Notenbank – die Zweifel an der Nachhaltigkeit des US-Exzeptionalismus. Dieser Pessimismus erscheint jedoch überzogen. US-Unternehmen profitieren weiterhin von tiefen und liquiden Kapitalmärkten, starken Innovationsclustern sowie einem Unternehmenssektor mit überdurchschnittlicher Profitabilität. Diese strukturellen Vorteile tragen dazu bei, die im internationalen Vergleich höheren Bewertungen am US-Aktienmarkt zu erklären.
Drei Leitlinien für 2026: Strategische Antworten auf ein
neues Marktregime
Wie lassen sich diese Entwicklungen in eine Aktienstrategie für 2026
übersetzen? US-Aktien bleiben ein wichtiger Bestandteil globaler Portfolios.
Entscheidend sind jedoch eine disziplinierte Diversifikation und ein
hochselektiver Ansatz. In einem Umfeld verhaltenen makroökonomischen Wachstums,
hoher wirtschaftspolitischer Unsicherheit in den USA und KI-getriebener
Marktdynamiken sollten aus unserer Sicht die folgenden Leitlinien eine
langfristige Anlagestrategie prägen:
1. Volatilität aktiv managen
Nach einem starken Börsenjahr ist die Gefahr der Selbstzufriedenheit hoch.
KI-Enttäuschungen oder US-spezifische Risiken könnten 2026 für stärkere
Ausschläge sorgen. Defensive Strategien und breitere Diversifikation gewinnen
an Bedeutung.
2. Globaler denken
Regionale Diversifikation ist nicht nur Risikomanagement, sondern
Renditequelle. Value-Chancen außerhalb der USA, Reformen in Japan und
strukturelle Trends in Schwellenländern bieten Alternativen zu überfüllten
US-Growth-Trades.
3. Qualität priorisieren
Langfristig bleiben stabile Cashflows und robuste Geschäftsmodelle die
verlässlichsten Renditetreiber. Qualitätsaktien können auch in schwierigeren
Marktphasen Erträge liefern – und gewinnen bei steigender Unsicherheit an
Attraktivität.
Zum Jahresbeginn stehen Aktienanleger an einem entscheidenden Punkt. Politische Unsicherheit, makroökonomische Herausforderungen und die Dynamik rund um künstliche Intelligenz erschweren die langfristige Vermögensbildung spürbar. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, bestehende Engagements kritisch zu überprüfen und sicherzustellen, dass sie mit den langfristigen strategischen Allokationen im Einklang stehen. Wichtig ist, dass die Renditequellen über ein breites Spektrum regionaler, stilistischer und thematischer Treiber hinweg sinnvoll aufeinander abgestimmt sind. Eine wirklich diversifizierte Aktienallokation ist der beste Weg, langfristiges Renditepotenzial zu erschließen und zugleich den wachsenden globalen Risiken Rechnung zu tragen.