Software: Sind KI-Disruptionsrisiken übertrieben oder doch berechtigt?
Künstliche Intelligenz ist das derzeit dominierende Thema im Technologiesektor. Anfangs sahen Investoren durch neue KI-Anwendungen unisono enormes Wachstumspotenzial.15.01.2026 | 09:26 Uhr
Mittlerweile rücken jedoch zunehmend die Risiken in den Fokus. Investoren fragen sich, ob Softwarelösungen nicht selbst durch die KI-Agenten neuer Anbieter wie OpenAI ersetzt werden könnten. Einige Investoren meiden daher generell den Softwaresektor. Beispielsweise fokussiert sich Softbank als Risikokapitalgeber bei Neuengagements auf Themen wie KI-Rechenzentren, Halbleiter und Robotics und meidet explizit den Softwaresektor. Ein Großteil der Aktien aus dem Softwarebereich notiert zweistellig im Minus und ist historisch gesehen oftmals günstig.
Gut möglich, dass hier der Markt etwas übertreibt. Sicherlich ist die weitere Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz schwer einzuschätzen, sind doch die Fortschritte rasant. Allerdings sind die Geschäftsprozesse vor allem bei größeren Unternehmen sehr komplex und nicht so einfach durch einen KI-Agenten zu übernehmen, selbst wenn dieser über einen längeren Zeitraum angelernt wird. Erwartungen diesbezüglich sind auf dem OpenAI-Entwicklertag im Oktober doch eher enttäuscht worden. Der allübergreifende KI-Agent, der einen Großteil der Geschäftsprozesse abbilden kann, ist nicht präsentiert worden. Aktuell geht es eher in die Richtung, dass sich OpenAI als eine Art neues Betriebssystem analog zu Apples iOS oder Microsofts Windows im Bereich KI etabliert, auf das bestehende Softwarelösungen aufbauen. Dies hat zumindest an dem Tag der Präsentation zu einer Erholung der Softwareaktien geführt.
Exklusive Datenbanken inmitten der KI-Disruption
Letztendlich ist aber nicht auszuschließen, dass langfristig zumindest ein Teil der heutigen Softwarelösungen obsolet und von KI-Agenten übernommen werden kann. Daher sollten sich Investoren möglichst auf Anbieter fokussieren, deren Softwarelösungen nicht so einfach zu ersetzen sind. Wichtig in dem Zusammenhang ist der exklusive Zugang zu Daten. Klassisches Beispiel sind Softwarelösungen aus dem Bereich Unternehmensressourcen-Planung (ERP). Die Systeme der führenden Anbieter verwalten einen Großteil der unternehmensinternen Daten ihrer Kunden, auf die kein anderes System ohne Weiteres zugreifen kann. Dementsprechend dürfte das Disruptionsrisiko hier eher gering sein.
Beim führenden deutschen Anbieter liegen die Daten beispielsweise geschützt in der eigenen Datenbank. KI bietet somit für den Anbieter mehr Chancen als Risiken. Mittelfristig will dieser eine Milliarde Euro an KI-Umsätzen erwirtschaften. Dies wären zwar nur drei Prozent vom Umsatz, der Vorstandsvorsitzende hatte jedoch jüngst angedeutet, dass es auch mehr sein könnte. Zentrales Tool ist ein KI-Agent, der nach Anlernung Routinetätigkeiten im Rechnungswesen, in der Buchhaltung oder im Personal selbstständig erledigen kann. Zudem befindet sich der Anbieter mitten in der Cloudmigration. Gut die Hälfte der Kundenbasis ist bereits auf die Cloudlösung migriert. Dieses Jahr hat der Zollstreit allerdings vor allem im zweiten Quartal die Kunden verunsichert und dazu geführt, dass der Anbieter erstmals nur das untere Ende beim Cloudwachstum erreichen können wird. Normalerweise passt er im Laufe des Jahres den Ausblick nach oben an. Zudem wirkt sich die anhaltende US-Dollar-Schwäche negativ aus. Käme es zu einer Stabilisierung des Dollars, änderte sich die Situation. Möglich wären auch Rückenwind aus der Cloudmigration und Umsatzpotenzial aus KI, bei KMUs sowie der neuen Business-Plattform (je mindestens eine Milliarde Euro zusätzlicher Umsatz). In einem so optimistischen Szenario wäre wahrscheinlich ein zweistelliges Umsatz- und Gewinnwachstum bis zum Ende der Dekade erzielbar.
US-Softwarelösungen im Ringen mit den Hyperscalern
Ähnliches gilt für den führenden US-amerikanischen Anbieter von Unternehmensdatenbanken, der dedizierte Lösungen für Großkunden und KMUs anbietet. Zudem beginnt dieser nun im größeren Stil, KI-Rechenzentren aufzubauen, die an Drittkunden vermietet werden sollen. Mit OpenAI konnte ein Großauftrag von 300 Milliarden US-Dollar über fünf Jahre (beginnend ab 2027) gewonnen werden, der zunächst für einen rasanten Kursanstieg sorgte. Insgesamt hat der US-Anbieter einen Auftragsbestand von 523 Milliarden US-Dollar und übertrifft die „etablierten“ großen Hyperscaler wie AWS (Amazon), Azure (Microsoft) oder GCP (Google). So rechnet man mit einer Vervierfachung des 2025er Umsatzes auf 225 Milliarden US-Dollar sowie einem Gewinn pro Aktie von 21 US-Dollar bis 2030.
Die anfängliche Euphorie ist mittlerweile der Angst gewichen, wie dieser Ausbau finanziert werden kann und ob OpenAI überhaupt ihren Verpflichtungen nachkommen kann angesichts der immer noch sehr hohen Cashburn-Rate. So notiert die Aktie des US-Anbieters aktuell gerade einmal bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun auf Basis des 2030er Gewinnziels. Der Ausbau von KI-Rechenzentren ist sehr kapitalintensiv und birgt daher vor allem für den US-Anbieter Risiken, da die bestehenden Cashflows nicht ausreichen und man somit einen Teil über Schulden finanzieren muss. Der US-Anbieter betont aber, dass man nur profitable Aufträge annehmen und eine Bruttomarge von 30 bis 40 Prozent auf das KI-Cloudgeschäft erzielen will. Falls dies der Fall ist, wären die aktuellen Marktbefürchtungen unbegründet.
Komplexe Softwarelösungen: tendenziell geschützt vor Disruption
Ein ebenfalls eher geringes Disruptionsrisiko haben die relativ komplexen Softwarelösungen im Bereich Produktlebenszyklus-Management (PLM). Trotzdem konnten sich PLM-Anbieter der allgemein schwachen Kursentwicklung im Softwaresektor nicht entziehen. Vor allem der Marktführer, der einen Marktanteil von 16 Prozent aufweist, ist stärker unter Druck geraten, da man den Ausblick für 2025 nach unten revidieren musste. Das Life-Science-Geschäft rund um die 2019 zugekaufte Spezialfirma offenbart vor allem Schwächen bei Auftragsforschungsinstituten (Planung, Durchführung, Management und Analyse von klinischen Studien für neue Medikamente) und wächst aktuell nur noch im unteren einstelligen Bereich. Zudem hat der Lebenszyklusmarktführer einen hohen Kundenanteil aus der unter Druck geratenen Automobilbranche. Sollte sich das Geschäft im nächsten Jahr stabilisieren können, hätte er Erholungspotenzial, liegt doch die Bewertung, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, für 2026 mit knapp 18 deutlich unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt von 33.
Risiken in der Bild- und Videobearbeitung durch KI-Generierung
Das wahrscheinlich größte KI-Disruptionsrisiko aktuell wird beim führenden Anbieter für Bildbearbeitungssoftware gesehen. Es gibt eine Vielzahl neuer „Text-to-Video-KI-Modelle“ von Anbietern wie OpenAI (Sora 2), Google (Veo 3) oder Runway (N/L), die potenziell neuen Wettbewerb für die bisherigen Flaggschiffprodukte in der Bild- und Videobearbeitung bedeuten. Bild- und Videoverarbeitung eignen sich besonders gut für KI. Allerdings dürfte auch hier zumindest ein Großteil der Kunden weiter mit den etablierten Lösungen des Marktführers arbeiten, besonders im professionellen Bereich. Der Marktführer bietet ebenfalls ein eigenes KI-Tool an. Zudem können die aktuell neuen KI-Lösungen bislang nicht mit derartig umfangreichen Funktionalitäten punkten. Ferner kommen immerhin rund 25 Prozent des Umsatzes aus dem Dokumentenbereich (PDF), wo keine Disruptionsrisiken bestehen. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass der Marktführer für Bild- und Videosoftware zum „KI-Opfer“ und im schlimmsten Fall früher oder später komplett ersetzt wird. Dementsprechend notiert die Aktie nur mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 für 2026.
Mögliche Risiken bei Kundenmanagementlösungen
Ein ebenfalls überdurchschnittliches KI-Disruptionsrisiko dürfte der führende Anbieter von Kundenmanagementsystemen (CRM) haben. Zwar bietet dieser ebenfalls ein eigenes KI-Tool an, die Monetarisierung blieb zwar unter den Erwartungen, ist aber mit jährlich wiederkehrenden Einnahmen von 1,4 Milliarden US-Dollar (entspricht Umsatzanteil von gut drei Prozent) im Sektorvergleich überdurchschnittlich. Zudem fokussiert sich der Anbieter zunehmend auf KI-Datenanalyse. Für acht Milliarden US-Dollar kaufte man einen Anbieter für Cloud-Datenmanagement. Dieser soll nun in die bestehenden Lösungen integriert werden. Der Kundenmanagementanbieter selbst sieht zudem mehr Chancen als Risiken durch KI. Bis 2030 will man den Umsatz organisch um durchschnittlich zehn Prozent auf 60 Milliarden US-Dollar steigern. Zudem hat man ein 50 Milliarden US-Dollar schweres Aktienrückkaufprogramm gestartet (davon wurden bereits 28,1 Milliarden US-Dollar abgerufen, allein 3,8 Mrd. US-Dollar im letzten Quartal).
Fazit: Software ist tot, lange lebe die Software
Leider ist das KI-Disruptionsrisiko im Softwarebereich nur schwer einschätzbar. Der Markt könnte hier jedoch etwas übertreiben, ist es doch fraglich, ob KI-Agenten einen Großteil der Softwarelösungen wirklich ersetzen können. Relativ geringes Risiko dürften Anbieter haben, deren Daten geschützt und nicht so einfach zugänglich sind, wie etwa bei Softwarelösungen in der Unternehmensressourcen-Planung (ERP). Ebenfalls nur schwer ersetzbar dürften relativ komplexe Softwarelösungen sein, etwa im Produktlebenszyklusmanagement (PLM). Besonders negativ ist das Sentiment dagegen vor allem beim PLM-Marktführer (gesenkter Ausblick für 2025) sowie beim US-Marktführer für Unternehmensdatenbanken (Finanzierung des Aufbaus des neuen KI-Rechenzentrumsgeschäfts), was jüngst zu hohen Kursrückgängen führte. Sicherlich ein erhöhtes Disruptionsrisiko haben der Marktführer bei Bild- und Videobearbeitung oder auch der Marktführer bei Kundenmanagementsystemen. Bewertungspotenzial hätten beide Unternehmen, wenn sich die derzeit eingepreisten Risiken als übertrieben herausstellen.
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