Schwellenländer: Deep Value ist das Gebot der Stunde

Finanzberatungen und Vermögensverwalter betonen gegenüber ihren Klienten zu Recht, wie wichtig Diversifikation ist. Etwa bei Branchen und Assetklassen. Geht es um regionale Streuung, werden Aktien-Investments in Schwellenländern leider noch zu oft nur als exotische Beimischung empfohlen. Diese Einordnung wird dem Segment nicht ansatzweise gerecht.

22.04.2026 | 10:00 Uhr

Investitionen in Schwellenländer-Aktien gelten historisch als schwieriges Thema in der Anlageberatung. Zu volatil, zu wenig Liquidität, zu wenig transparent, zu tiefe Drawdowns – die unterstellte Mängelliste ist lang. Tatsächlich scheint ein tiefer Blick in die Vergangenheit die Vorurteile zunächst zu bestätigen. Doch in den vergangenen Jahren hat sich klammheimlich eine Wachablösung vollzogen. Spätestens das Jahr 2025 markiert einen Wendepunkt, der viele Experten, die bis zuletzt noch von Emerging Markets-Investition abrieten, an ihren Vorbehalten hat zweifeln lassen: Mit einer beeindruckenden Rendite von 34 Prozent im MSCI EM Index ließen die Schwellenländer den MSCI World im vergangenen Jahr um fast 13 Prozentpunkte hinter sich. 

Es könnte erst der Anfang gewesen sein. Denn die Annahme, die Messe sei angesichts dieser starken Performance nun gelesen und die Kurse seien bereits davongelaufen, verkennt die historische Dimension der aktuellen Marktlage. Denn trotz der jüngsten Rally verharrt die Bewertungslücke zwischen den Schwellenländern und den Industrienationen auf dem höchsten Niveau seit der Ära nach der globalen Finanzkrise. Die strategische Chance für Anleger liegt hier in der fundamentalen Fehlbewertung von Schwellenländer-Aktien, die trotz der Kursgewinne weiterhin besteht.

Das Paradoxon der unterbewerteten Outperformer

Die Wirklichkeit ist komplex. Das gilt auch für die Schwellenländer. Wahr ist: Das Jahr 2005 fungierte als Startpunkt für eine fast zehnjährige Phase massiver Outperformance der Schwellenländer-Aktien. Wahr ist auch, dass – abgesehen vom kurzen, fast schon fiebrigen Tech-Boom nach der Pandemie – der Bewertungsabschlag von Schwellenländer-Aktien gegenüber den entwickelten Märkten seit dem Jahr 2005 nicht mehr so eklatant war wie heute. Wir sehen also Outperformance und Unterbewertung zugleich. Das klingt paradox, ist aber real.

Will man als Investor von dieser einzigartigen Situation profitieren, muss man jedoch genauer hinsehen. Denn bei näherer Betrachtung ergibt sich ein differenzierteres Bild, dessen Details man Beachtung schenken sollte. Denn Aktie ist nicht gleich Aktie. Es gibt erhebliche Bewertungsunterschiede.

Während etwa das teuerste Fünftel der Emerging Markets-Unternehmen an der Börse nur noch Gewinnrenditen von mickrigen zwei Prozent bieten und Investitionen in diese Aktien damit eher spekulativen Wetten gleichen, bietet das günstigste Quintil eine Rendite von rund 10,5 Prozent. Selbst im Vergleich zu Schwellenländeranleihen, die im Durchschnitt aktuell 6,1 Prozent Rendite bieten, wirken diese Value-Titel wie massiv unterbewertete Geschenke. Und genau auf diese Geschenke haben es echte Deep-Value-Investoren abgesehen.

Die Suche nach Qualität und Stärke, die von anderen noch übersehen wird

Deep Value ist bei Licht betrachtet keine Alchemie. Das Prinzip ist schnell erklärt: Deep Value-Strategien zielen darauf ab, in einem Umfeld emotionaler Überreaktionen diszipliniert nach unterbewerteten Unternehmen mit starker Ertragskraft zu suchen. Vereinfacht gesagt: Deep Value Investoren suchen die weißen Schwäne, die von den meisten anderen Anlegern noch für hässliche Entlein gehalten werden. In den Schwellenländern wird diese Suche durch einen psychologischen Effekt begünstigt. Internationale Investoren neigen dazu, kurzfristige makroökonomische Turbulenzen in Schwellenländern schnell für existenzielle Krisen zu halten – und zu schnell mit Panik zu reagieren. Fundamentale Daten werden über Bord geworfen. Die Emotion bestimmt das Handeln.

Konzentration aufs Wesentliche

Deep Value Investoren wie der Vermögensverwalter Pzena Investment Management setzen genau hier einen Kontrapunkt. „Bewertung ist kein statistisches Rauschen, sondern der einzige verlässliche Kompass im emotionalen Nebel der Schwellenländer“, lautet das Credo der Pzena-Strategen. Im Rahmen ihres Auswahl- und Anlageprozesses identifizieren sie gezielt Unternehmen, deren aktuelle Gewinne weit unter ihrer historischen Norm liegen. Dabei werden vier entscheidende Faktoren systematisch genutzt: die psychologische Übertreibung der Marktteilnehmer, die oft fälschliche Gleichsetzung von BIP-Wachstum mit Aktienrenditen, die massive Untergewichtung durch institutionelle Anleger und die komplexe Bandbreite der Ergebnisse. Gerade die Vielschichtigkeit rechtlicher und politischer Strukturen verschiedener Schwellenländer wird vom Markt oft pauschal als Risiko bestraft, während sie für aktive Manager eine Quelle robuster Chancen darstellt. Sie analysieren die Komplexität, statt vor ihr zu fliehen, und finden so asymmetrische Ertragsprofile, wo andere nur Chaos vermuten.

Mit Portfolio-Rotation Gewinne ernten und neue Chancen säen

In der Praxis sieht echtes Value-Investing in Schwellenländern dann so aus: Das Managen des Portfolios ist ein sehr aktiver Prozess. Denn rein passives Aussitzen könnte schnell bestraft werden. Konkret wird dies am Beispiel des Fonds Pzena Emerging Markets Focused Value deutlich: In den vergangenen Monaten hat das Fondsmanagement hier vermehrt Gewinne realisiert und die frei gewordenen Mittel reallokiert. Nachdem etwa der koreanische Tech-Gigant Samsung Electronics von der Euphorie um HBM-Speicherchips für KI-Anwendungen profitierte, war es Zeit für eine Neubewertung. Die Pzena-Strategen nahmen Gewinne mit und reduzierten die Position, da der Markt die Erholung bereits mehr als eingepreist hatte. Frei gewordene Mittel flossen stattdessen in Doosan Bobcat, einen Hersteller von Kompaktbaumaschinen, der unter der zyklischen Schwäche des US-Wohnungsbaus litt und preiswert eingesammelt werden konnte. Ein weiteres Beispiel für diesen disziplinierten antizyklischen Ansatz ist der Kauf von Aktien des Textilherstellers Shenzhou International. Das Unternehmen war durch Lagerabbau-Zyklen und der Unsicherheit in Bezug auf neue US-Zölle nach dem sogenannten „Liberation Day“ unter Druck geraten. Während der breite Markt die Flucht ergriff, nutzte Pzena die Gunst der Stunde, um ein fundamental intaktes Franchise-Unternehmen zu einem Bruchteil seines fairen Wertes zu erwerben.

Solides Risikomanagement als Basis des Erfolgs

Ein solides Risikomanagement spielt für Deep Value-Investoren eine wesentliche Rolle. Das gilt natürlich auch für Emerging Marktes-Strategien. Wohlgemerkt: auch. Nicht: Hier ganz besonders. Denn das Vorurteil, Schwellenländer-Value sei lediglich eine besonders risikoreiche, gehebelte Wette auf instabile Bilanzen, hält einer Überprüfung der Fakten nicht stand. Im Gegenteil: Während Unternehmen in westlichen Industrienationen oft auf hohen Schuldenbergen thronen, glänzen viele EM-Unternehmen durch überraschende Disziplin. Die Nettoverschuldung von US-Unternehmen liegt im Durchschnitt beim 1,44-fachen des EBITDA. Zum Vergleich: Im MSCI Emerging Market Index liegt dieser Wert bei durchschnittlich 0,77, also nur halb so hoch. Das Pzena-Portfolio ist mit einer Quote von 0,56x sogar noch konservativer aufgestellt.

Diese finanzielle Festung erlaubt es, dort zuzugreifen, wo Angst den Preis diktiert – etwa in Brasilien. Trotz politischer Nebelkerzen und Marktunruhen liegt die Arbeitslosenquote dort auf einem Zehnjahrestief. Unternehmen wie der Energieversorger CEMIG, der Bergbaugigant Vale oder die Großbank Itaú Unibanco wurden selektiv ausgebaut, weil ihre Kurse ein Weltuntergangsszenario reflektierten, das nicht zur wirtschaftlichen Realität passt.

Fazit: Für Anlageberater und Vermögensverwalter stellt sich nicht die Frage, ob man Investitionen in Schwellenländer empfiehlt, sondern wie man dieses Marktsegment seinen Klienten transparent nahebringt. Insbesondere der Deep Value-Ansatz bietet Anlegern jetzt besonders attraktive Chancen. Um diese Argumentation zu untermauern, lohnt ein Blick in die Historie: Über die letzten drei Jahrzehnte haben Deep-Value-Aktien in den Schwellenländern in 77 Prozent der Fälle den breiten Markt über rollierende Fünfjahreszeiträume geschlagen – und das mit einem durchschnittlichen jährlichen Alpha von beachtlichen 7,7 Prozent. Besonders nach Phasen extremen Markstresses erwies sich dieser Stil als überlegen. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit und Zinsvolatilität hat sich gründliche Fundamentalanalyse als einziger Anker der Vernunft bewährt. Während die Herde den immer gleichen Wachstumstrends hinterherläuft, bis die Bewertungen ins Absurde driften, bietet die Value-Allokation heute das wohl attraktivste Einstiegsfenster der kommenden Dekade. Und dies ganz besonders in den Schwellenländern.

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