Schwellenländer – an der Spitze, nicht an der Schwelle

Die Schwellenländer entwickeln und verändern sich weiter. Sie wandeln sich vom Fertigungszentrum der Welt zu einem globalen Hub für Innovationen.

08.05.2026 | 11:34 Uhr

Die Schwellenländer entwickeln und verändern sich weiter. Sie wandeln sich vom Fertigungszentrum der Welt zu einem globalen Hub für Innovationen. In wichtigen Segmenten der Technologiebranche, der Wertschöpfungskette für die Energiewende und der Automatisierung stehen sie an der Spitze.

Taiwanesische und südkoreanische Halbleiterhersteller, chinesische Zulieferer für Elektrofahrzeuge und Batterien sowie asiatische Produzenten von Industrierobotern sind gut aufgestellt, um in den Jahren 2026–27 potenziell auf der Investitionswelle der Hyperscaler im Umfang von schätzungsweise 1,3 Bio. USD1 zu reiten. Das bietet mehrjährige Prognosesicherheit hinsichtlich Umsatz und Cashflow. Hinzu kommen im Jahr 2026 Investitionen von über 150 Mrd. USD seitens der drei führenden asiatischen Halbleiterunternehmen, was einem Plus von über 50 % gegenüber dem Niveau von 2025 entspricht.2


Jenseits des Technologiesektors besitzen die rohstoffreichen Schwellenländer Lateinamerikas einen beträchtlichen Anteil an den Vorkommen von Kupfer, Lithium und seltenen Erden, die für die Dekarbonisierung und die Elektrifizierung des Verkehrs benötigt werden. Das unterstreicht ihre strategische Bedeutung für die globale Energiewende. Ausgewählte Schwellenländer, allen voran Korea und China, streben Reformen der Unternehmensführung an. Diese zielen darauf ab, Bewertungsabschläge durch höhere Ausschüttungsquoten, vermehrte Aktienrückkäufe und einen besseren Schutz von Minderheitsaktionären zu verringern.

Für Anleger ergibt sich aus der Kombination von Innovation, besserer Corporate Governance und Bewertungsabschlägen ein differenziertes Spektrum an Anlagechancen. In diesem Bericht befassen wir uns mit drei Säulen dieser These: Innovation, Umstellung auf erneuerbare Energien und Reform der Unternehmensführung. Unsere Schlussfolgerung konzentriert sich auf das Aufwärtspotenzial bei den Bewertungen der Schwellenländer in globalen Portfolios.

Innovations

Taiwanesische und südkoreanische Halbleiterhersteller sind die führenden Produzenten von Chips zum Betrieb der KI-Modelle, die Branchen von professionellen Dienstleistungen bis hin zur Softwareentwicklung nachhaltig verändern. Diese Vormachtstellung ist das Ergebnis jahrelanger Investitionen in Kerntechnologien.

In einem durchschnittlichen Rechenzentrum mit einer Leistung von 1 GW machen KI-Chips und Speicher mit hoher Bandbreite 60 % der Gesamtkosten aus, während der Rest auf Infrastruktur und Stromversorgungssysteme entfällt.3 Da Hyperscaler in den Jahren 2026–27 KI-Investitionen in Höhe von 1,3 Bio. USD planen, ergeben sich enorme Umsatzchancen für taiwanesische und südkoreanische Halbleiterunternehmen, die schätzungsweise 80 % der in KI-Servern eingesetzten Halbleiter fertigen


Der weltweit führende Hersteller von KI-Chips wird 2026 voraussichtlich ein Umsatzwachstum von 30 % erzielen, nachdem er im letzten Jahr bereits ein ähnliches Wachstum verzeichnet hat. Der Spitzenproduzent für Speicher mit hoher Bandbreite wird Prognosen zufolge um 70 % wachsen, nachdem der Umsatz in den Vorjahren um 47 % gestiegen ist.4 Dank ihrer langfristigen Investitionen und Innovationen haben sich diese Unternehmen als Marktführer in der Halbleiterindustrie etabliert.5

Robotik

Südkorea veröffentlichte 2024 seinen vierten Masterplan für intelligente Robotik. Das Land verfolgt damit das Ziel, Roboter bis zum Ende des Jahrzehnts zu einem „wichtigen Wachstumsmotor und Teil der alltäglichen Infrastruktur“ zu machen. Boston Dynamics, eine Tochtergesellschaft von Hyundai Motors, ist auf dem besten Weg, dieses Ziel zu erreichen. Ihre drei Roboterkategorien – Humanoide, Quadrupede und stationäre Handhabungsroboter – werden zunächst in den Fabriken ihrer Muttergesellschaft zum Einsatz kommen, doch das langfristige Ziel besteht im Angebot von Robots-as-a-Service. Es wird prognostiziert, dass bis 2028 30.000 Einheiten des humanoiden Atlas-Roboters von Boston Dynamics im Einsatz sein werden, wobei der Schwerpunkt auf Aufgaben in Fabriken und im Logistikbereich liegt.

Auch chinesische Unternehmen bringen rasch humanoide Roboter auf den Markt, die vor allem für Aufgaben in Fabriken sowie in der Altenpflege konzipiert sind. China legt den Fokus auf die Integration künstlicher Intelligenz, da die politischen Entscheidungsträger humanoide Roboter mit integrierter Intelligenz als strategischen Wachstumssektor betrachten. China will seine Erfahrung in der Massenproduktion zu niedrigen Kosten in Verbindung mit seinem riesigen Binnenmarkt nutzen, um das Wachstum der Industrie anzukurbeln.

Angesichts der Prognose, dass sich die weltweite Installationsbasis bis 2030 um das 10- bis 15-Fache6 vergrößern wird, dürfte es in der Robotikbranche Platz für sowohl China als auch Korea geben. Die beiden Länder konzentrieren sich jeweils auf bestimmte Segmente der Branche: humanoide Roboter und stationäre Handhabung in China sowie vierbeinige Roboter (Quadrupede) und stationäre Handhabung in Korea. Beide wollen die heimische Produktion und vorteilhaften Regulierungsmaßnahmen nutzen und ihren Vorsprung durch eine schnelle Feedbackschleife sichern.


Umstellung auf erneuerbare Energien

Die Schwellenländer sind die führenden Produzenten von Rohstoffen wie Kupfer, Lithium und seltenen Erden, die für die Erzeugung auf der Basis erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung des Verkehrs von zentraler Bedeutung sind. Der Anteil Lateinamerikas an den weltweiten Kupfer- und Lithiumreserven wird auf 50 % bzw. 54 % geschätzt.7

Lithium ist der wichtigste Rohstoff für Batterien von Elektrofahrzeugen – ein Markt, an dem chinesische Hersteller 70 % der weltweiten Produktion kontrollieren. Zwei führende chinesische Unternehmen beherrschen den Markt für Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos und verbinden dabei eine hohe Energiedichte mit niedrigen Fertigungskosten.

Seltene Erden, deren Verarbeitung China dominiert, spielen eine entscheidende Rolle bei der Herstellung von Magneten für Windkraftanlagen. In Verbindung mit Solarzellen, deren führender Niedrigpreisproduzent China ist, nimmt das Land eine bedeutende Rolle in der Lieferkette für erneuerbare Energien ein und hat maßgeblich zur weltweiten Verbreitung dieser Technologien beigetragen. Seltene Erden und Kupfer kommen auch bei der Fertigung von Unterhaltungselektronik zum Einsatz, bei der Asien die führende Rolle einnimmt.

Die fortschrittliche Technologie und die niedrigen Kosten dieser Lösungen für erneuerbare Energien und Verkehrswesen bewirken eine rasante Verbreitung rund um den Globus. Zwar gibt es in den Industrieländern Ersatzprodukte für diese Erzeugnisse, doch tragen die Innovation und die niedrigeren Preise dieser Produkte von Unternehmen aus den Schwellenländern zu einer schnelleren Einführung bei, als dies ansonsten der Fall wäre.

Unternehmensreform

Die Schwellenländer streben Unternehmensreformen an, um den Bewertungsabschlag gegenüber den Industrieländern zu schmälern. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis schließt sich die Lücke am koreanischen Markt allmählich, da Anleger das Potenzial dieser Reformen zur Steigerung des Shareholder Value erkennen.


Korea leitete diesen Prozess mit seinem „Value-Up“-Programm ein, das Unternehmen zur Verbesserung ihrer Unternehmensführung, Kapitaleffizienz und Ausschüttungen an die Aktionäre anregt. Aktionäre profitieren bereits von der kumulativen Stimmrechtsausübung und der Ausweitung der treuhänderischen Pflichten der Vorstände.

China und Thailand haben ebenfalls ihre Absicht bekundet, ähnliche Reformen umzusetzen, um ihren Bewertungsabschlag gegenüber anderen Ländern zu verringern.

Einer der Gründe für den Bewertungsabschlag der Schwellenländer gegenüber den Industrieländern in den letzten 15 Jahren war der stetige Anstieg der im Umlauf befindlichen Aktien, während in den Industrieländern ein Rückgang zu verzeichnen war.

Aus unseren Analysen geht hervor, dass einige Schwellenländer ihre Nettoemissionen in den letzten Jahren im Vergleich zu früheren Niveaus reduziert haben. Die Nettorückkäufe – definiert als die Summe der Rückkäufe abzüglich der Aktienemissionen am Markt – haben sich in den letzten Jahren verbessert und nähern sich einem Wert von null. An der Spitze stehen chinesische Technologieunternehmen, die ihre Liquiditätsüberschüsse zum Rückkauf von Aktien und zur Rückführung von Barmitteln an die Aktionäre nutzen. Auch südkoreanische Unternehmen steigern ihre Kapitaleffizienz, indem sie eigene Aktien annullieren, Aktienrückkäufe durchführen und die Dividendenausschüttungsquote erhöhen.


Risiken

Die durch die Wirtschaftspolitik von Präsident Trump ausgelöste Unsicherheit stellt für die Schwellenländer ein anhaltendes Risiko dar. Viele sind vom Außenhandel abhängig, und höhere Zölle verursachen Verzerrungen, die ansonsten solide Geschäftspläne untergraben können. Dennoch sind die USA auf Importe von Halbleitern aus Asien, Rohstoffen aus Lateinamerika und Pharmazeutika aus Indien angewiesen. Daher bestehen Ausnahmeregelungen für bestimmte Branchen, was die Auswirkungen der US-Zölle verwässert.

Zu den zyklischen Risiken zählen ein Abschwung im Halbleiterzyklus sowie höhere US-Zinsen als Reaktion auf steigenden Inflationsdruck. Diese Risiken sind an den globalen Märkten häufig anzutreffen, können sich jedoch erheblich auf die Wertentwicklung und Bewertungen auswirken. Wir legen den Schwerpunkt weiterhin auf Investitionen in Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen, deren Aktien mit einem Abschlag auf ihren inneren Wert gehandelt werden.

Fazit

In den Schwellenländern bieten sich attraktive Anlagechancen. Innovationen und disruptive Technologien lösen eine Investitionswelle aus. Allein im Halbleitersektor planen die drei führenden Unternehmen Asiens für das Jahr 2026 Investitionen im Wert von über 150 Mrd. USD, was einem Plus von über 50 % gegenüber dem Niveau von 2025 entspricht.8

Die Schwellenländer haben seit ihren Tiefstständen im Jahr 2024 besser abgeschnitten als die Industrieländer, da Anleger ihre Impulsgeber und Bewertungsabschläge neu bewertet haben. Angesichts ihrer dominierenden Marktanteile bei Halbleitern, Elektrofahrzeugen, Robotik und erneuerbaren Energien sowie ihrer Fokussierung auf Unternehmensreformen könnten die Schwellenländer weiteres Aufwärtspotenzial bei den Bewertungen bergen, da sie nicht mehr an der Schwelle, sondern nunmehr an der Spitze stehen.


Fußnoten:

  1. Hyperscaler sind unter anderem Meta, Microsoft, Amazon und Alphabet..
  2. Quelle: TSMC, Samsung Electronics, SK Hynix, Unternehmensberichte.
  3. Quelle: McKinsey „The cost of compute“, April 2025.
  4. Quelle: Unternehmensberichte von TSMC und Hynix.
  5. Obwohl Prognosen naturgemäß mit Unsicherheit behaftet sind und die tatsächlichen Ergebnisse erheblich abweichen können.
  6. Quelle: Counterpoint Research.
  7. Quelle: McKinsey (Lithium), Wood Mackenzie (Kupfer).
  8. Quelle: TSMC, Samsung Electronics, SK Hynix, Unternehmensberichte.


WO LIEGEN DIE RISIKEN?

Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des potenziellen Verlusts des Anlagekapitals.

Beteiligungspapiere unterliegen Kursschwankungen und sind mit dem Risiko des Kapitalverlusts verbunden.

Internationale Anlagen sind mit besonderen Risiken verbunden. Hierzu gehören Währungsschwankungen sowie gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Unsicherheiten, die zu erhöhter Volatilität führen können. Diese Risiken sind in den Schwellenländern noch größer.

Der Einfluss der chinesischen Regierung auf die Wirtschaft ist noch immer hoch, und daher spielen bei Investitionen inChina Regulierungsrisiken im Vergleich zu vielen anderen Ländern eine größere Rolle. Investments in China, Hongkong und Taiwan unterliegen speziellen Risiken. Dazu gehören eine geringere Liquidität, Enteignungen, eine konfiskatorische Besteuerung, Spannungen im internationalen Handel, Verstaatlichung sowie Devisenkontrollbestimmungen und eine hohe Inflation. All dies kann negative Auswirkungen auf ein Portfolio haben. Investitionen in Hongkong und Taiwan könnten wegen der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu China negativen Einflüssen unterliegen.


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