Pictet AM: Serie - ESG in der Praxis

Mary-Therese Barton über die Zusammenarbeit mit staatlichen Emittenten in Schwellenländern

11.11.2022 | 08:48 Uhr

Es gehört zu unserer treuhänderischen Pflicht, mit Regierungen über Themen wie gesundheitliche Aufklärung zu sprechen – das hilft uns auch, uns ein ganzheitliches Bild von den Ländern zu machen, in die wir investieren“, sagt Mary-Therese Barton, Head of Emerging Market Debt.

Die Zusammenarbeit mit staatlichen Emittenten ist ein Thema, das bei Schwellenländerinvestoren an Bedeutung gewonnen hat. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Die Investorengemeinschaft erkennt immer mehr, dass ESG-Themen, also ökologische, soziale und die Unternehmens- oder Staatsführung betreffende Faktoren, von entscheidender Bedeutung für die langfristige Entwicklung der Schwellenländer sind. In unserem Team sehen wir es als Teil unserer treuhänderischen Pflicht an, uns zu diesen Themen mit staatlichen Emittenten auseinanderzusetzen. Das ermöglicht es uns, informiertere Anlageentscheidungen zu treffen und gleichzeitig die Renditen langfristig zu steigern. Wenn die gesamte Branche weiterhin mehr Zeit und Engagement darauf verwendet, können wir tatsächlich etwas bewegen.

Gleichzeitig öffnen sich staatliche Emittenten dem Dialog über ESG-Themen und setzen entsprechende Ressourcen dafür ein. Wir setzen uns regelmässig mit Regierungsvertretern zusammen und nutzen dies als Gelegenheit, über Bereiche zu sprechen, bei denen laut unserem Research Handlungsbedarf besteht. Zum Beispiel haben wir in Südafrika die Sicherung der Bildung vor dem Hintergrund der Ausgabenkürzungen und die Bedeutung einer Verbesserung der Bildung thematisiert.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit staatlichen Emittenten?

Die Zusammenarbeit mit Staaten ist eine besondere Herausforderung, vor allem, weil man am Anfang nicht so genau weiss, wie man effektiv Druck ausüben kann. Im Gegensatz zu Anlageklassen, bei denen die Aktionäre ihre Stimmrechte nutzen können, um Einfluss auf die Unternehmensführung zu nehmen, können wir als Staatsanleiheinvestoren nicht abstimmen. Darüber hinaus kann die Zusammenarbeit mit staatlichen Emittenten falsch interpretiert und als Lobbyarbeit, Fürsprache oder der Versuch, in politische Entscheidungen der Regierungen einzugreifen, ausgelegt werden.

Trotz dieser Herausforderungen bemühen wir uns aktiv, mit staatlichen Emittenten in einen Dialog zu treten, in der Regel über das für die Anleihen zuständige Team und/oder die Finanzabteilung. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir dazu beitragen können, den Wandel voranzutreiben und den Nachhaltigkeitsagendas der Länder Impulse zu geben. Um unseren Einfluss zu verstärken, arbeiten wir mitunter auch mit anderen Investoren zusammen. Wir sind beispielsweise der Emerging Market Investor Alliance (EMIA) beigetreten und arbeiten mit anderen institutionellen Investoren zusammen, um gemeinsame Initiativen auf den Weg zu bringen und Ideen für den Dialog mit den Emittenten auszutauschen. Wir sind auch federführend im Engagement mit Kolumbien, wo wir Unterstützung bei der Emission von ESG-Anleihen gegeben haben.

Wie berücksichtigen Sie das soziale Element bei Ihren Investments?

Soziale Fragen sind für unser Verständnis der Schwellenländer von grosser Bedeutung, vor allem in einer Welt nach Covid. Die Pandemie hat den Kampf gegen die Armut um Jahrzehnte zurückgeworfen. Wir glauben, dass soziale Fragen – wie Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit der Justiz oder Korruptionsbekämpfung – der Schlüssel für eine langfristige strukturelle Entwicklung in den Schwellenländern sind. Das sind die Bereiche, in denen der Finanzierungsbedarf am höchsten ist.

Viele Regierungen in den Entwicklungsländern müssen jedoch mittlerweile sehr strenge Umweltziele erreichen, daher wird sich der Schwerpunkt sicherlich deutlich in Richtung Umwelt- und Klimaschutz verlagern. Emissionen von Green Bonds haben bereits deutlich zugenommen. Hier sehen wir die grösste Nachfrage der Kunden, und die Regierungen haben darauf reagiert.

EMpower – The Emerging Markets Foundation


Der Schlüssel für die angemessene Berücksichtigung sozialer Aspekte in unserem Anlageprozess ist das Research in Fokusbereichen. Wir haben eine Partnerschaft mit EMpower geschlossen, einer Organisation, die sich für die Förderung von Frauen und an den Rand der Gesellschaft gedrängten Jugendlichen in Schwellenländern einsetzt – durch Bildungs-, Beschäftigungs- und soziale Projekte. Durch unsere Zusammenarbeit mit EMpower erhalten wir Einblicke wie sonst nirgendwo. Wir setzen uns mit den Programmmanagern zusammen und beschäftigen uns mit ihren Projekten, um ein Verständnis der Probleme zu gewinnen. Auf diese Weise können wir unser Bild von der zukünftigen Entwicklung dieser Länder vervollständigen. In Kombination mit unserer tiefgreifenden Research- und Scoring-Methodik können wir Risiken bewerten, aber auch zunehmend ESG-fokussierte Strategien entwickeln.

In den letzten 18 Monaten haben wir uns mit Programmmanagern und Organisationen in Brasilien, Argentinien und Kolumbien getroffen. Dadurch haben wir hervorragenden Einblick in die Herausforderungen gewonnen, denen man dort in Bezug auf Bildung und soziale Ausgrenzung gegenübersteht – Probleme, die sich im Zuge einer Kreditkrise leider verschlimmert haben.

Wir bringen diese Erkenntnisse zur Sprache, wenn wir uns mit Vertretern der Finanz- oder Arbeitsministerien treffen. Wir machen deutlich, dass wir unsere Rolle als Investoren ernst nehmen und uns auf positive langfristige Ergebnisse konzentrieren.

Wo sehen Sie das Wachstum nachhaltiger staatlicher Anlagen?

Selbst im aktuellen volatilen Marktumfeld und angesichts eines rekordniedrigen Emissionsvolumens bei Staatsanleihen sehen wir eine robuste Aktivität im ESG-Anleiheuniversum, vor allem bei Green Bonds. Ich sehe darin eine strukturelle Veränderung in der Art und Weise, wie die Regierungen der Schwellenländer den Markt betreten.

Green Bonds sind nicht perfekt, aber sie sind ein wichtiger erster Schritt zur Verbesserung der Transparenz und zum Aufbau multilateraler Beziehungen zu Vermögensverwaltern, Banken und Institutionen wie der UN oder der Weltbank, um die Wirkung zu maximieren. Diese Zusammenarbeit ist für mich ein echter Gamechanger.

Entgegen der landläufigen Meinung folgen die Schwellenländer nicht einfach nur Trends, wenn es um Green Bonds und andere ESG-Anleihen geht. Vielmehr ist diese Finanzierung für sie so wichtig, dass sie Innovationsführer sind. So emittierten die Schwellenländer im ersten Halbjahr 2022 ESG-Anleihen im Wert von insgesamt 81,9 Mrd. US-Dollar, das entspricht einem Anstieg von 2% gegenüber dem Vorjahreszeitraum.1 Chile hat sogar beschlossen, nur Social und Green Bonds zu emittieren, und keine Plain Vanilla Bonds.

Für mich ist es ein gutes Zeichen, dass Investmentbanken angefangen haben, Entwicklungsfinanzierungsinstitute in ihren Emissionssparten einzurichten. Bei der Emission herkömmlicher Anleihen werden zunehmend auch Impact-Messungen berücksichtigt.

ESG-zertifizierte Staatsanleihen bringen Investoren und die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer auf eine Linie. Die Transparenz und die Verantwortlichkeit, die von ESG-zertifizierten Anleihen verlangt werden, bilden einen tragfähigen Rahmen für das Engagement – was es letztendlich Investoren wie uns ermöglicht, einen aktiveren und strukturierteren Dialog mit Staaten über soziale und ökologische Ergebnisse zu führen. Die Länder sind in der Regel recht gründlich und gewissenhaft, wenn darum geht, die Ziele zu erläutern. Das gibt uns einen besseren Überblick über die Prioritäten in der Politik und bei den Reformbemühungen. All das gibt uns die Möglichkeit, verantwortungsbewusst und mit Impact zu investieren.

Damit die Anlageklasse jedoch wirklich zum Mainstream wird, brauchen wir eine bessere Abstimmung mit Ratingagenturen, Anlageberatern und Datenanbietern.

"Wir sehen es als Teil unserer treuhänderischen Pflicht, uns mit staatlichen Emittenten zu ESG-Themen auseinanderzusetzen"

Wie wirkt sich das auf die Renditen aus?

Diese Frage wird uns häufig gestellt: Bedeutet eine Investition in ESG-Anleihen, dass die Rendite geringer ausfällt?

ESG-Anleihen werden in der Regel mit einem etwas geringeren Aufschlag emittiert. Das legen wir bei unserer Anlageentscheidung mit in die Waagschale. Wenn wir der Meinung sind, dass die langfristigen strukturellen Vorteile dieser Anleihen überzeugend genug sind, dann nehmen wir diese etwas niedrigere Prämie gerne in Kauf, denn wir sprechen hier gemessen am Anteil am Portfolio von einer minimalen Schmälerung. Letztendlich glauben wir jedoch, dass wir durch unsere Auswahl der Emissionen einen Mehrwert für das Portfolio schaffen können, und unsere Performancedaten sprechen für sich.

Man darf auch nicht vergessen, dass uns der ESG-Fokus einiges ersparen kann. Wenn wir uns zum Beispiel Russland anschauen, beruhte unser Umschwenken zu einer Untergewichtung der Staatsanleihen des Landes vor dem Einmarsch in die Ukraine auf ESG-Kriterien – ohne diese Überlegungen wären wir sicherlich stärker in Russland investiert.

Wir glauben, dass unsere ESG-Perspektive die Grundlage für sehr interessante Gespräche mit unseren Kunden darstellt, die unseren langfristigen Ansatz zu schätzen wissen.


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