M&G-Investmentchefin Fedeli: „Die alten Investment-Regeln greifen nicht mehr“
Fabiana Fedeli, Chief Investment Officer bei M&G Investments, über neue Marktrealitäten, wachsende Konzentrationsrisiken und kluge Diversifikation.27.01.2026 | 11:00 Uhr von «Peter Gewalt»
TiAM FundResearch: Frau Fedeli, Sie sprechen von strukturellen Veränderungen an den Finanzmärkten. Was genau meinen Sie damit?
Fabiana Fedeli: Wir sehen Entwicklungen, die weit über kurzfristige Zyklen hinausgehen. Ein Beispiel ist die Geschwindigkeit der Marktbewegungen. Früher sprachen wir vor allem über Volatilität – heute geht es um die „Velocity“. Am 7. April 2025 etwa bewegten sich die S&P-Futures in nur 20 Minuten um ein Volumen, das 2,5 Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung entspricht. Solche starken Schwankungen sind kein Einzelfall mehr. Diese extremen Ausschläge betreffen nicht nur Aktien wie US‑Titel, sondern auch Währungen wie den taiwanesischen Dollar, der im vergangenen Jahr ebenfalls kurzfristig extremen Schwankungen unterworfen war.
TiAM FundResearch: Was sind die Ursachen dafür?
Technologie spielt eine große Rolle. Handelssysteme sind schneller, Retail-Investoren agieren kurzfristiger, oft über Apps. Dazu kommen quantitative Strategien, die auf ähnliche Faktoren reagieren und Bewegungen verstärken. Für Anleger bedeutet das: Wir müssen lernen, technische Überreaktionen von fundamentalen Veränderungen zu unterscheiden. Große Kursausschläge sind nicht immer ein Zeichen für neue Risiken – manchmal sind sie rein technisch bedingt.
TiAM FundResearch: Sie sagen, klassische „sichere Häfen“ funktionieren nicht mehr. Was heißt das konkret?
Früher waren langlaufende Staatsanleihen ein stabiler Bestandteil strategischer Allokationen. Heute sind sie taktisch geworden, weil die Schwankungen bei Renditen und Preisen zu groß sind. Auch der US-Dollar, lange Zeit die ultimative Sicherheit, hat an Stabilität verloren. Anleger suchen verzweifelt nach neuen sicheren Häfen – Gold ist eine Option, aber ohne Rendite. Digitale Assets wurden getestet, doch deren Volatilität schreckt ab. Die einzige echte ist Diversifikation – und zwar nicht im alten 60/40-Schema, sondern viel breiter: Aktien, Anleihen, Private Assets, Rohstoffe, Währungen.
TiAM FundResearch: Bedeutet das, dass die alten Faustregeln endgültig passé sind?
Fabiana Fedeli: Ja. Die Annahme „Anleihen sind sicher, Aktien riskant“ oder „US-Dollar ist der sichere Hafen“ funktioniert nicht mehr. Auch die inverse Korrelation zwischen Aktien und Anleihen ist nicht verlässlich – sie hängt vom Treiber ab: Bei Inflation können beide positiv korrelieren, bei Wachstum negativ. Anleger müssen die Mechanismen verstehen, statt sich auf Regeln zu verlassen.
TiAM FundResearch: Kommen wir zu den Chancen: Wo sehen Sie 2026 die interessantesten Themen?
Innovation ist das Schlüsselwort. Nicht eine Region oder ein Sektor, sondern technologische Entwicklungen quer durch alle Branchen. Künstliche Intelligenz ist ein Paradebeispiel: Sie verändert nicht nur Big Tech, sondern auch Gesundheitsforschung, Medien, Konsum und Softwareentwicklung. Viele Unternehmen berichten bereits, wie KI ihre Effizienz und Umsätze steigert. Das Potenzial geht weit über die bekannten „Magnificent Seven“ hinaus. Wer nur auf die großen Namen setzt, verpasst Chancen.
TiAM FundResearch: Also ist aktives Investieren wieder gefragt?
Absolut. Indizes sind extrem konzentriert – beim S&P 500 entfallen 50 Prozent des Gewichts auf 22 Aktien. Wer passiv investiert, kauft im Grunde nur diese Titel und verpasst 478 andere. Viele davon haben besser performt als die großen Tech-Namen. Aktive Manager, die gezielt nach Unternehmen mit Innovationskraft und soliden Fundamentaldaten suchen, haben derzeit einen klaren Vorteil.
TiAM FundResearch: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in diesem Innovationskontext?
Eine sehr große. Energieeffizienz ist ein zentrales Thema. KI braucht enorme Rechenleistung, was den Strombedarf erhöht. Aber auch Klimaanlagen in Schwellenländern oder Elektrofahrzeuge treiben die Nachfrage nach Energie. Wir brauchen mehr Effizienz und dezentrale Lösungen – und hier kommen erneuerbare Energien, aber auch Kernkraft ins Spiel. KI ist dabei nicht nur Treiber des Energieverbrauchs, sondern auch Helfer bei der Optimierung. Energie wird eine der knappsten Ressourcen der Zukunft, und Unternehmen, die hier Lösungen bieten, sind hochinteressant.
TiAM FundResearch: Werden wir irgendwann wieder feste Regeln haben?
Vielleicht. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Nach der Dotcom-Blase haben Anleger gelernt, auf Gewinne zu achten. Heute sehen wir bei KI eine gewisse Vorsicht – aber auch alte Muster wie die Konzentration auf wenige Namen. Es wird neue Regeln geben, aber bis dahin gilt: Flexibilität, Diversifikation und ein klarer Blick auf Fundamentaldaten sind entscheidend.
TIAM FundResearch: Sie sprechen bewusst nicht von Lieblingsregionen. Warum?
Weil Märkte heute so verzahnt sind. Gute Unternehmen gibt es überall – und schwache auch. Innerhalb eines Landes können sich Aktien sehr unterschiedlich entwickeln, genauso innerhalb eines Sektors.
TIAM FundResearch: Sie sind seit über 25 Jahren an den Kapitalmärkten aktiv. Was ist Ihre wichtigste Lehre aus dieser Zeit?
Die erste und wichtigste Lehre ist: Investiert bleiben. Ich habe das früh in meiner Karriere erlebt – während des Platzens der Dotcom-Blase. Damals verloren einige Aktien fast ihren gesamten Wert. Damals fühlte sich das wie das Ende an, doch der Markt erholte sich. Wer damals ausgestiegen ist, hat enorme Erträge verpasst. Langfristig entsteht Rendite nicht durch perfektes Timing, sondern dadurch, dabei zu bleiben – auch in schwierigen Phasen.
TIAM FundResearch: Wie können sich Anleger am besten für turbulente Marktphasen positionieren?
Entscheidend ist, nicht in Stressmomenten alles infrage zu stellen. Die größten Fehler passieren oft dann, wenn Emotionen übernehmen. Ein gut strukturiertes Portfolio hilft, ruhiger zu bleiben. Wer weiß, warum er investiert ist und warum ein Rückgang erklärbar ist, trifft bessere Entscheidungen als jemand, der jeden Tag neu reagiert.
Frau Fedeli, vielen Dank für das Gespräch.