Künstliche Intelligenz: Zwischen großem Potenzial und steigenden Erwartungen

Künstliche Intelligenz (KI) bleibt eines der wichtigsten strukturellen Anlagethemen der kommenden Jahre. Zu dieser Erkenntnis kommt Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group.

28.05.2026 | 13:09 Uhr

Zugleich betont der Experte, dass die Dynamik an den Märkten inzwischen einen genaueren Blick auf Bewertungen, Investitionen und Finanzierungsmodelle erfordert. Demnach sei es in Echtzeit kaum möglich, eine Blase zweifelsfrei zu erkennen. Gerade in Phasen großer Begeisterung sei eine differenzierte Betrachtung angebracht.

Braun ordnet die aktuelle Entwicklung als einen Markt ein, der sich noch in einer frühen Phase befinde, dessen Erwartungen jedoch bereits stark gestiegen seien. „KI wird die Wirtschaft und viele Geschäftsmodelle nachhaltig verändern. Aber auch bei transformativen Technologien gilt, dass hohe Erwartungen allein noch keine nachhaltige Wertschöpfung garantieren“, so Braun.

Nach seiner Einschätzung ist die zentrale Frage nicht mehr, ob KI relevant bleibe, sondern welche Unternehmen ihre Investitionen tatsächlich in belastbare Erträge, stabile Margen und dauerhafte Wettbewerbsvorteile übersetzen können.

Bewertungen brauchen mehr Belege
Besonders aufmerksam blickt Braun auf die nächste Phase der Kapitalmarktstory rund um KI. Sobald weitere große Unternehmen aus dem Umfeld generativer KI an die Börsen gingen oder ihre Finanzkennzahlen transparenter würden, dürfte klarer werden, wie tragfähig viele der heutigen Bewertungen wirklich sind.

„Das ist der entscheidende Moment“, betont Braun. „Solange der Markt vor allem auf Wachstumserwartungen setzt, kann die Euphorie anhalten.“ Sobald jedoch Rentabilität, Cashflow und Kapitaldisziplin stärker in den Vordergrund rücken, werde differenzierter bewertet werden. „Der Börsengang ist am Ende der Moment der Wahrheit. Dann geht es nicht mehr nur um Visionen, sondern um die Frage, wie belastbar Umsatzqualität, Margenprofil und Geschäftsmodell wirklich sind“, so der Investmentexperte.

Er hält es deshalb für wahrscheinlich, dass die nächste Phase des Themas nüchterner verlaufen werde als die bisherige. Das müsse jedoch kein negatives Signal sein. Vielmehr könne gerade diese Normalisierung dabei helfen, die langfristigen Gewinner klarer herauszuarbeiten.

Investitionen ja, aber mit Augenmaß
Braun verweist darauf, dass die derzeitigen Investitionen in KI-Infrastruktur enorm seien. Rechenzentren, Chips, Netze, Speicher und Energieversorgung bildeten das Fundament für die weitere Verbreitung der Technologie. Der Aufbau dieser Infrastruktur sei notwendig, gleichzeitig berge er aber auch das Risiko von Überinvestitionen.

Historisch seien große Technologieschübe häufig von Phasen begleitet worden, in denen zunächst mehr Kapazität geschaffen wurde, als kurzfristig ausgelastet werden konnte. Auch im aktuellen Umfeld sei dieses Risiko nicht zu übersehen. „Bei jeder großen Technologiewelle wird zunächst sehr viel Kapital vorab gebunden. Entscheidend ist dann, ob die tatsächliche Nachfrage schnell genug nachzieht“, erklärt Braun.

Nach seiner Einschätzung werde der Markt deshalb künftig stärker darauf achten, ob die hohen Ausgaben der Unternehmen durch tatsächliche Nutzung und wachsende Erlöse gedeckt werden. Sollten Fortschritte bei Modellen oder Anwendungen hinter den Investitionen zurückbleiben, könne das die Stimmung rasch verändern.

Finanzierung wird zum Prüfstein
Ein weiterer Schwerpunkt sei die Art und Weise, wie der Ausbau finanziert werde. Darin unterscheide sich die heutige Situation von früheren Marktphasen: Viele der heute führenden Unternehmen würden über starke Bilanzen, hohe Liquidität und robuste Cashflows verfügen. Das reduziere die systemischen Risiken im Vergleich zu früheren Marktphasen deutlich.

Gleichzeitig warnt Braun davor, die Qualität von Finanzierungsstrukturen zu unterschätzen. Wenn Kapital zwischen denselben Akteuren zirkuliere, Geschäftsbeziehungen mit Beteiligungen verknüpft oder alternative Finanzierungsmodelle den Ausbau stützen würden, steige der Analysebedarf. „Investoren sollten sehr genau hinschauen, ob wirtschaftlicher Wert entsteht oder ob Wachstum an einzelnen Stellen durch komplexe Strukturen künstlich verstärkt wird“, sagt Braun. Wichtig seien Transparenz, Risikoverteilung und die Frage, wie tragfähig die Nachfrage auch ohne zusätzliche finanzielle Stützen wäre.

Fazit: Selektivität statt pauschaler Euphorie
„Die strukturelle Chance von KI ist real“, resümiert Braun. „Doch mit zunehmender Reife des Themas verschiebt sich der Fokus: weg von Visionen, hin zu belastbaren Geschäftsmodellen. Für Anleger bedeutet das, dass der Trend intakt bleibt, aber selektiver wird. Entscheidend ist, welche Unternehmen ihre Investitionen in nachhaltige Erträge übersetzen können.“


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