Kaufsignal: Wenn der Pessimismus den Höhepunkt erreicht

Um den heutigen Markt zu verstehen, muss man über herkömmliche Daten hinausblicken und die Rolle der Marktstimmung für die weitere Entwicklung berücksichtigen, so Christopher Lees, Senior Fondsmanager bei J O Hambro.

30.04.2026 | 10:58 Uhr

Zeiten erhöhter Unsicherheit sind oft nicht nur durch Volatilität gekennzeichnet, sondern auch durch zunehmend negative und verzerrte Narrative. Wir betrachten die jüngsten Bedingungen als „Kaufsignal“, einen Rahmen zur Identifizierung von Wendepunkten, an denen die Stimmung Extreme erreicht. Historisch gesehen befinden sich die Märkte oft nahe einem Tiefpunkt, wenn Pessimismus vorherrscht, da der Verkaufsdruck erschöpft ist und sich das Risiko-Ertrags-Verhältnis günstiger entwickelt.

Der Markt ist wichtiger als makroökonomische Daten

Während Schlagzeilen kurzfristige Unruhe schüren, liefern die Kursentwicklungen verlässlichere Signale. Die Marktstruktur bleibt stabil, wobei die Kursbewegungen auf eine beginnende Stabilisierung und Erholung hindeuten. Anstatt geopolitische Entwicklungen vorherzusagen, konzentrieren wir uns auf den „Tape“ – also die Signale, die sich aus Kursen, Positionen und Kapitalflüssen ergeben.

Der 200-Tage-Durchschnitt (200d) bleibt ein zentraler Indikator für den Markttrend: Unterschreitungen des 200d führen typischerweise entweder zu einer schnellen V-förmigen Erholung oder zu einem Rückgang auf überverkaufte Niveaus von etwa 10 % darunter. Bei der aktuellen Situation hat der S&P 500 den 200d zurückerobert, was historisch häufig auf weiteres Aufwärtspotenzial und eine Fortsetzung des Trends hingedeutet hat.

Ein nachhaltiger Anstieg über dieses Niveau erhöht die Wahrscheinlichkeit einer breiten angelegten Erholung mit dem Potenzial für neue Höchststände. Auch die jüngsten Daten deuten darauf hin, dass viele Anleger ihre pessimistische Stimmung weitgehend aufgegeben haben. Die pessimistische Stimmung erreichte Ende März einen Wert von 50 %, ein Niveau, das historisch mit Markttiefs assoziiert wird, während der Markt weiterhin geordnet funktioniert. Die Anleiherenditen sind stabil und die Gewinnerwartungen haben sich gehalten, was darauf hindeutet, dass der Rückgang eher durch eine Bewertungskorrektur als durch schwächere Fundamentaldaten getrieben war. Mit der Normalisierung der Stimmung wird eine Rückkehr zu den längerfristigen Bewertungsdurchschnitten immer wahrscheinlicher.

KI und Halbleiter: Signale für eine Führungsrolle?

Die Marktführerschaft in den frühen Phasen einer Erholung ist oft aufschlussreich. Die jüngste Kursentwicklung deutet auf eine Neugewichtung zu strukturellen Wachstumsthemen hin, insbesondere in den Bereichen KI und Halbleiter.

Der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) notierte zuletzt mit einem Abschlag gegenüber dem Gesamtmarkt, was im aktuellen Zyklus historisch gesehen ungewöhnlich ist.

Eine Rückkehr zu seiner normalen Prämie würde auf ein erhebliches relatives Aufwärtspotenzial hinschließen und die Führungsrolle dieses Segments untermauern. Diese Rotation legt nahe, dass Kapital in Bereiche mit der stärksten Gewinnvisibilität und langfristigen Wachstumstreibern umgeschichtet wird.

Die Rolle von „FOMA“

Auf extremen Pessimismus folgt oft eine rasche Neupositionierung. Angesichts geringer Engagements und hoher Short-Positionen ist das Potenzial für eine „Fear of Missing Alpha“-Dynamik (FOMA) erheblich. Wenn sich die Märkte stabilisieren, könnten unterinvestierte Marktteilnehmer wieder einsteigen und die Erholung verstärken.

Vor diesem Hintergrund haben wir das Engagement in Vermögenswerten, die erste Anzeichen einer Trendwende zeigen, selektiv erhöht. Insgesamt bleiben die Märkte zwar von Unsicherheit geprägt, doch technische Erholungssignale, eine Kapitulation der Marktstimmung und robuste Fundamentaldaten sprechen für eine konstruktivere Phase.

Der Fokus auf Marktsignale statt auf Makroprognosen zeigt: In der Vergangenheit haben vergleichbare Bedingungen häufig attraktive Einstiegspunkte markiert. Das „Donnie Darko Buy Signal“ unterstreicht dabei eine zentrale Erkenntnis: Die Chancen sind am größten, wenn die Marktstimmung am stärksten verzerrt ist.

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