Inflation im Fokus: Märkte sehen kurzfristige Risiken, aber kommt es zu einem dauerhaften Regimewechsel?

Die aktuellen Marktdaten zeigen einen deutlichen Anstieg kurzfristiger Inflationserwartungen im Euroraum, während langfristige Erwartungen weitgehend stabil bleiben.

10.04.2026 | 09:17 Uhr

Für Investoren ergibt sich daraus ein klares Bild: Der Markt preist derzeit vor allem temporäre Inflationsrisiken ein, nicht jedoch einen dauerhaften Regimewechsel. Entscheidend bleibt, ob aus kurzfristigen Preisschocks nachhaltige Zweitrundeneffekte entstehen, meint Sam Vereecke, CIO Fixed Income bei DPAM.

Vom Deflationsrisiko zur Inflationsdynamik

Historisch waren die Inflationserwartungen im Euroraum lange niedrig und sanken in Krisenphasen deutlich, da Wachstumssorgen und schwache Nachfrage dominierten. Inflation war lange eher ein Ziel als ein Risiko. Erst nach der COVID-Phase änderte sich dieses Bild grundlegend. Effekte durch die wirtschaftliche Wiedereröffnung, gestörte Lieferketten, fiskalische Impulse und schließlich der Energieschock infolge des Ukraine-Kriegs führten zu einem deutlichen Anstieg der Inflationserwartungen, vor allem am kurzen Ende der Inflationskurve.

Aktuelle Entwicklung: Kurzfristige Risiken steigen, langfristige Erwartungen bleiben stabil

Auch aktuell zeigt sich dieses Muster. Kurzfristige Inflationserwartungen im Euroraum sind deutlich gestiegen, insbesondere im Ein- und Zweijahresbereich. Der Markt preist damit steigende Risiken für die nahe Zukunft ein, vor allem im Zusammenhang mit Energiepreisen und geopolitischen Unsicherheiten. Ereignisse im Nahen Osten verstärken diese Unsicherheit zusätzlich und wirken sich zuerst auf die kurzfristigen Erwartungen aus.

Auffällig ist jedoch, was bislang nicht passiert ist: Die langfristigen Inflationserwartungen sind nur moderat gestiegen. Der Markt unterscheidet damit klar zwischen einem kurzfristigen Inflationsanstieg und einem strukturellen Inflationsregime. Während kurzfristige Risiken neu bewertet werden, bleibt das Vertrauen in eine mittelfristige Rückkehr der Inflation in Richtung Zielniveau weitgehend intakt.

Die besondere Aufmerksamkeit von Investoren gilt dem sogenannten 5y5y Forward-Inflationsswap, der die vom Markt erwartete durchschnittliche Inflation für den Fünfjahreszeitraum misst, der in fünf Jahren beginnt. Er blendet weitgehend kurzfristige Effekte wie Energiepreisschwankungen oder Basiseffekte aus und dient als wichtiger Indikator dafür, ob Inflationserwartungen langfristig verankert bleiben.

Balanceakt für Zentralbanken: Zweitrundeneffekte als entscheidender Faktor

Die zentrale Frage ist nun, ob es sich um einen temporären Preisschock handelt oder ob sich daraus breitere Zweitrundeneffekte entwickeln. Steigende Kosten für Energie und andere Vorleistungen würden dann auf Löhne, Dienstleistungen und das allgemeine Preisverhalten übergreifen und die Inflation längerfristig hochhalten, selbst wenn der ursprüngliche Schock abklingt.

Für Zentralbanken ergibt sich daraus ein Balanceakt: Einerseits müssen sie verhindern, dass sich temporäre Preissteigerungen verfestigen. Andererseits besteht das Risiko, durch zu aggressive Maßnahmen das Wachstum zusätzlich zu belasten, da solche Schocks gleichzeitig die reale Kaufkraft schwächen.

Solange die langfristigen Inflationserwartungen jedoch stabil bleiben, spricht aus Marktsicht derzeit mehr für Wachsamkeit als für eine mechanische Verschärfung der Geldpolitik.


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