Indiens IT-Ausverkauf: Kursbewegungen sind kein makroökonomisches Signal

Die rasante Leistungssteigerung von KI-Modellen in den vergangenen Monaten hat dazu geführt, dass einige Marktteilnehmer am Aktienmarkt die Aussichten für verschiedene Dienstleistungsbranchen vorsichtiger einschätzen, was zu Abverkäufen in Sektoren von Software bis hin zur Finanzplanung geführt hat. Von James Syme, Senior Fund Manager bei J O Hambro

15.04.2026 | 12:46 Uhr

  • Jüngste Fortschritte im Bereich Künstliche Intelligenz haben die Anlegerstimmung gegenüber Dienstleistungssektoren getrübt und Bedenken darüber ausgelöst, wie sich eine Abschwächung bei Software- und IT-Dienstleistungen auf die indische Wirtschaft auswirken könnte. 
  • Indiens Wachstumszyklus wird häufig durch Leistungsbilanzdefizite begrenzt, wobei IT-Dienstleistungsexporte in der Vergangenheit dazu beigetragen haben, hohe Ölimportkosten auszugleichen. 
  • Nach deutlichen Kursverlusten bei IT-Aktien zu Beginn des Jahres 2026 könnte eine tatsächliche Abschwächung der globalen IT-Nachfrage in Kombination mit steigenden Ölpreisen die indische Leistungsbilanz belasten und das Wachstum bremsen. 
  • Allerdings deuten steigende Erwartungen für künftige Umsätze und Gewinne großer indischer IT-Unternehmen auf robuste Fundamentaldaten hin, was den Sektor und Indiens allgemeines Wachstum trotz einer bewertungsbedingten Untergewichtung stützt.

Indien gehört zu einer Gruppe von Schwellenländern, die tendenziell Leistungsbilanzdefizite aufweisen. Dabei handelt es sich um Volkswirtschaften mit erheblicher latenter Binnennachfrage, in denen jedoch aus unterschiedlichen historischen, geografischen oder institutionellen Gründen die inländische Produktion hinter dem Bedarf zurückbleibt. Diese Märkte weisen in der Regel ein höheres Beta gegenüber globaler Liquidität und Risikobereitschaft auf. Für Indien besonders relevant ist, dass die Wachstumszyklen dieser Länder häufig durch Inflation und externe Defizite begrenzt werden, wobei beide Schwachstellen darauf hinweisen, dass die Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt. 

Seit Ende 2010 belief sich das Leistungsbilanzdefizit Indiens im Durchschnitt auf 1,7 % des BIP, wobei das höchste Defizit 5,1 % des BIP betrug. Die Struktur der Leistungsbilanz hat sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt und sich mit dem Konjunkturzyklus Indiens verändert, doch einige Komponenten behalten ihre strukturelle Bedeutung. 

Im Jahr 2025 verzeichnete Indien ein Defizit bei den Nicht-Öl-Gütern in Höhe von 189 Mrd. USD (4,9 % des BIP). Die Netto-Ölimporte beliefen sich auf 122 Mrd. USD (3,2 % des BIP). Das daraus resultierende Handelsdefizit von 311 Mrd. USD (8,0 % des BIP) wurde durch eine positive Netto-Dienstleistungsbilanz von 210 Mrd. USD (5,4 % des BIP) weitgehend ausgeglichen. Bemerkenswert ist, dass der Überschuss bei den IT-Dienstleistungen 227 Mrd. USD (5,9 % des BIP) betrug. Indien verzeichnete zudem eine positive Einkommensbilanz von 85 Mrd. USD (2,2 % des BIP), was insgesamt zu einem Leistungsbilanzdefizit von 17 Mrd. USD (0,4 % des BIP) führte. 

Diese Beziehung zwischen IT-Dienstleistungsexporten und Ölimporten ist für die indische Wirtschaft von zentraler Bedeutung, und beide Bereiche haben sich parallel entwickelt. Im Geschäftsjahr 2019 beliefen sich die Nettoexporte von IT-Dienstleistungen auf 85 Mrd. USD, während die Ölimporte bei 93,9 Mrd. USD lagen. Die schwankenden Konjunkturzyklen bei den weltweiten Ausgaben für IT-Dienstleistungen und der Ölpreis sind entscheidend für die Gesundheit der indischen Wirtschaft. 

Aus Bewertungsgründen untergewichtet 

Was bedeutet der Stimmungsabschwung gegenüber Software- und IT-Dienstleistungsaktien für Indien in einer Phase höherer Ölpreise? In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 ist der MSCI India IT Index in USD um mehr als 20 % gefallen. Das ist besorgniserregend, weil die aggregierten Umsätze der börsennotierten IT-Unternehmen Indiens stark mit den IT-Dienstleistungsexporten der Volkswirtschaft korrelieren. Sollte sich das negative Szenario, das die Aktienkurse derzeit einpreisen, bewahrheiten – insbesondere bei zugleich höheren Ölpreisen –, könnte Indiens Wachstum durch die Leistungsbilanz eingeschränkt werden. 

Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass die Konsensprognosen für die nächsten zwölf Monate sowohl für die Umsätze als auch für die Gewinne der im MSCI India IT Index enthaltenen Unternehmen seit Jahresbeginn um 3,4 % gestiegen sind. Dieses stetige Wachstum der fundamentalen Aussichten für diese Unternehmen deutet sowohl auf Chancen in diesem Sektor hin – in dem wir weiterhin übergewichtet sind – als auch auf eine anhaltende Unterstützung für das indische Wirtschaftswachstum, obwohl wir das Land aus Bewertungsgründen weiterhin untergewichten. Wir sind nicht der Ansicht, dass Kursbewegungen allein derzeit ein makroökonomisches Signal für Indien darstellen.


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