„Healthcare wird auch für Generalisten-Investoren wieder attraktiver“

Für Christian Koch, Head BB Biotech und Executive Board Member Bellevue Asset Management, beflügeln der Innovationsschub durch neue Therapieansätze und der zunehmende Leidensdruck durch Patentabläufe bei Big Pharma das Kurspotenzial von Biotechaktien.

12.01.2026 | 14:00 Uhr von «Stephan Riedel»

TiAM FundResearch: Der Nasdaq Biotechnology Index hat 2025 um rund 30 Prozent zugelegt. Bedeutet das einen neuen nachhaltigen Aufschwung der Biotechbranche nach einem rund vierjährigen Durchhänger?

Christian Koch: Wir sehen eine Kombination aus starker wissenschaftlicher Basis, günstiger Bewertung und strukturellem Nachfrageschub, die für einen nachhaltigen Aufwärtstrend spricht. Die Innovationsdynamik bleibt hoch, von RNA-Medikamenten über neuartige Biologika bis hin zu KI-gestützten Forschungsansätzen. Viele klinische Programme erreichen entscheidende späte Entwicklungsphasen. Gleichzeitig liegen die Bewertungen weiterhin nahe historischer Tiefststände. Hinzu kommt die strategische Situation der Pharmaindustrie, die vor der größten Patentklippe ihrer Geschichte steht. Bei Merck & Co. sind rund ein Drittel des Portfolios betroffen, bei Bristol Myers Squibb mehr als die Hälfte. Für viele Pharmakonzerne reicht rein organisches Wachstum nicht mehr aus. Ohne klare Akquisitionsstrategie droht ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Sinkende Finanzierungskosten und ein stabileres regulatorisches Umfeld unterstützen zusätzlich.

Könnte die hohe Bewertung der Technologieaktien in den USA mehr Generalisten-Investoren dazu bewegen, sich wieder verstärkt im Healthcaresektor zu engagieren?

Ja. Wir sehen einerseits zunehmende Kapitalflüsse in Healthcare-ETFs, andererseits eine höhere Handelsaktivität bei BB Biotech. Beides sind deutliche Signale, dass breitere Investorengruppen wieder Vertrauen in den Sektor fassen. Ausschlaggebend ist die verbesserte Visibilität im Biotech-Bereich: mehr klinische Meilensteine, eine anziehende M&A-Dynamik und ein berechenbares regulatorisches Umfeld. Diese Faktoren erhöhen für viele Generalisten die Attraktivität, Healthcare wieder stärker zu gewichten.

Wie werden sich Zölle und die von der Regierung Trump gedrückten Medikamentenpreise auf die Umsatz- und Gewinnentwicklung der Biotechunternehmen auswirken?

Die neuen Preisstrukturen dürften die Umsatzentwicklung einzelner Unternehmen beeinflussen, schaffen aber zugleich mehr Visibilität. Der Pfizer-Deal mit der US-Regierung – mit Most-Favored-Nation-Mechanismen und rabattierten Direktmodellen – hat erstmals ein klar definiertes Modell etabliert, das nun als Referenzpunkt für weitere Verhandlungen dient. Die anschließenden Vereinbarungen von Eli Lilly und Novo Nordisk zeigen, dass große Hersteller ihre Geschäftsmodelle entsprechend anpassen. Für Bio bedeutet dies mehr Planungssicherheit, besser kalkulierbare Erstattungspfade und ein Umfeld, in dem innovative und differenzierte Therapien weiterhin attraktive Preise erzielen können.

Insgesamt vier Firmen aus dem Beteiligungsportfolio von BB Biotech 2025 wurden übernommen. In welchen Themenfeldern erwarten Sie in den nächsten Jahren verstärkte M&A-Aktivitäten?

Wir gehen davon aus, dass diese Dynamik anhält, weil große Pharmaunternehmen in den nächsten Jahren mehrere bedeutende Umsatzträger verlieren. Entscheidend sind dabei nicht einzelne Indikationen, sondern der kommerzielle Reifegrad und die strategische Passfähigkeit der Unternehmen. Besonders gefragt sind Firmen, die kurz vor der Markteinführung stehen oder bereits erste Produkte im Markt haben. Für Käufer ist wichtig, dass klinische Daten belastbar sind, dass die Herstellung skalierbar ist und ein klarer Pfad zur Kommerzialisierung besteht. Ebenso relevant ist die Frage, ob einzelne Technologien oder Produkte das bestehende Portfolio sinnvoll ergänzen – sei es durch Zugang zu neuen Patientengruppen, durch Differenzierung gegenüber Konkurrenzprodukten oder durch die Möglichkeit, bestehende Vertriebsstrukturen effizient zu nutzen.

Welche neuen Therapieansätze stehen vor dem kommerziellen Durchbruch?

Dazu gehören seltene genetische Erkrankungen, neurologische Indikationen, kardiometabolische Erkrankungen sowie autoimmune Krankheitsbilder. Parallel gewinnen RNA-basierte Therapien, weiterentwickelte Antikörperformate mit verlängerter Wirkdauer und neue Protein-Engineering-Ansätze an Bedeutung.

Wie ist BB Biotech hier aufgestellt?

Ionis und Alnylam stehen mit mehreren zugelassenen und spätphasigen Programmen in metabolischen und seltenen Erkrankungen vor einer deutlichen Ausweitung ihrer Franchise. Daneben rücken späte Entwicklungsprogramme wie Mitapivat (Agios), Apitegromab (Scholar Rock) oder Troriluzol (Biohaven) in seltenen hämatologischen und neurologischen Indikationen in den Fokus – mit Potenzial für klar adressierte Nischenmärkte und nachhaltige Ertragsströme.

Vor allem die Aktien der großen und mittelgroßen Biotechs sind zuletzt gut gelaufen. Wird sich BB Biotech stärker bei kleineren Biotechfirmen positionieren?

Wir verfolgen keine taktische Rotation, sondern agieren strukturell und langfristig. Unser Portfolio umfasst bewusst eine Kombination aus etablierten Unternehmen und wissenschaftlich stark differenzierten Small- und Mid-Caps. Gleichzeitig eröffnen sich durch Portfolioanpassungen neue Spielräume: Wir haben 2025 mehrere Positionen mit realisierten Kurszuwächsen reduziert oder verkauft und können dieses Kapital gezielt in hochinnovative Firmen lenken. Die jüngsten Transaktionen – inklusive Neuinvestitionen wie Avidity Biosciences – zeigen, dass wir solche Chancen aktiv nutzen.

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