Gesundheit 2035: Welche Trends den Gesundheitsmarkt verändern

Exponentielles Wissenswachstum, translationale Forschung, personalisierte Therapieansätze sowie Digitalisierung und KI verändern das Gesundheitswesen grundlegend. Über die Treiber dieses Wandels sprach Prof. Dr. Jochen Maas im Rahmen eines Webinars der Apo Asset Management GmbH (apoAsset).

29.05.2026 | 10:30 Uhr

Im Interview erläutert er, welche Trends die Medizin in den kommenden Jahren prägen dürften – und welche Folgen sich daraus für Patienten, Forschung und Versorgung ergeben.


Herr Maas, Sie beschäftigen sich mit den Trends im Gesundheitsmarkt – wo geht es zukünftig hin?

Prof. Dr. Jochen Maas: Jeder Mensch wird früher oder später Patient – sei es durch Krankheit, Alter oder Prävention. Gleichzeitig steht unser Gesundheitssystem vor großen Herausforderungen: demografischer Wandel, steigende Kosten und neue technologische Möglichkeiten. Bis 2035 wird sich der Gesundheitsmarkt grundlegend verändern. Ein zentraler Trend ist der Paradigmenwechsel von der Therapie hin zur Prävention. Heute fließen rund 90 Prozent der Gesundheitsausgaben in die Behandlung von Krankheiten, nur etwa 10 Prozent in vorbeugende Maßnahmen. Diese Verteilung wird sich deutlich verschieben. Hinzu kommt: Therapien werden zunehmend individueller, etwa durch passgenau entwickelte Medikamente und personalisierte Behandlungsansätze.

Wo sehen Sie aktuell die größten digitalen Entwicklungen im Gesundheitsmarkt?

Prof. Dr. Jochen Maas: Wir erleben derzeit einen exponentiellen Fortschritt in drei zentralen Technologiefeldern: Künstliche Intelligenz, synthetische Biologie und Sensor‑Technologien. Diese werden längst nicht mehr nur in der medizinischen Forschung eingesetzt, sondern zunehmend auch direkt in der Behandlung von Patientinnen und Patienten. Sensoren sind dabei besonders greifbar: Smartwatches, smarte Kleidung oder andere Wearables sind heute schon Teil unseres Alltags. Die entscheidende Frage ist jedoch: Nutzen wir diese Daten wirklich sinnvoll?

Wie weit sind andere Länder in diesem Bereich heute schon?

Prof. Dr. Jochen Maas: In den USA gibt es beispielsweise bereits smarte Toiletten, die Urin analysieren und Hinweise auf Vitamin‑ oder Mineralstoffmängel liefern. Werden Defizite erkannt, können diese Informationen an einen 3D‑Drucker für personalisierte Nahrungsergänzungsmittel weitergeleitet werden. Solche Anwendungen zeigen, was technisch möglich ist. In Deutschland hingegen sind die Datenschutzregelungen sehr strikt, insbesondere bei Gesundheitsdaten. Das verlangsamt Innovationen. In Zukunft wird es entscheidend sein, Datenschutz und Gesundheitsschutz gemeinsam zu denken, statt sie gegeneinander auszuspielen.

Wie verändert sich das Rollenverständnis des Patienten durch diese Entwicklungen?

Prof. Dr. Jochen Maas: Der Patient von morgen möchte nicht mehr nur ein einzelnes Arzneimittel, sondern eine individuelle Lösung für sein persönliches Gesundheitsproblem. Medizin wird damit ganzheitlicher und stärker auf den Einzelnen zugeschnitten.

Wie sieht eine solche individuelle Therapie konkret aus?

Prof. Dr. Jochen Maas: Ich spreche hier von den „4D’s der Medizin“: Diagnostics – eine präzise Diagnose, getragen von moderner Diagnostik, Drugs – passgenaue Arzneimittel, Devices – medizinische Geräte oder Applikatoren zur gezielten Verabreichung und Data – die richtigen Daten und Algorithmen zur Steuerung der Therapie. Diese Bereiche waren vorher klar voneinander getrennt: Diagnostik‑, Pharma‑, Medizintechnik‑ und Datenindustrie arbeiteten isoliert. In Zukunft werden diese Industrien eng vernetzt zusammenarbeiten, um individuelle Therapielösungen zu ermöglichen.

Auch in der Tumortherapie gibt es große Fortschritte. Was sind hier die wichtigsten Entwicklungen?

Prof. Dr. Jochen Maas: Ein zentrales Innovationsfeld ist die gezielte Modulation unseres Immunsystems. Dabei gibt es zwei grundlegende Ansätze: Bei einigen Krankheiten wollen wir die Immunantwort verstärken, etwa bei Virusinfektionen oder Krebs. Andererseits gibt es auch Erkrankungen, bei denen die Reaktion des Körpers gedämpft werden soll, zum Beispiel bei Allergien oder Autoimmunerkrankungen. Dabei besteht immer die Gefahr, dass eine zu starke Ausprägung der einen Reaktion die andere hervorrufen kann. Zukünftig wird es darum gehen, diese Reaktionen präzise und individuell zu steuern, um das richtige Gleichgewicht zu finden.

Wie sieht die Tumortherapie der Zukunft konkret aus?

Prof. Dr. Jochen Maas: Hier sehen wir zunehmend ein Drei‑Stufen‑Modell: Zunächst die Operation, sofern der Tumor noch entfernbar ist – künftig immer häufiger robotergestützt. Daneben die gezielte Tumorbekämpfung, etwa durch sogenannte Antibody‑Drug‑Conjugates (ADCs), die Krebszellen direkt angreifen. Und letztlich die Aktivierung des Immunsystems, durch Checkpoint-Inhibitoren und zukünftig auch durch RNA‑ oder proteinbasierte Tumorimpfstoffe. Viele dieser innovativen Wirkstoffe sind bereits auf dem Markt und werden kontinuierlich weiterentwickelt.

Denken Sie, es gibt eine Chance, Krebs eines Tages vollständig heilbar zu machen?

Prof. Dr. Jochen Maas: Ich denke nicht, dass wir Krebs komplett heilen können. Aber wir haben realistische Chancen, Krebs vom Todesurteil zu einer chronischen Erkrankung zu machen – mit deutlich besserer Lebensqualität und längerer Lebenszeit für die Betroffenen.

Sie sagten eben: „Jeder Mensch wird früher oder später Patient.“ Warum ist diese Aussage so zentral für die individualisierte Medizin?

Prof. Dr. Jochen Maas: Heute arbeiten wir oft noch nach dem Prinzip „One size fits all“. Ein Medikament, eine Dosierung, für alle. Doch Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Therapien. Medikamente werden unterschiedlich verstoffwechselt, also abgebaut. Ein Beispiel: Manche Menschen benötigen höhere Dosierungen, andere deutlich geringere, erhalten aber dennoch dieselbe Standarddosis. Gentherapie und Präzisionsmedizin ermöglichen es künftig, Medikamente genau auf den einzelnen Patienten zuzuschneiden. Das erhöht die Wirksamkeit und reduziert Nebenwirkungen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der One-Health-Ansatz. Was verbirgt sich dahinter?

Prof. Dr. Jochen Maas: Der One-Health-Ansatz betrachtet Gesundheit ganzheitlich und vernetzt. Bislang denken wir in getrennten Kategorien: menschliche Gesundheit, Tiergesundheit, Umwelt, Klima oder Lebensmittelsicherheit. In Wirklichkeit hängt jedoch alles zusammen. Allein 75 Prozent aller Infektionskrankheiten haben ihren Ursprung im Tierreich. Die Corona‑Pandemie ist dafür ein bekanntes Beispiel. Auch der Klimawandel spielt eine große Rolle: Schon kleine Temperaturveränderungen können die Ausbreitung von Viren deutlich begünstigen. Am Ende müssen wir verstehen: Der Mensch ist Teil eines globalen Gesundheitskreislaufs – medizinisch, ökologisch und gesellschaftlich.

Grafik One Health Modell


Worauf wird es Ihrer Meinung nach in Zukunft ankommen?


Prof. Dr. Jochen Maas: Der Gesundheitsmarkt wird präventiver, digitaler und individueller. Technologie, Daten und neue Therapieformen eröffnen enorme Chancen für Patientinnen und Patienten ebenso wie für das gesamte Gesundheitssystem. Entscheidend wird sein, Innovation verantwortungsvoll zu gestalten und alle Akteure miteinander zu vernetzen. Denn nur wer den Patienten wirklich in den Mittelpunkt stellt, wird den Gesundheitsmarkt der Zukunft prägen.


Über Prof. Dr. Jochen Maas:

Prof. Dr. Jochen Maas war über zehn Jahre Leiter Forschung & Entwicklung bei Sanofi Deutschland. Außerhalb seiner globalen industriellen Tätigkeit lehrt er Pharmakologie und Pharmakokinetik an der Technischen Hochschule Mittelhessen. Darüber hinaus ist er Vizepräsident des Houses of Pharma and Healthcare in Frankfurt, Leiter der Werkstatt Wissenschaft und Forschung der Initiative Gesundheitsindustrie Hessen sowie in verschiedenen Aufsichtsräten, Kuratorien und Stiftungen engagiert.

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