Europa rückt in den Mittelpunkt, während der Sekundärmarkt wächst

Von Edouard Boscher, Leiter Private Equity bei Carmignac

08.05.2026 | 09:25 Uhr

Im Jahr 2025 erreichte der globale Sekundärmarkt für Private Equity ein Rekordtransaktionsvolumen von 226 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg von 41Prozent gegenüber dem bereits rekordverdächtigen Jahr 2024[1]. Sekundärmärkte sind nicht mehr nur eine Randerscheinung der Private Markets – und während sich die Anleger auf ein weiteres potenzielles Rekordjahr vorbereiten, wird Selektivität unerlässlich sein, wobei Europa als Lichtblick hervorsticht.

Ein weiteres Rekordjahr?

Der Rückgang bei den Börsengängen (IPOs), die Investoren (LPs) und Fondsmanagern (GPs) einen Ausstieg aus privaten Kapitalinvestitionen ermöglichen, wird oft als einer der wichtigsten Treiber für das Wachstum des Sekundärmarktes genannt. Es gibt jedoch eine Vielzahl an Gründen für die Reifung des Marktes. So haben sich beispielsweise GP-geführte Transaktionen, bei denen Sponsoren bestehenden Investoren Liquidität bieten und gleichzeitig ihr Engagement in Vermögenswerten beibehalten, zu einem festen Bestandteil des Marktes entwickelt.

Früher als Notfall-Liquiditätslösungen angesehen, erreichten GP-geführte Transaktionen in 2025 einen Wert von 106 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 49 Prozent gegenüber dem Vorjahr entsprich[2]. Sie werden nun zunehmend von Sponsoren genutzt, um leistungsstarke Vermögenswerte zu halten, Anreize umzustrukturieren und Kapitalstrukturen zu optimieren, wodurch ein stetiger Strom an Transaktionen sichergestellt wird. Selbst bei einer erwarteten Belebung der IPO-Aktivitäten im Jahr 2026 dürfte die Dynamik des Marktes also weiterhin anhalten.

Steigende Volumina, aber keine Überhitzung

Angesichts der Tatsache, dass sich das Tempo der Aktivitäten der letzten Jahre fortsetzen dürfte, könnte man sich fragen, ob der Markt überhitzt ist. Aber selbst mit einem erheblichen Volumen an Dry Powder für Sekundärinvestitionen[3] bleibt der Dealflow sehr gesund, was zeigt, dass der Sektor strukturell immer noch unterkapitalisiert ist. Auch eine Auswertung der verfügbaren Preisdaten deutet nicht auf eine Überhitzung hin. In vielen Segmenten entsprechen die Preisniveaus weiterhin weitgehend den historischen Durchschnittswerten, insbesondere bei LP-geführten Transaktionen. Auch die Zeichnungsstandards und Due-Diligence-Prozesse bleiben diszipliniert, mit einer klaren Trennung zwischen hochwertigen und weniger hochwertigen Vermögenswerten.

Argumente für Europa

Angesichts der Fülle an Transaktionen müssen Anleger einen sehr selektiven Ansatz verfolgen. Derzeit ergeben sich interessante Chancen im europäischen Sekundärmarkt. Der europäische Markt zeichnet sich durch niedrigere Einstiegsbewertungen, strukturelle Widerstandsfähigkeit, robuste Corporate-Governance-Rahmenbedingungen und eine wachsende Pipeline hochwertiger Vermögenswerte aus.

Die überwältigende Konzentration auf Technologie hat sich für die USA sowohl als Stärke als auch als Schwachstelle erwiesen. Im Hinblick auf Resilienz und Diversifizierung bietet Europa aufgrund seiner Fokussierung auf produktive Wirtschaftssektoren wie Fertigung, Gesundheitswesen, Infrastruktur und saubere Energie eine überzeugende Alternative.

Da selbst in den widerstandsfähigsten europäischen Ländern die öffentlichen Finanzen angespannt sind, wird privates Kapital eine wichtige Rolle bei der Unterstützung dieser Sektoren spielen, während die Regierungen nach mehr Autonomie, Reindustrialisierung und Dekarbonisierung streben.

Allerdings wäre Selbstzufriedenheit fehl am Platz. Europa bietet zwar eine Vielzahl an Möglichkeiten, doch deren Qualität und Renditepotenzial variieren. Angesichts der schieren Größe und Komplexität dieses Marktes sind Fachwissen und ein differenziertes Verständnis von entscheidender Bedeutung: Die Suche nach geeigneten Investitionsmöglichkeiten muss durch solide Daten, fundierte Strukturierungskompetenz und regulatorisches Know-how unterstützt werden.

Reife ohne Sättigung

Trotz einer Reihe von Rekordjahren wird der Sekundärmarkt seine strukturelle Expansion fortsetzen, da er sich zu einem hochentwickelten und integrierten Ökosystem entwickelt hat, das es Verkäufern ermöglicht, ihr Engagement in Private Assets aktiv und dynamisch zu verwalten. Aus Sicht der Käufer sind die aktuellen Marktbedingungen besonders attraktiv. Trotz des starken Wachstums des Sekundärmarktes übersteigt das Angebot weiterhin die Nachfrage, was zu erheblichen Preisnachlässen führt – insbesondere bei europäischen Transaktionen. Die Reifung des Sekundärmarktes führt keineswegs zu einer Erosion der Renditen, sondern stärkt vielmehr seine Relevanz, Effizienz und langfristige Attraktivität für beide Seiten des Handels.

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[1]Evercore 2025 Sekundärmarktbericht
[2] Evercore 2025 Sekundärmarktbericht
[3] Evercore 2025 Sekundärmarktbericht


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