Energie wird zum Engpassfaktor: Wie KI die Strommärkte neu ordnet
Der rasante Ausbau künstlicher Intelligenz und die Reindustrialisierung der USA könnten die Energiebranche in eine neue Phase strukturellen Wachstums führen.02.03.2026 | 12:05 Uhr
Das erläutert Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group. Nach einem Jahrzehnt stagnierender Stromnachfrage zeichne sich nun ein fundamentaler Nachfrageimpuls ab.
Rechenzentren machten derzeit rund vier Prozent des US-Stromverbrauchs aus. Bis 2030 könnte dieser Anteil jedoch auf neun bis 14 Prozent steigen. „Wenn es einen Faktor gibt, der die Entwicklung von KI und die Reindustrialisierung der USA maßgeblich bestimmt, dann ist es elektrische Energie“, so Braun.
Nachfrageboom trifft auf strukturelle Engpässe
Parallel zum Ausbau digitaler Infrastruktur seien in den USA Investitionen von
mehr als drei Billionen US-Dollar in neue industrielle Kapazitäten geplant –
von Halbleiterfertigung bis Pharmaindustrie. Doch das Stromangebot werde nicht
im gleichen Tempo wie die Nachfrage wachsen können.
Mehrere strukturelle Restriktionen dürften die Kapazitäten für die Energieerzeugung bis mindestens 2030 begrenzen. Turbinen für Gaskraftwerke hätten teilweise Lieferzeiten von bis zu fünf Jahren, Netzanschlüsse für neue Kapazitäten könnten fünf bis sieben Jahre in Anspruch nehmen. Zudem sei seit 2014 kein Nettozubau von Kohlekraftwerken erfolgt, während weitere Anlagen vom Netz gingen. „Wir sehen keine spekulative Überinvestition wie Ende der 1990er-Jahre, sondern ein strukturelles Spannungsfeld zwischen Nachfrage und Angebot“, erklärt Braun.
Versorger werden zu Wachstumstreibern
Vor diesem Hintergrund wandelten sich Stromversorger zu zentralen Enablern
wirtschaftlicher Expansion. Die Folge: Technologieunternehmen sicherten sich
zunehmend langfristige Stromlieferverträge, insbesondere mit
Kernkraftbetreibern, um CO₂-freie Grundlastkapazitäten zu gewährleisten. Mit
zunehmender Auslastung der Nuklearkapazitäten dürften Vereinbarungen für die
Stromlieferung auch mit Erzeugern fossiler Energie folgen, insbesondere mit
Anbietern verlässlicher Grundlast, also dauerhaft verfügbarer Stromkapazitäten
unabhängig von Tageszeit oder Wetterbedingungen.
Strukturell zeichne sich ein beschleunigtes Gewinnwachstum ab: Regulierte Versorger hätten in der Vergangenheit typischerweise ein jährliches Gewinnwachstum von fünf bis sieben Prozent erzielt, projizierten nun jedoch sieben bis neun Prozent oder mehr – getrieben durch steigende Investitionen in Netze und Erzeugungskapazitäten.
Auf Sektorebene habe sich diese Dynamik bereits gezeigt: Der Utilities-Sektor habe zuletzt eine der höchsten Gewinnwachstumsraten innerhalb des S&P 500 verzeichnet und liege deutlich über historischen Durchschnittswerten.
Industrie- und Rohstoffwerte profitieren mit
Die Dynamik erfasse auch Industrie- und Materialwerte. Unternehmen, die
Turbinen, Generatoren und Hochleistungsstromsysteme liefern, berichteten von
steigenden Auftragseingängen. Auch im Rohstoffbereich zeichne sich
struktureller Druck ab: Der steigende Bedarf an Netzinfrastruktur,
Rechenzentren und Elektromobilität erhöhe insbesondere die Nachfrage nach
Kupfer. Prognosen deuteten auf ein mögliches Angebotsdefizit von rund sechs
Millionen Tonnen bis 2035 hin. „Denn digitale Infrastruktur und Elektrifizierung
sind untrennbar miteinander verbunden“, betont Braun.
Fazit: Energie als strategischer Engpass
Bislang sei die Stromerzeugungs- und Netzinfrastruktur ein wenig beachteter
Bereich der Wirtschaft gewesen. Doch nun gebe es in diesem Sektor einen
strategischen Engpass, wodurch er zu einem zentralen Investmentthema werde.
Mehrere Nachfragequellen – KI, Reindustrialisierung und Elektromobilität –
träfen auf strukturelle Angebotsbegrenzungen.
„Energie ist nicht mehr nur Hintergrundrauschen der Wirtschaft, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor“, resümiert Braun. „Entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Stromerzeugung über Netzinfrastruktur bis hin zu Industrie- und Rohstoffunternehmen – entstehen dadurch neue Investitionsperspektiven.“