Emerging Markets: Schlechte Nachrichten, gute Einstiegschancen?
Der Iran-Krieg hat Schwellenländeraktien belastet und neue Sorgen über Inflation, Wachstum und höhere Energiepreise ausgelöst.09.04.2026 | 12:05 Uhr
Die Marktgeschichte zeigt jedoch, dass gerade Phasen erhöhter Unsicherheit und Volatilität in der Vergangenheit häufig die Grundlage für starke Erholungen gelegt haben. Welche Schlüsse Anleger daraus ziehen können, erläutert Sammy Suzuki, Head – Emerging Markets Equities bei AllianceBernstein, in seinem Marktkommentar.
Schwellenländeraktien (EM) sind seit Beginn des Iran-Kriegs deutlich unter Druck geraten, da Anleger die möglichen Folgen des Konflikts fürchten. Die Geschichte zeigt jedoch, dass Phasen erhöhter Marktanspannung – in denen die Volatilität hoch ist und die Unsicherheit noch eingepreist wird – in der Vergangenheit häufig günstige Einstiegszeitpunkte für EM-Investoren geboten haben.
Die Aktienmärkte reagierten nervös, als sich die US-israelischen Angriffe auf den Iran im März zu einem regionalen Krieg ausweiteten. Der Iran schloss die Straße von Hormus, über die rund ein Fünftel des weltweiten Öltransports abgewickelt wird. Das schürte Sorgen vor einem anhaltenden Energieschock. Die Befürchtung, dass höhere Ölpreise die Inflation anheizen, das Wachstum bremsen und die Unternehmensgewinne belasten könnten, setzte die globalen Aktienmärkte unter Druck. Der MSCI Emerging Markets Index fiel im März in US-Dollar um 11 Prozent, nachdem er 2025 und in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 noch stark gelaufen war.
Asiens Verwundbarkeit, Brasiliens Puffer
Besonders deutlich zeigt sich die Belastung in Teilen Asiens. Indien,
Thailand und die Philippinen, die stark auf Öltransporte durch die Straße von
Hormus angewiesen sind, haben Maßnahmen ergriffen, um die Folgen höherer
Energiepreise abzufedern. Während rohstoffreiche Schwellenländer wie Brasilien
gegen den Ölschock möglicherweise besser abgeschirmt sind, fürchten Anleger,
dass Schwellenländerunternehmen insgesamt anfällig für die Folgen höherer
Energiekosten auf Wachstum und Profitabilität sind.
Diese Unsicherheiten erklären auch den breiteren Anstieg der Marktvolatilität. Der VIX-Index, das bekannte Angstbarometer der Wall Street für die Volatilität des US-Aktienmarkts, ist gestiegen, da sich Investoren mit einer zunehmenden Bandbreite geopolitischer und makroökonomischer Szenarien auseinandersetzen müssen. Um einzuordnen, was das historisch für Schwellenländerinvestoren bedeutet hat, haben wir die Renditen von EM-Aktien seit 2001 in Abhängigkeit von unterschiedlichen VIX-Ständen zum Monatsende untersucht.
Hohe Volatilität, hohes Erholungspotenzial
Extreme Volatilitätsspitzen sind selten. In den vergangenen 24 Jahren lag
der VIX zum Monatsende nur neunmal über 40. Doch genau diese Phasen gingen bei
Schwellenländeraktien häufig mit besonders starken nachfolgenden Renditen
einher. Wenn der VIX einen Monat oberhalb von 40 beendete, legten EM-Aktien in
den darauffolgenden zwölf Monaten im Durchschnitt um mehr als 60 Prozent zu –
und entwickelten sich damit deutlich besser als ihre Pendants aus den
Industrieländern.
Auf den ersten Blick erscheint das widersprüchlich, schließlich gelten Schwellenländeraktien als besonders risikoreich. Aus unserer Sicht liegt die Erklärung in der Marktpsychologie. Phasen extremer Volatilität spiegeln häufig ein Umfeld wider, in dem Anleger die schlimmstmöglichen Szenarien fortschreiben. Wenn die Angst ihren Höhepunkt erreicht, ist ein Großteil der schlechten Nachrichten meist bereits eingepreist. Märkte können dann positiv überraschen, weil sich die tatsächlichen Entwicklungen häufig als weniger gravierend erweisen als befürchtet.
Das aktuelle Umfeld deutet bislang noch nicht auf eine extreme Marktangst hin. Trotz der erhöhten Unsicherheit hat der VIX bisher lediglich einen Höchststand von 31 erreicht – also gerade die Schwelle jener Niveaus, die historisch die attraktivsten künftigen Renditen für Schwellenländeraktien signalisiert haben, und deutlich unter dem Sprung vom April 2025 nach den umfassenden Zolldrohungen von Präsident Trump. Die Historie legt jedoch nahe: Sollte die Volatilität klar über 30 steigen, würde sich der mittelfristige Ausblick für EM-Aktien aufhellen.
Tatsächlich liefert auch die jüngere Marktgeschichte ein anschauliches Beispiel. Nachdem die Sorgen über neue Zölle ihren Höhepunkt erreicht und den VIX am 8. April 2025 auf 52 getrieben hatten, stieg der MSCI Emerging Markets Index bis Ende Februar um 64 Prozent. Selbst nach den jüngsten Rückgängen lag der MSCI Emerging Markets per 27. März vom VIX-Hoch des Vorjahres aus immer noch 46 Prozent im Plus.
Die Chance liegt im langen Atem
Niemand kann vorhersagen, wie sich der Konflikt im Nahen Osten weiterentwickeln
wird. Die Risiken sind erheblich, und die Bandbreite möglicher Szenarien bleibt
groß. Die Marktgeschichte zeigt jedoch auch, dass Wendepunkte kaum treffsicher
zu timen sind – und dass investiert zu bleiben in Stressphasen der beste Weg
ist, um eine Erholung nicht zu verpassen. Hinzu kommt: Schon vor dem Krieg
profitierten Schwellenländeraktien von mehreren Wachstumstreibern für die
Gewinne, von künstlicher Intelligenz über Reformen in der Unternehmensführung
bis hin zu einem schwächeren US-Dollar.
Für langfristig orientierte Anleger ist es aus unserer Sicht sinnvoll, sich auf Schwellenländerunternehmen mit soliden Fundamentaldaten, hochwertigen Geschäftsmodellen und der Fähigkeit zu konzentrieren, inflationären Druck abzufedern. So lassen sich die attraktiven Renditechancen nutzen, die sich eröffnen könnten, sobald sich das Marktumfeld wieder beruhigt.