Die KI-Wachstumsgrenzen

TiAM FundResearch blickt auf die Woche zurück und gibt einen Ausblick auf die kommenden Tage. Diesmal im Fokus: Um größere KI-Rechenzentren zu bauen, benötigen OpenAI, Google, Meta und Co. mehr Energie und Geld. Beides könnte bald knapp werden.

02.03.2026 | 07:15 Uhr von «Matthias von Arnim»

Rückblick auf die vergangene Woche

Jedes Wachstum kennt Grenzen. Wer mit ewigem Wachstum rechnet, hat in seiner Gleichung mindestens einen Kalkulationsfehler. Vielleicht ließe sich dieser mit KI herausfinden. Oder auch nicht. Denn die Wachstumsaussichten für die industrielle Anwendung Künstlicher Intelligenz selbst sind vermutlich begrenzter, als es viele KI-Gläubige derzeit prognostizieren. Und dafür gibt es wesentliche Gründe. 

Erstens: KI ist nicht so klug, wie viele glauben. KI gaukelt uns nur vor, sie sei es. Das liegt an den in der Tat beeindruckenden Fähigkeiten der sogenannten LLMs, die auf hohem Sprachniveau mit uns kommunizieren können. Doch die Modelle wissen im Grund genommen nichts. Sie basteln Antworten zusammen, die – basierend auf den Daten, mit denen die Maschinen trainiert wurden – am wahrscheinlichsten sind. Und wenn die Daten fehlen, fantasieren ChatGPT, Gemini, Perplexity und Co. eben irgend etwas zusammen. 

Zweitens: Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die KI-Modelle werden auch in Zukunft nicht klüger, sondern auf Dauer immer dümmer. Denn mit der massenhaften Zunahme der Nutzung der KI-Anwendungen weltweit sinkt auch der Anteil der qualitativ brauchbaren neuen Daten für die nächste Generation der Rechenmodelle. Vereinfacht gesagt, verschluckt sich die KI immer mehr an den Halluzinationen, die sie selbst einmal generiert und in die Öffentlichkeit gesetzt hat – und mit denen sie beim nächsten Trainings-Upgrade wieder gefüttert wird. Am eindrucksvollsten lässt sich dies seit einiger Zeit bei ChatGPT beobachten. Die Version 4o war ein Meilenstein. Die aktuelle Version 5.2 ist im Vergleich dazu ein Rückschritt. Der Qualitätsverlust der Sprachmodelle ist eines der größten Probleme, mit denen die KI-Konzerne derzeit zu kämpfen haben. 

Drittens: Zu den großen Problemen gehört auch der Energiehunger der Rechenzentren. Männer wie Elon Musk, Sam Altman, Marc Zuckerberg und Sundar Pichai haben ehrgeizige Pläne für neue Rechenzentren, so groß wie deutsche mittelgroße Städte. Schon jetzt sind die Serverfarmen gigantisch. Ihr Problem ist die Energieversorgung. Das US-Stromnetz gehört in seiner Struktur zu den schwächsten und störungsanfälligsten aller Industrieländer. Und die existierenden Wind-, Kohle-, Wasser-, Kern- und Gaskraftwerke werden in den kommenden Jahren nicht annähernd so viel Strom produzieren können, wie die Tech-Riesen benötigen. Deshalb hat Donald Trump die Konzerne angewiesen, dass sie gefälligst selbst für ihren Strombedarf sorgen und eigene Kraftwerke bauen sollen. Doch selbst wenn ihnen dies gelingen sollte, werden sie nicht schnell genug sein. Seit Monaten schon ringen die Firmen um jedes Kilowatt Strom. Neue Gasturbinen sind knapp. Konzerne wie xAI, Meta, Google, Microsoft oder OpenAI liefern sich deshalb mittlerweile Bieterduelle um alte, gebrauchte Erdgasturbinen.

Einer Untersuchung der US-Plattform Cleanview zufolge produzieren einige Unternehmen den Strom für ihre KI-Farmen mit umkonstruierten Turbinen, die ursprünglich für Kriegsschiffe oder Flugtriebwerke entwickelt wurden. Oder mit Turbinen aus alten Industriebetrieben oder erdgasbetriebenen Kolbenmotoren. Der Bau von neuen Gaskraftwerken, Wind- und Solaranlagen und ihr Anschluss ans Netz können noch Jahre dauern. Diese Zeit haben die KI-Konzerne derzeit jedoch nicht. Der Energieverbrauch wächst derzeit deutlich schneller als die Kapazitäten zur Stromerzeugung. Energie ist deshalb die vielleicht größte Wachstumsbremse für die KI-Industrie.

Viertens: Mit dem Druck, nicht nur größere Rechenzentren, sondern auch die nötige Energieinfrastruktur aufbauen zu müssen, ist das Investitionsvolumen der großen Tech-Konzerne in die Höhe geschossen. Einer aktuellen Studie von Goldman Sachs zufolge belief sich allein das Volumen der begebenen Anleihen sogenannter Hyperscaler wie Google, Microsoft oder Meta im vierten Quartal 2025 auf rund 87 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Die betreffenden Firmen hatten in den vier Jahren davor insgesamt in Summe etwa 82 Milliarden US-Dollar an Krediten aufgenommen. Die Schweizer Bank UBS geht davon aus, dass US-Technologieunternehmen im Jahr 2026 Anleihen im Gesamtvolumen von 360 Milliarden Dollar emittieren werden. Damit würde der Tech-Sektor ein Fünftel des billionenschweren US-Marktes für Investment-Grade-Anleihen ausmachen. Damit nicht genug. Goldman Sachs rechnet für die kommenden 15 Jahre noch einmal mit einer Verdreifachung des Finanzierungsbedarfs. 

Da fragt man sich dann schon irgendwann, woher das viele Geld kommen soll. Und vor allem: Wie es investiert wird. Denn es geht hier – wie oben erwähnt – nicht mehr nur um Investitionen in Rechenpower, sondern auch um Investitionen in Energieinfrastruktur – was nicht unbedingt eine Kernkompetenz von Tech-Konzernen ist. Was sich schon darin zeigt, dass die großen Unternehmen fast ausschließlich auf Gaskraftwerke setzen. Einfach, weil sie am schnellsten und günstigsten zu bauen und in Betrieb zu nehmen sind. Nachhaltigkeit spielt hier keine Rolle mehr. Was auch bedeutet: Die Bilanzen der Tech-Konzerne werden in Zukunft stark am Gaspreis hängen. Aktionäre sollten das im Blick behalten. 

Ein vielleicht gewagter Gedanke zum Schluss: Kann es eventuell sein, dass der exponentiell steigende Energie- und Industriemetallhunger der Tech-Konzerne mit ein Grund dafür ist, dass die USA unter Donald Trump ihr Augenmerk zunehmend auf Regionen mit reichen Rohstoffvorkommen richten? Venezuela, Grönland, aktuell der Krieg gegen den Iran – und vielleicht ein „Deal“ mit Russland? Die Liste der Länder, für die Donald Trump einen „Deal“ will, könnte irgendwie passen. Vielleicht. Es ist nur eine vage Vermutung. 

Interessante Termine in den kommenden Tagen

Am Dienstag startet in Berlin die Internationale Tourismus-Börse (ITB). Ja, Urlaub… ein schöner Gedanke, wenn man dem Ernst der Welt einmal für ein paar Tage oder ein paar Wochen entfliehen will. Und wenn die Gewerkschaften mitspielen, kommt man sogar hin. Nach Berlin. Oder später in den Urlaub. Auch wichtig am 2. März: Der weltweit wichtigste Aktienindex MSCI World wird neu sortiert. Die turnusmäßige Überprüfung durch den Indexanbieter MSCI führt dieses Mal zu einer spürbaren Fluktuation. Insgesamt 63 Unternehmen werden neu in den globalen Standardwerte-Index aufgenommen, während 61 Titel weichen müssen. Zu den prominentesten Neuzugängen gehören die US-Firmen AST SpaceMobile A, Coherent Corp und FTAI Aviation. Für die zahlreichen ETFs, die den Index nachbilden, bedeutet das eine spürbare Umstellung und viel Bewegung am Markt. 

Am Mittwoch überprüft auch die Deutsche Börse turnusgemäß die Zusammensetzung ihrer DAX-Indizes. Allerdings rechnet man hier nicht mit allzu vielen Überraschungen. 

Am Donnerstag tritt Chinas Nationaler Volkskongress (NVK) zu seiner jährlichen großen Tagung zusammen. Üblicherweise stellt der Ministerpräsident den Arbeitsbericht der Regierung vor, aus dem unter anderem das Wirtschaftswachstumsziel für das laufende Jahr hervorgeht. In diesem Jahr wird der fast 3.000 Abgeordnete umfassende Volkskongress außerdem den kommenden 15. Fünfjahresplan absegnen, der die Wirtschaftspolitik für den Zeitraum bis 2030 vorgeben wird. 

Am Freitag treffen sich die Granden der deutschen Wirtschaft auf der Internationalen Handwerksmesse zum Spitzengespräch mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Mal sehen, was er aus China mitgebracht hat. Und wie begeistert er über das Roboterballett berichtet, mit dem ihn die Chinesen in der vergangenen Woche bei seinem Besuch in Peking zu beeindrucken suchten.

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