„Die Fundamentaldaten sprechen weiter für eine Rotation hin zu Europa“

Raphael Thuin, Head of Capital Market Strategies bei Tikehau Capital, kommentiert die anstehenden Zinsentscheidungen der EZB und Fed und die unterschiedliche Entwicklung der regionalen Aktienmärkte:

23.04.2026 | 09:47 Uhr

Welche möglichen Auswirkungen könnten eine Zinserhöhung der EZB und eine Zinssenkung der Fed haben? 

„Der Markt rechnet derzeit mit einer möglichen Divergenz: Die Fed könnte im Laufe des Jahres die Zinsen senken, während die EZB ihren Einlagenzinssatz anheben könnte. Dabei ist zu bedenken, dass die beiden Zentralbanken von unterschiedlichen Ausgangspositionen aus agieren. Die Geldpolitik der EZB wird allgemein als nahezu neutral angesehen, da die Inflation in Europa vor dem Iran-Konflikt nachgelassen hat, das Lohnwachstum abkühlt und eine importierte Disinflation aus China zu verzeichnen ist. Im Gegensatz dazu sieht sich die USA trotz der jüngsten Abkühlung weiterhin einem Inflationsdruck durch Zölle (die wie eine Steuer auf die Wirtschaft wirken) und einem beeindruckend widerstandsfähigen Arbeitsmarkt ausgesetzt. 

Sollte die Fed die Zinsen senken, während die EZB sie anhebt, würde dies angesichts ihrer unterschiedlichen Ausgangspositionen eine relative Annäherung der Geldpolitik darstellen. 

 Die nächsten Schritte werden angesichts der Spannungen im Nahen Osten jedoch vor allem von den Energiepreisen abhängen, sowie von der Bereitschaft der Zentralbanken, einen möglicherweise vorübergehenden Inflationsschock zu ignorieren, ohne über zu reagieren. Sollte sich die geldpolitische Kluft stärker als derzeit erwartet vergrößern – d. h. sollte sich der Zinsunterschied vergrößern –, könnte dies als negativer Katalysator für die europäischen Märkte wirken und den Euro gegenüber dem Dollar unter Aufwärtsdruck setzen.“ 

Wir beobachten bereits, dass Europa, teilweise aus geopolitischen Gründen, hinter den US-amerikanischen und japanischen Aktienmärkten zurückgeblieben ist. Könnte sich dieser Trend verschärfen, wenn die EZB die Zinsen anhebt? 

„Nach einer Phase relativer Outperformance der europäischen Indizes kehrte sich dieser Trend durch den Iran-Konflikt um. Die Underperformance Europas lässt sich weitgehend durch zwei Faktoren erklären, welche die europäischen Märkte getroffen haben: Energieimportierende Länder und Regionen haben aufgrund des Konflikts underperformt, und die zyklischeren Teile des Marktes haben sich schlechter entwickelt. 

 Sollten sich die Bedingungen im Nahen Osten normalisieren, würden wir erwarten, dass sich diese Underperformance verringert oder umkehrt, da wir bei Tikehau Capital davon ausgehen, dass die Fundamentaldaten, die einer Rotation hin zu Europa und einem größeren zyklischen Engagement zugrunde liegen, weiterhin bestehen. Sollte es allerdings zu einer übermäßig restriktiven geldpolitischen Kehrtwende der EZB kommen, könnte dies die europäische Performance beeinträchtigen.“

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