Die demografische Klippe: Automatisierung nimmt Fahrt auf
Durch die Alterung der Gesellschaft wird die nächste Automatisierungswelle schnell kommen. Carl Frey, Autor wegweisender Studien zu den Auswirkungen der Robotik auf den Arbeitsmarkt und Mitglied des Themenbeirats von Pictet Asset Management, setzt uns ins Bild.29.05.2026 | 07:14 Uhr
Überall auf der Welt steuern die Gesellschaften auf eine demografische Klippe zu. Im Jahr 1950 lag die weltweite Gesamtfertilitätsziffer bei etwa fünf Kindern pro Frau. Heute liegt sie bei etwa 2,3 – knapp über dem für eine stabile Bevölkerungszahl notwendigen Wert von 2,1. Mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung leben heute in Ländern, in denen die Geburtenrate unter den für die Bevölkerungserneuerung erforderlichen Wert gesunken ist. In Südkorea ist die Gesamtfertilitätsziffer auf 0,8 gesunken – der niedrigste Wert, der weltweit jemals verzeichnet wurde. In China liegt sie bei etwa 1,0. In weiten Teilen Europas liegt die Geburtenrate mittlerweile zwischen 1,0 und 1,6, und der EU-Durchschnitt erreichte im Jahr 2024 mit 1,34 einen historischen Tiefstand. Selbst in den Vereinigten Staaten, die lange Zeit eine demografische Ausnahmeerscheinung unter den reichen Ländern waren, ist der Wert auf 1,6 gesunken.
Die Folgen sind bereits sichtbar. Chinas Bevölkerung ging 2025 das vierte Jahr in Folge zurück, da immer mehr Menschen sterben als Kinder geboren werden. Bis 2050 wird die Bevölkerung Chinas voraussichtlich um rund 145 Millionen Menschen gegenüber den derzeitigen 1,4 Milliarden zurückgehen. Japans Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter erreichte 1995 mit 87 Millionen ihren Höchststand und ist seitdem um 16% zurückgegangen; bis 2060 wird ein weiterer Rückgang um 31% prognostiziert. Im kommenden Vierteljahrhundert werden wahrscheinlich 38 Länder mit jeweils mehr als einer Million Einwohnern einen Bevölkerungsrückgang verzeichnen – in den vergangenen 25 Jahren waren es in dieser Gruppe noch 21 Länder. Bis 2050 wird sich der Anteil der Menschen im Alter von 65 Jahren und älter in Ländern mit Bevölkerungsrückgang voraussichtlich nahezu verdoppeln, nämlich von etwa 17% auf 31%.
Dies bedeutet, dass weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, um die offenen Stellen zu besetzen, dass die Steuereinnahmen zur Finanzierung der Renten und der Gesundheitsversorgung schrumpfen und dass der Druck auf das Wirtschaftswachstum zunimmt. Die Frage ist, ob Technologie helfen kann. Können Automatisierung und künstliche Intelligenz den Arbeitskräftemangel ausgleichen, der sich aufgrund der demografischen Entwicklung abzeichnet? Die historischen Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass dies möglich ist und in manchen Fällen gerade der Arbeitskräftemangel der Auslöser für die Einführung arbeitssparender Maschinen ist.
Wenn die Arbeiter gehen, kommen die Maschinen
Die Vorstellung, dass Arbeitskräftemangel die Mechanisierung vorantreibt, ist nicht neu. Ein eindrucksvolles Beispiel stammt aus dem Süden Amerikas. Im Jahr 1927 vertrieb die Mississippiflut Hunderttausende Landarbeiter aus dem Mississippi-Delta. Viele kehrten nie zurück. Wie die Wirtschaftshistoriker Richard Hornbeck und Suresh Naidu gezeigt haben, fanden sich die Counties, die die meisten Arbeitskräfte verloren hatten, nicht einfach mit dem Rückgang der Wirtschaftsleistung ab. Stattdessen führten Landbesitzer Traktoren und andere Maschinen in deutlich grösserem Umfang ein als in Counties, in denen die Erwerbsbevölkerung unverändert blieb. Ein plötzlicher Arbeitskräftemangel machte den Einsatz von Maschinen lohnenswert.
Eine ähnliche Geschichte spielte sich nach dem Ersten Weltkrieg in Frankreich ab. Bei dem Konflikt wurde ein sehr hoher Anteil der männlichen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter getötet oder verwundet. Als die Überlebenden nach Hause zurückkehrten, herrschte in der französischen Landwirtschaft und Industrie akuter Arbeitskräftemangel. Die Reaktion darauf war eine Welle der Mechanisierung und arbeitssparender Innovationen, die andernfalls Jahrzehnte gedauert hätte. Landwirte, die bisher auf manuelle Arbeit und Arbeitstiere gesetzt hatten, investierten in Maschinen, und Arbeitgeber in allen Wirtschaftsbereichen stiegen auf kapitalintensive Methoden um, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen. Der Krieg hat trotz all seiner Zerstörungen unbeabsichtigt die technologische Entwicklung beschleunigt, indem er zur Abschaffung billiger Arbeitskräfte führte, die frühere Methoden erst rentabel gemacht hatten.
Diese Episoden folgen einer gemeinsamen Logik: Wenn Arbeitskräfte reichlich vorhanden und billig sind, haben Arbeitgeber kaum einen Grund, in teure Maschinen zu investieren. Wenn Arbeitskräfte allerdings knapp oder teuer werden, erscheint Automatisierung plötzlich als Schnäppchen. Die wirtschaftlichen Anreize verschieben sich, und Technologie füllt die Lücke.
Demografische Entwicklung und Roboter in modernen Volkswirtschaften
Die gleiche Logik gilt für den demografischen Wandel, der sich heute vollzieht. In verschiedenen vielbeachteten Veröffentlichungen haben die Ökonomen Daron Acemoglu und Pascual Restrepo einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Alterung der Bevölkerung und dem Einsatz von Industrierobotern aufgezeigt. Länder und Regionen, in denen die Bevölkerung schneller altert, setzen tendenziell mehr Roboter pro Arbeitnehmer ein. Dieses Muster lässt sich in einer Vielzahl von Regionen beobachten, von den schnell alternden Präfekturen Japans bis hin zu den älteren Industriezentren Europas.
Der Mechanismus ist einfach: Da der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter an der Gesamtbevölkerung zurückgeht, steigen die Löhne für die Ausführung von Routineaufgaben tendenziell an, und Unternehmen haben Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Roboter werden zu einer immer attraktiveren Alternative. Acemoglu und Restrepo haben festgestellt, dass der demografische Druck einer der stärksten Prädiktoren für den Einsatz von Robotern ist – in vielen Kontexten sogar mehr als Unterschiede in der Industriestruktur oder der Handelsintensität. Ein Beispiel dafür ist Japan. Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist dort seit drei Jahrzehnten rückläufig, bis 2040 wird ein Mangel von über 11 Millionen Arbeitskräften prognostiziert, und es handelt sich um eine der Volkswirtschaften mit der höchsten Roboterdichte weltweit.
Einen grossen Haken hat die Sache allerdings: Bis vor kurzem wurden diese Roboter fast ausschliesslich in der Fertigung eingesetzt. Industrieroboter – also solche, die schweissen, lackieren, montieren und palettieren – eignen sich hervorragend für strukturierte, sich wiederholende Aufgaben in kontrollierten Umgebungen. Ein Automobilwerk oder eine Halbleiterfabrik ist der ideale Lebensraum: feste Layouts, vorhersehbare Eingaben, minimale Abweichungen. Diese Roboter haben die Produktivität in der Fertigung revolutioniert, doch in den meisten Industrieländern nimmt der Anteil der Fertigung an der Beschäftigung und der Wirtschaftsleistung ab. In den Vereinigten Staaten macht dieser Anteil etwa 8% der Beschäftigten aus; im Vereinigten Königreich sind es rund 7%, und weniger als die Hälfte dieser Arbeitnehmer ist in der Produktion tätig. Der überwiegende Teil der Wirtschaft – und der demografischen Herausforderung – entfällt auf den Dienstleistungssektor.
Die Einschränkung, die bald wegfallen wird
Diese Einschränkung wird bald wegfallen. Jahrzehntelang lag die grösste Einschränkung der Automatisierung durch Roboter nicht in der Hardware an sich, sondern in der Wahrnehmung und Kognition. Ein Fabrikroboter kann eine präzise Bewegung tausende Male wiederholen, aber er kann weder ein unbekanntes Objekt erkennen noch sich in einem überfüllten Raum zurechtfinden oder eine gesprochene Anweisung verstehen. Das sind aber genau die Fähigkeiten, die für die Automatisierung von Dienstleistungen erforderlich sind – die Reinigung eines Büros, das Auffüllen von Supermarktregalen, die Betreuung eines Patienten, die Zustellung eines Pakets – und sie lagen bislang ausserhalb der Möglichkeiten der traditionellen Robotik.
Zwei Entwicklungen ändern dies gerade: Zum einen ist da der rasante Fortschritt der KI, insbesondere bei grossen Sprach- und Bildverarbeitungsmodellen, die Maschinen Fähigkeiten verleihen, die einer universellen Wahrnehmung und Denkweise immer näher kommen. Ein Roboter, der von einem modernen KI-System gesteuert wird, kann Objekte erkennen, die er noch nie zuvor gesehen hat, mehrdeutige Anweisungen interpretieren und sein Verhalten an neue Situationen anpassen. Zum anderen gibt es immer mehr humanoide und universell einsetzbare Roboter, die speziell für unstrukturierte Umgebungen entwickelt wurden: Krankenhäuser, Geschäfte und schliesslich Städte und Wohnungen. Unternehmen wie Tesla, Figure und mehrere chinesische Hersteller liefern sich ein Wettrennen um die Entwicklung humanoider Roboter, die in unorganisierten und wechselhaften Umgebungen, wie sie für die Dienstleistungsbranche charakteristisch sind, laufen, greifen und Gegenstände handhaben können.
KI und Robotik der nächsten Generation dürften gemeinsam die Automatisierung auf Bereiche ausweiten, die sich ihr bisher widersetzt haben. Wenn ein Roboter ein Hotelzimmer reinigen, Pakete in einem Logistikzentrum sortieren, eine Pflegekraft bei der Umlagerung von Patienten unterstützen oder über Nacht Regale auffüllen kann, dann beschränken sich die Produktivitätsgewinne durch Automatisierung nicht mehr nur auf Fabriken. Sie halten Einzug im Gesundheitswesen, im Gastgewerbe, im Einzelhandel, in der Logistik und der Pflege – genau jene Branchen, in denen der demografische Druck am stärksten zu spüren ist und in denen das Produktivitätswachstum am langsamsten verläuft.
Das Potenzial für die Zukunft
Wir brauchen uns nur die Zahlen anzuschauen. Der International Federation of Robotics zufolge liegt der weltweite Bestand an Industrierobotern bei rund 4,7 Millionen Stück – eine beeindruckende Zahl, die jedoch nur einen kleinen Teil der Wirtschaft abdeckt. Goldman Sachs schätzt, dass die Auslieferungen humanoider Roboter bis 2035 1,4 Millionen Stück pro Jahr erreichen könnten, gerade weil die Dienstleistungswirtschaft so riesig und arbeitsintensiv ist. In alternden Gesellschaften ist die Rechnung besonders überzeugend: weniger junge Menschen, die ins Berufsleben eintreten, mehr ältere pflegebedürftige Menschen und eine sich vergrössernde Lücke, die durch menschliche Arbeitskräfte allein nicht geschlossen werden kann. Japan, wo der durchschnittliche Landwirt 70 Jahre alt ist und im Bausektor auf jeden Bewerber 5,6 offene Stellen kommen, ist das beste Beispiel dafür, wie akut dieser Mangel bereits geworden ist.
All das wird nicht von heute auf morgen geschehen. Humanoide Roboter sind nach wie vor teuer, und sie werden immer besser, aber sie sind im Vergleich zur Anpassungsfähigkeit einer menschlichen Arbeitskraft immer noch begrenzt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Roboter, die im öffentlichen Raum neben Menschen eingesetzt werden, entwickeln sich gerade erst. Die sozialen und politischen Auswirkungen einer breiten Automatisierung von Dienstleistungen werden erheblich sein und ein umsichtiges Management erfordern.
Aber die Richtung ist klar. Die demografische Entwicklung schafft eine erhebliche Nachfrage. Die KI stellt die entsprechenden Funktionen bereit. Und das historische Muster – wonach Arbeitskräftemangel die Einführung neuer Technologien vorantreibt – lässt vermuten, dass die Gesellschaften, die am schnellsten altern, möglicherweise auch diejenigen sind, die am schnellsten automatisieren. Die demografische Klippe dürfte sich als einer der stärksten Impulse für die nächste Automatisierungswelle erweisen.
Einblicke für Investoren
Von Anjali Bastianpillai, Senior Client Portfolio Manager, Themenaktien, Pictet Asset Management
Vom Zusammenbau von Autos über das Fahren dieser Fahrzeuge bis hin zum Betrieb von Rechenzentren und sogar – unter menschlicher Anleitung – zur Durchführung medizinischer Eingriffe: Roboter werden zunehmend von Science-Fiction zur Realität. Demografische Veränderungen forcieren diesen Wandel: Roboter können die Produktivitätslücken schliessen, die durch die alternde Gesellschaft entstehen.
Insbesondere verzeichnen wir einen starken Anstieg der Nachfrage nach autonomen Fahrzeugen, humanoiden Robotern und kollaborativen Robotern. Aber nicht immer sind es die Roboter selbst, die die attraktivsten Investitionsmöglichkeiten bieten. Es gibt nur relativ wenige Hersteller, und viele davon sind nicht börsennotiert. Die lohnendsten Investitionen finden sich unter den zahlreichen innovativen Unternehmen, die die Technologie bereitstellen, die für den Bau der Roboter benötigt wird, darunter Hardware und Software wie Zentralprozessoren, Bildverarbeitungssysteme, Sensoren und Gelenkarme (oder Greifer) sowie – nicht zuletzt – Halbleiter.
In unserer Robotics Strategie halten wir Anteile an Unternehmen, die als wichtige Wegbereiter für humanoide Roboter fungieren und Komponenten, Technologien oder Software liefern.
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