Das amerikanische Ölparadox

Die USA schwimmen im Öl. Mit einer täglichen Produktion von über 21 Millionen Barrel (alle Erdölprodukte zusammengenommen) im Jahr 2023, davon über 12 Millionen Barrel Rohöl, sind sie bei weitem der bedeutendste Rohölproduzent der Welt.

17.03.2026 | 08:34 Uhr

Die Nummern zwei und drei unter den Produzenten, Saudi-Arabien und Russland, erreichen jeweils nur etwa 10 Millionen Barrel [1]. Somit entfallen auf die USA mehr als 20 % der weltweiten Produktion – mit steigender Tendenz. Das Land gehört zudem zu den weltweit bedeutendsten Exporteuren von Erdölprodukten jeglicher Art mit einer Exportmenge von über sechs Millionen Barrel pro Tag.

Dennoch führte die Blockade der Straße von Hormus seit dem Beginn der amerikanisch-israelischen Offensive gegen den Iran Ende Februar zu einem drastischen Anstieg der Benzinpreise in den USA: Am 13. März stiegen diese um 20 %. Mit 3,60 US-Dollar pro Gallone (knapp ein US-Dollar pro Liter) liegt der Benzinpreis dicht an den Rekordwerten von 2023 und 2024, ist aber noch weit von seinem Spitzenwert von fünf US-Dollar pro Gallone im Jahr 2022 entfernt.

Benzin wird trotz Rekordproduktion teurer

Wie lässt sich dieses Paradoxon erklären? Tatsächlich ist der Ölkonsum der USA im Grunde von ausländischen Importen abhängig, obwohl das Land im Öl schwimmt. Das im Land selbst geförderte Rohöl ist nämlich kaum für die inländischen Raffinerien und das Vertriebsnetz geeignet. Die lokale Produktion besteht zum größten Teil aus leichtem Rohöl mit geringem Schwefelgehalt, während die vor Jahrzehnten gebauten Raffinerien für schweres, schwefelhaltiges Rohöl ausgelegt sind. Daher muss eine andere Art von Öl importiert werden.

Zudem befinden sich die Raffinerien und die Vorräte vorwiegend im Mittleren Westen und um den Golf von Mexiko und damit weit entfernt von den wichtigsten Verbrauchsregionen. Dies sind die Ost- und die Westküste, wo es zahlreiche Terminals zum Anlanden ausländischen Rohöls gibt. Ein Gesetz aus dem Jahr 1920, der sogenannte Jones Act, schreibt außerdem vor, dass die Beförderung von Gütern – darunter auch Rohöl – zwischen zwei amerikanischen Häfen mit Schiffen erfolgen muss, die von Amerikanern gebaut wurden, sich in ihrem Besitz befinden und von ihnen betrieben werden. Dies behindert den Wettbewerb und macht Inlandstransporte sehr teuer.

Produktion und Verbrauch passen nicht zusammen

Das Ergebnis ist, dass Produktion und Verbrauch von Erdöl nicht aufeinander abgestimmt sind. Während die Verbraucher darunter leiden, profitieren die Produzenten von einem steigenden Weltmarktpreis pro Barrel, während ihre Produktionskosten unverändert bleiben. So schnellte der Index MSCI USA Energy seit Jahresbeginn um 28 % in die Höhe, während der allgemeine Index S&P 500 mit Stand vom 12. März um 2 % nachgab.

Wege zur Entlastung der US-Verbraucher

Angesichts des Drucks auf die US-Verbraucher, die im kommenden November bei den Midterms ihre Stimme abgeben werden, kann der Staatschef, der letztlich für diesen Anstieg verantwortlich ist, nicht tatenlos bleiben.

Er plant daher, den Jones Act vorübergehend auszusetzen, was eher unüblich ist. Im Rahmen eines von der internationalen Energiebehörde vermittelten, weltweit abgestimmten Vorgehens ist Trump bereit, 172 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven freizugeben. Bis sich dies beim Verbraucher bemerkbar macht, braucht es jedoch Zeit. Er genehmigt anderen Ländern den Kauf von auf Tankern gelagertem russischen Öl. Zudem prüft er die Möglichkeit der Aussetzung der Bundessteuer auf Benzin, die allerdings 0,18 US-Dollar pro Gallone bzw. 0,05 US-Dollar pro Liter einbringt und für den US-Haushalt von großer Bedeutung ist.

Es sind noch weitere Einflussnahmen auf den Benzinpreis denkbar und man kann davon ausgehen, dass es dem US-Präsidenten diesbezüglich nicht an Vorstellungskraft mangelt.

Unterschätzte politische, diplomatische und finanzielle Kosten

Doch ungeachtet der Mechanismen, die zum Abfedern des Schocks eingerichtet wurden, werden mittelfristig weiterhin 20 % des weltweiten Rohöls fehlen, solange die Straße von Hormus gesperrt ist. Dasselbe gilt auch für einen Teil der globalen Gas- und Düngermengen, die für die Industrie bzw. die Landwirtschaft essenziell sind.

Angesichts dieser festgefahrenen Lage gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es kommt zu Verhandlungen und die Meerenge wird wieder passierbar - wobei sich die Frage stellt, zu welchem Preis bzw. mit welchen politischen Zugeständnissen dies geschieht -, oder die Vereinigten Staaten versuchen, den Seeweg militärisch unter Kontrolle zu bringen. In jedem Fall werden politische, diplomatische und finanzielle Kosten in einer Höhe entstehen, die die USA womöglich unterschätzt haben. Es wird Zeit, dass die berühmten Dealmaking-Künste, von denen aktuell kaum etwas zu sehen ist, zum Einsatz kommen. Vielleicht gelingt es dem US-Präsidenten dann, die Wogen wieder zu glätten.

[1]Quelle: Energy Information Administration – https://www.eia.gov/tools/faqs/faq.php?id=709&t=6

Den ausführlichen Beitrag finden Sie im angehängten PDF.

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