Analyse: Die neuen Herausforderungen für Vermögensverwalter
| Titel der Publikation: | Mehr Komplexität, weniger Steuerbarkeit: Warum klassische Maßstäbe in der Vermögensverwaltung nicht mehr tragen |
| Veröffentlichung: | 12/25 |
| Autor: | Kai Linde |
| Auftraggeber: | TiAM FundResearch |
Mehr Komplexität, weniger Steuerbarkeit: Warum klassische Maßstäbe in der Vermögensverwaltung nicht mehr tragen und welche Lösungsansätze helfen können.
21.01.2026 | 14:00 Uhr
Die Vermögensverwaltung in Deutschland steckt in einem strukturellen Stresstest. Nicht, weil einzelne Strategien versagen würden, sondern weil sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben. Zinswenden, Inflationsschocks und geopolitische Unsicherheiten haben die Planbarkeit von Kapitalmärkten in den vergangenen Jahren durcheinandergebracht. Gleichzeitig steigen Transparenzanforderungen, regulatorische Vorgaben und der Erwartungsdruck der Kunden. Wie stark diese Lage die tägliche Arbeit unabhängiger Vermögensverwalter prägt, zeigt der Trendmonitor Vermögensverwaltung 2025 (TMVV), der auf der Auswertung von mehr als 61.000 realen Kundenportfolios im Jahr 2024 basiert. Die Analyse, die das Institut für Vermögensaufbau (IVA) gemeinsam mit dem WealthTech-Unternehmen QPLIX erstellt hat, macht deutlich: Die Branche agiert mittlerweile in einem Spannungsfeld aus höherer Komplexität und begrenzter Steuerbarkeit.
Aktienanteil steigt in Portfolios auf Rekordhoch
Die Portfoliostrukturen aus dem Jahr 2024 zeigen, dass Vermögensverwalter auf wachsende Herausforderungen reagiert haben. Der Aktienanteil ist weiter gestiegen und erreicht mit rund 63 Prozent einen neuen Höchststand, während sich Renten nach dem massiven Bedeutungsverlust der Zinswende wieder stabilisiert haben. Auffällig ist zudem der Rückgang der Liquiditätsquoten auf ein historisch niedriges Niveau.
Gleichzeitig verdeutlicht der hohe US-Anteil in den Portfolios, sowohl auf Währungs- als auch auf Aktienebene, die wachsende Abhängigkeit von einzelnen Regionen und Sektoren. Während US-Technologiewerte dominierten, verloren europäische Märkte relativ an Gewicht. Für Vermögensverwalter bedeutet das: Diversifikation bleibt zwar erklärtes Ziel, wird in der Praxis jedoch zunehmend schwieriger umzusetzen, ohne auf die zentralen Renditetreiber der vergangenen Jahre zu verzichten.
Klassische Risikomodelle werden zunehmend infrage gestellt
Ein zentraler Befund des TMVV betrifft weniger die absolute Performance einzelner Strategien als vielmehr die generelle Einordnung von Ergebnissen. Über mehrere Jahre hinweg konnten nur vergleichsweise wenige Strategien ihre individuell konstruierten Benchmarks übertreffen. Dieses Ergebnis ist jedoch nicht primär als Leistungsurteil zu lesen, sondern als Hinweis auf außergewöhnliche Marktbedingungen. Die vergangenen Jahre waren geprägt von Ereignissen, die klassische Risikomodelle und historische Annahmen infrage gestellt haben. Selbst konservative Strategien boten in der Zinswende 2022 keinen verlässlichen Schutz, während chancenorientierte Ansätze stark von kurzfristigen Marktphasen abhängig waren. Für Vermögensverwalter entsteht daraus auch ein kommunikatives Problem: Kunden erwarten Einordnung und Sicherheit in einem Umfeld, in dem Vermögensverwalter umdenken müssen und selbst etablierte Maßstäbe an Aussagekraft verlieren.
Mehr Daten, mehr Komplexität, mehr Verantwortung
Hinzu kommt eine operative Dimension, die häufig unterschätzt wird. Die Vielfalt der Assetklassen, die Zunahme regulatorischer Anforderungen und der Wunsch nach detaillierterem Reporting erhöhen den administrativen Aufwand spürbar. Besonders bei weniger standardisierten Anlagen, zum Beispiel bei alternativen Investments, steigt die Komplexität der Datenerfassung und -auswertung. Zwar bleiben Private-Equity-Fonds und ELTIFs in den Depots bislang eine Nische (0,13 % des Fondsvermögens), doch der ELTIF 2.0 könnte künftig den Zugang zu alternativen Anlagen erleichtern. Damit öffnet sich ein neues Feld für die langfristige Diversifikation im Wealth Management. Das Interesse an illiquiden, renditestarken Alternativen wächst. Auch deshalb, weil klassische Märkte unter Druck stehen. Fakt ist aber auch: Nicht nur reine Rendite zählt, alternative Anlagen sind auch aus Gründen der Diversifikation, Stabilität und langfristigen Wertschöpfung gefragt. Das klassische 60/40-Portfolio gilt vielen nicht mehr als ausreichend, Vermögensverwalter könnten zukünftig daher noch stärker alternative Anlagen in ihr Portfolio aufnehmen. Damit verbunden sind neue Herausforderungen: längere Kapitalbindungen, eingeschränkte Liquidität, fragmentierte Informationsflüsse. Für Vermögensverwalter bedeutet das zusätzliche Anforderungen an Transparenz und Dokumentation.
Vermögensverwaltung unter strukturellem Druck
In Summe zeichnen die Ergebnisse der Studie das Bild einer Branche, die sich weniger in einer Performancekrise als vielmehr in einer Phase struktureller Neujustierung befindet. Vermögensverwalter müssen auch in den nächsten Jahren unter Bedingungen arbeiten, in denen klassische Steuerungsgrößen an Aussagekraft verlieren, Reaktionszeiten kürzer werden und externe Schocks jederzeit auftreten können. Der Trendmonitor macht damit vor allem eines sichtbar: Die zentrale Herausforderung der Vermögensverwaltung liegt aktuell nicht in der Suche nach dem nächsten Renditetreiber, sondern im Umgang mit Komplexität. Orientierung zu geben, Risiken einzuordnen und Strategien verständlich zu vermitteln, wird zunehmend anspruchsvoller, gerade in Märkten, die sich immer weniger an historischen Mustern orientieren.
Über den Trendmonitor Vermögensverwaltung
Der Trendmonitor Vermögensverwaltung (TMVV) wird jährlich vom Institut für Vermögensaufbau (IVA) in Kooperation mit QPLIX veröffentlicht. Ziel ist es, die Entwicklung professioneller Anlegerportfolios in Deutschland transparent zu machen und die strategischen Anpassungen im Wealth Management empirisch zu erfassen.
Die vollständige Studie steht unter folgendem Link zum Download bereit: TMVV 2025