Robeco: Indices Insights – Erfasst das Climate Beta das klimabezogene Risiko?

Unsere Kennzahl Climate Beta quantifiziert, wie sensibel eine Aktie im Hinblick auf den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft ist. Wir zeigen, dass sich anhand dieser Kennzahl Unternehmen, die anfällig hinsichtlich der Übergangsrisiken sind, und solche, die von einem Übergang zu netto null CO2-Emissionen profitieren dürften, klar unterscheiden lassen.

14.09.2022 | 09:25 Uhr

In aller Kürze

  • Das Climate Beta misst, wie sensibel eine Aktie gegenüber dem Klimarisiko ist
  • Die Kennzahl ermöglicht die Unterscheidung von Climate Leaders und Climate Laggards
  • Im Unterschied zum CO2-Fußabdruck erfasst sie andere Dimensionen des Klimarisikos

Im letzten Artikel aus der Serie „Indices Insights“1 erläuterten wir zunächst, weshalb man anhand gängiger CO2-Emissionsdaten weniger effektiv zwischen „Climate Leaders“ und „Climate Laggards“ unterscheiden kann. Anschließend legten wir den Fokus auf ein „Polluting-minus-Clean“ (PMC)-Portfolio mit Long/Short-Ansatz, das die Renditedifferenz zwischen umweltschädlichen und sauberen Unternehmen abbildet. Außerdem zeigten wir, dass sich das PMC-Portfolio in Monaten mit erhöhten Klimasorgen unterdurchschnittlich entwickelt und umgekehrt.

Im vorliegenden Artikel bauen wir auf den bisherigen Erkenntnissen auf und führen unsere Kennzahl Climate Beta ein. Sie misst die Sensibilität einer einzelnen Aktie gegenüber dem PMC-Portfolio.2 Konkreter betrachtet entwickeln sich Titel mit hohem Climate Beta tendenziell gut, wenn das PMC-Portfolio einen positiven Ertrag aufweist, während typischerweise das Gegenteil der Fall bei Titeln mit niedrigem Climate Beta ist.

Infolgedessen gehen wir davon aus, dass Aktien mit hohem Climate Beta negativ von einer strikteren Klimapolitik, dem Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft sowie Innovationen in umweltfreundlichen Technologien betroffen sind. Andererseits erwarten wir, dass Titel mit niedrigen Climate Betas von einem Übergang zu netto null CO2-Emissionen profitieren. Allgemein sind wir der Ansicht, dass das Climate Beta eine andere Dimension von klimabezogenen Risiken erfasst als Daten zu den CO2-Emissionen oder der CO2-Fußabdruck.

Beispielsweise beinhaltet das Climate Beta ein in die Zukunft gerichtetes Element, da es Markterwartungen berücksichtigt. Dagegen basieren Angaben zu CO2-Emissionen auf Daten der Vergangenheit oder bestenfalls der Gegenwart. Da das Climate Beta anhand von Renditen geschätzt wird, kann es wichtige Faktoren erfassen wie beispielsweise das Geschäftsmodell eines Unternehmens (bzw. Änderungen daran), dessen Zugang zu umweltfreundlicher Technologie und Innovation, Wettbewerbssituation und finanzielle Solidität.

Während Daten zu CO2-Emissionen zum Herausfiltern von umweltschädlichen Unternehmen verwendet werden können, eignen sie sich nicht zur Identifikation von Firmen, die vom Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft profitieren könnten oder die eine Verringerung ihrer Emissionen angekündigt haben. Dagegen kann man anhand des Climate Beta zwischen Unternehmen unterscheiden, welche anfällig hinsichtlich des Übergangs sind bzw. die davon profitieren sollten.

Das Climate Beta kann Einsichten über den CO₂-Fußabdruck hinaus vermitteln

UVeranschaulichen können wir dies anhand eines hypothetischen Vergleichs eines Unternehmens, das Solarpaneele produziert, und eines Herstellers von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Die Produktionsprozesse beider Firmen verursachen relativ hohe CO2-Emissionen. Für die Zwecke unserer Argumentation nehmen wir an, dass beide Aktivitäten mit demselben CO2-Fußabdruck einhergehen.

Wird nun eine CO2-Steuer erhoben, führt diese wahrscheinlich zu höheren Preisen bei fossilen Brennstoffen und sinkender Nachfrage nach Autos mit Verbrennungsmotor. Für den Fahrzeughersteller ergibt sich daraus ein negativer Ertrag. Auf der anderen Seite dürfte die CO2-Steuer zu höheren Strompreisen führen. Dies wiederum wird wahrscheinlich die Nachfrage nach Solarstrom steigen lassen und damit dem Produzenten der Solarpaneele und seinem Aktienkurs zugutekommen.

Ebenso würden wir bei Einführung einer CO2-Steuer einen negativen Ertrag des PMC-Portfolios erwarten, da sich dieses typischerweise in einem Umfeld mit erhöhten Klimabedenken unterdurchschnittlich entwickelt. Auf Basis dieser Dynamik würden wir für den Autohersteller ein relativ hohes Climate Beta und für den Produzenten der Solarpaneele ein relativ niedriges erwarten.

Das Climate Beta eignet sich zur Einschätzung des Übergangsrisikos

Um zu ermitteln, ob das Climate Beta eine andere Dimension des klimabezogenen Risikos erfasst als Daten zum CO2-Fußabdruck und ob es das Übergangsrisiko erfasst, haben wir die Positionen von ETFs mit Ausrichtung auf den Bereich Erneuerbare Energien bzw. den Ölsektor analysiert. Konkret ermittelten wir die geschätzten Climate Betas und den gewichteten Durchschnitt der CO2-Fußabdrücke von Portfolios mit Fokus auf „sauberer“ Energie bzw. „umweltschädlichen“ Ölunternehmen.

Grafik 1 zeigt die CO2-Fußabdrücke (braune Säulen) gegenüber dem Index für den breiten Markt sowie die Climate Betas (blaue Säulen) einiger der größten ETFs mit Fokus auf erneuerbare Energien.3 Interessanterweise weisen alle Portfolios mit Ausrichtung auf das Thema Erneuerbare Energien höhere CO2-Fußabdrücke auf als der Marktdurchschnitt – trotz ihres Fokus auf umweltfreundliche Energieerzeugung.

Dagegen sind jedoch ihre Climate Betas negativ. Dies impliziert, dass sie tendenziell positive Erträge abwerfen würden, wenn sich das PMC-Portfolio negativ entwickelt, und umgekehrt. Anders ausgedrückt weisen diese ETFs ein relativ niedriges Risiko im Hinblick auf die Klimawende auf.4 Von daher muss ein hoher CO2-Fußabdruck nicht zwangsläufig ein hohes Übergangsrisiko bedeuten.

Grafik 1 | ETFs mit Fokus auf erneuerbare Energien weisen hohe CO2-Fußabdrücke, aber negative Climate Betas („Climate Leaders“) auf

Quelle: Robeco, TruCost, FactSet, Morningstar. Die Analyse wurde anhand von Daten von Ende Juli 2022 durchgeführt.

Ebenso haben wir festgestellt, dass alle ETFs mit Ausrichtung auf den Ölsektor wesentlich höhere CO2-Fußabdrücke als der Markt aufweisen (siehe Grafik 2). Allerdings sind ihre Climate Betas ausnahmslos positiv. Deshalb würden wir davon ausgehen, dass sich ihre Erträge in dieselbe Richtung wie diejenigen des PMC-Portfolios entwickeln – sie weisen also ein hohes Übergangsrisiko auf.

Grafik 2 | Öl-ETFs haben große CO2-Fußabdrücke und positive Climate Betas („Climate Laggards“)

Quelle: Robeco, TruCost, FactSet, Morningstar. Die Analyse wurde anhand von Daten von Ende Juli 2022 durchgeführt.

Dieses Ergebnis zeigt, dass das Climate Beta andere Informationen zum klimabezogenen Risiko erfasst als Daten zum CO2-Fußabdruck, beispielsweise das Übergangsrisiko. Somit eignet es sich besser zur Unterscheidung von Climate Leaders und Climate Laggards. Anders ausgedrückt würde ein gängiger Ansatz für CO2-arme Anlagen Investitionen in Unternehmen für erneuerbare Energien mit hohem CO2-Fußabdruck meiden, obwohl diese Unternehmen für den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft als wichtig gelten.

Daten und Methodik

Unsere Auswahl von ETFs für den Bereich Erneuerbare Energien basiert auf einer Kombination der „Renewable Energy“-ETFs von etf.com und „Clean Energy“-ETFs von etfdb.com. Diese umfassen weltweit oder in den USA börsennotierte Aktien von Unternehmen, die an der Produktion sauberer Energie (wie Biokraftstoffe, Solar- und Windenergie oder andere erneuerbare Energiequellen) beteiligt sind oder damit verbundenen Aktivitäten (wie Batterien und intelligente Netze oder Unternehmen, die „grüne“ Projekte finanzieren) verfolgen. Unsere finale Auswahl von Portfolios für den Bereich Erneuerbare Energien besteht aus den fünf größten ETFs (nach verwaltetem Vermögen), für die uns eine Datenabdeckung von mindestens 60 % der Positionen vorliegt.

In Bezug auf ETFs mit Fokus auf den Ölsektor basiert unsere Auswahl aus einer Kombination aus „Öl“-ETFs von etf.com und „Öl- und Gas-Exploration/Produktion“-ETFs von etfdb.com. Sie ermöglichen ein Engagement in den Subsektoren Exploration und Produktion und umfassen viele der größten Ölproduzenten. Ähnlich wie bei unserem Ansatz in Bezug auf Erneuerbare Energien-ETFs umfasst unsere finale Auswahl von Portfolios für den Ölsektor die fünf größten ETFs (nach verwaltetem Vermögen), für die uns eine Datenabdeckung von mindestens 60 % der Positionen vorliegt.

Quelle der Daten für die ETF-Position: Morningstar, Stand: 31. Juli 2022. Die Positionen im breiten Marktindex basieren auf dem MSCI World Index (Quelle: FactSet). Wir ermitteln die CO2-Fußabdrücke und Climate Betas für jeden der zehn ETFs und für den Marktindex. Wir definieren den CO2-Fußabdruck eines Portfolios als gewichteten Durchschnitt der CO2-Fußabdrücke gemessen anhand der Scope 1- und Scope 2-Emissionen (Quelle: TruCost) dividiert durch den Unternehmenswert inklusive Liquidität (EVIC) relativ zum Marktindex. Für das Climate Beta verwenden wir die historischen Betas der letzten 36 Monate, indem wir eine Regression der Aktienerträge in Bezug auf den Robeco Developed Climate Risk L/S Factor Index vornehmen.5

Fazit

Auf Grundlage unserer Analysen kommen wir zu dem Schluss, dass die Kennzahl Climate Beta im Vergleich zu Daten zum CO2-Fußabdruck zusätzliche Informationen zum klimabezogene Risiko liefert. Beispielsweise lässt sich zeigen, dass die CO2-Fußabdrücke von ETFs mit Ausrichtung auf Erneuerbare Energien bzw. auf den Ölsektor beide relativ hoch sind. Allerdings unterscheiden sich bei Portfolios, die gegenüber dem Übergangsrisiko anfällig sind, und solchen, die von einem Übergang zu netto null CO2-Emissionen profitieren dürften, die Climate Betas deutlich.

Die Indices Insights-Serie liefert neue Einblicke zum Thema Index-Investments, insbesondere zu den Aspekten Sustainable Investing, Factor Investing und/oder Thematic Investing. Verfasst werden die Artikel vom Sustainable Index Solutions-Team, häufig in enger Zusammenarbeit mit einem Spezialisten von Robeco für das jeweilige Thema. Das Team verfügt über eine enorme Erfahrung in den Bereichen Research und Portfoliomanagement. Seit 2015 hat es Nachhaltigkeit-, Faktor- und Themen-Indizes für eine Vielzahl von Kunden entwickelt: Staatsfonds, Pensionsfonds, Versicherer, globale Anlageberater, Assetmanager und private Banken. Das Team kann auch auf kundenspezifische Bedürfnisse zugeschnittene Nachhaltigkeit-Indizes erstellen. Weitere Informationen finden Sie auf unserer Website Sustainable Index Solutions (robeco.com).

1 J. Huij, S. Lansdorp, L. Peppelenbos und T. Markwat, „Can carbon emissions data identify leaders and laggards“, Artikel von Robeco, Juni 2022; und J. Huij, S. Lansdorp, L. Peppelenbos und T. Markwat, „Do investors act on shifts in climate change“, Artikel von Robeco, August 2022.
2 Das Climate Beta ist vom Ansatz her vergleichbar mit dem Carbon Beta aus einem Papier von J. Huij, D. Laurs, P.A. Stork und R.C.J. Zwinkels, „Carbon beta: A market-based measure of climate risk“, SSRN Working Paper, November 2021. In diesem Beitrag wird das Carbon Beta auf Grundlage eines Portfolios geschätzt, das eine Long-Position in Aktien von Unternehmen mit hohen CO2-Emissionen und eine Short-Position in Firmen mit niedrigen CO2-Emissionen aufweist. Das Climate Beta dagegen wird anhand eines Portfolios ermittelt, das eine Long-Position in Titeln mit negativen klimabezogenen SDG-Scores und eine Short-Position in solchen mit positiven klimabezogenen SDG-Scores beinhaltet.
3 Somit bedeutet ein CO2-Fußabdruck von 100 %, dass der CO2-Fußabdruck eines ETF zweimal so hoch ist wie der des Index für den breiten Markt. Zu beachten ist, dass das Climate Beta des Marktindex null beträgt.
4 Zu beachten ist, dass wir das Konzept möglicherweise zu vereinfacht darstellen. Der Übergang erfolgt per se nicht linear und die Märkte können (zeitweise) auch gegen erneuerbare Energien arbeiten.
5 Siehe: www.spglobal.com/spdji/en/custom-index-calculations/robeco-indices-bv/all/#overview

Die Informationen auf der nachfolgenden Website der Robeco Deutschland, Zweigniederlassung der Robeco Institutional Asset Management B.V., richten sich ausschließlich an professionelle Kunden im Sinne von § 31a Abs. 2 Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) wie beispielsweise Versicherungen, Banken und Sparkassen. Die auf dieser Website dargestellten Informationen sind NICHT für Privatanleger bestimmt und entsprechen nicht den für Privatanleger maßgeblichen gesetzlichen Bestimmungen.

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