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Fonds im Fokus

17.02.2017 | 10:39

Schroders: Wie wird Trump regieren?

David Docherty, Fondsmanager für Britische Aktien, hat vor kurzem die USA besucht. Im ersten Teil seiner Analyse geht er darauf ein, wie Trumps Regierungsweise aussehen könnte und welche Rahmenbedingungen seinen Handlungsspielraum dabei möglicherweise beschränken werden.

Auf einen Blick

Präsident Trump wird als geschäftsorientierter „CEO-Präsident“ regieren, was die Vorhersehbarkeit verringert und die idiosynkratischen Risiken für Anleger erhöht.

Er ist bei der Umsetzung seines Legislativprogramms nicht immun gegenüber normalen Zwängen in Form von Kongressabstimmungen sowie zeitlichen und finanziellen Beschränkungen.

Änderungen der Markterwartungen in Bezug auf die Gesetzgebung könnten aktiven Anlegern Möglichkeiten zur Nutzung von fehlbewerteten Anlagechancen eröffnen.

Der allgemeine Rahmen

Vor der Präsidentschaftswahl herrschte die landläufige Meinung vor, dass ein Sieg Donald Trumps ungünstig für die Aktienmärkte sein würde. Stattdessen verwandelte sich der erwartete „Trump Dump“ in einen „Trump Bump“: Die Märkte reagierten spontan und preisten die Gewinner und Verlierer der neuen Regierung ein.

Unlängst hat die auf die Wahl folgende Rallye an den Aktienmärkten etwas nachgelassen, da die Anleger sich eingehender damit befassen, was die Präsidentschaft von Trump im Einzelnen bedeutet.

Um diese Frage zu klären, werden wir versuchen, Donald Trump als Präsidenten zu definieren und die Einschränkungen zu skizzieren, denen er in seinen Handlungen unterworfen ist. Wir werden daraufhin (im zweiten, dritten und vierten Teil dieses Briefes) die Auswirkungen seiner politischen Maßnahmen in den Bereichen Deregulierung, Steuern, Gesundheitswesen, Finanzdienstleistungen, Energie, Infrastruktur, Verteidigung, Handel, Handwerk und Gewerbe auf die Märkte beleuchten.

Versuch einer Definition von @POTUS – ein geschäftsorientierter „CEO-Präsident“

Nachdem Donald Trump auf Twitter seinen Account @realDonaldTrump gegen @POTUS eingetauscht hat, bleibt die Herausforderung bestehen, wie sich der echte Donald Trump im Rahmen des Versuchs einer Vorhersage seiner politischen Maßnahmen und deren Auswirkungen auf die Märkte definieren lässt.

Oft heißt es, dass sich in der Politik alles um die Auswahl der richtigen Mitarbeiter dreht, doch Trump sendet diesbezüglich widersprüchliche Botschaften. Ihm scheint ein reaganesker Glaube an die Deregulierung, Steuersenkungen und die staatliche Effizienz zu eigen zu sein, aber auch die Begeisterung eines New Deal bei Infrastrukturprojekten, ein Engagement für soziale Sicherheit und die Rechte von Arbeitnehmern à la Lyndon B. Johnson sowie die Bereitschaft eines Teddy Roosevelts, die Crème de la Crème des Großkapitals öffentlich unter Druck zu setzen.

PayPal-Gründer Peter Thiel hat ursprünglich im The Atlantic die Feststellung bekannt gemacht, dass Trump-Unterstützer ihn „ernst, aber nicht beim Wort“ genommen haben. Und bei den Medien war das ganze Gegenteil der Fall. Dies ist die Dichotomie, mit der Anleger bei der Suche nach weiteren Anhaltspunkten in der näheren Umgebung des Präsidenten konfrontiert werden.

In der Tat werden seine Berater ihm ein breites Spektrum an Meinungen unterbreiten, und er wird gleichermaßen bei Familienmitgliedern, aufwieglerischen Ideologen, ehemaligen Goldman-Sachs-Banker und konservativen Establishment-Anhängern Rat suchen.

Auch im Kongress gibt es zahlreiche Akteure, deren Gedankengut mit in die Gleichung einfließen könnte. Die Entwürfe des Sprechers des Repräsentantenhauses Paul Ryan für das Steuer- und das Gesundheitswesen sind in dieser Hinsicht besonders relevant. Angesichts der Tatsache, dass Trump alles andere ist als ein traditioneller Republikaner, könnte es durchaus zu Allianzen mit Demokraten und Zwietracht mit Mitgliedern seiner eigenen Partei kommen.

Darüber hinaus muss daran erinnert werden, dass die Gouverneure der Bundesstaaten eine Rolle in vielen Tätigkeitsbereichen der Bundesregierung spielen und dass auch diese Beziehungen von Bedeutung sein werden.

Trotz all dieser gegenläufigen Strömungen lässt sich Präsident Trump am besten als CEO mit einem geschäftsorientierten Modus Operandi in Bezug auf steuerliche und wirtschaftliche Fragen charakterisieren. Dieser Ansatz wird durch die Besprechungen versinnbildlicht, die er an seinem ersten Montag im Amt mit führenden Vertretern der Industrie und der Gewerkschaften führte.

Er verwies auf „die Notwendigkeit, etwas Geschäftssinn ins Weiße Haus Einzug halten zu lassen“, und versprach in seiner Antrittsrede, „zu tun, was zu tun ist“, wobei er verkündete: „Die Zeit für leere Worte ist vorbei. Nun kommt die Stunde des Handelns.“

Dies spiegelt sich auch in der Zusammenstellung seines Kabinetts aus Kandidaten aus dem „militärisch-industriellen Komplex“ wider, die symptomatisch ist für das Bedürfnis, „Dinge anzupacken“, und nicht unbedingt als Manifestation des „unvertretbaren Einflusses“ zu betrachten ist, vor dem Präsident Eisenhower warnte, als er den Begriff im Jahr 1961 prägte.

Diese geistige Einstellung eines CEO lässt sich an seiner Ernennung des Haushaltsfalken Mick Mulvaney zum Leiter des Office of Management and Budget erkennen, einem ehemaligen Kongressabgeordneten und Gründungsmitglied des so genannten „Freedom Caucus“, einer Gruppe von erzkonservativen Tea-Party-Aktivisten.[1] Ebenso deutlich zeigt sie sich auch in Berichten, dass das Übergangsteam von Trump eine Senkung der Ausgaben des Bundes um 10,5 Billionen US-Dollar über einen Zeitraum von 10 Jahren plant.

Auf dieser Grundlage heißt es für Zulieferer der Regierung wie die Rüstungsindustrie und Unternehmen aus dem Bereich des Gesundheitswesens, den Kürzungsstift anzusetzen.

Für den breiteren Markt ist eine Präsidentschaft im Stil eines CEO vorteilhaft, sofern dadurch z. B. eine effizientere Regierungsführung gefördert wird. Sie ist jedoch den Marktbewertungen nicht dienlich, wenn Unternehmen unwirtschaftliche geschäftliche Entscheidungen treffen, weil sie Angst vor den negativen Auswirkungen auf die Geschäfts- und Kursentwicklung haben, wenn sie nicht im Einklang mit den @POTUS-Tweets agieren.

Das Spiel mit den Zahlen – Einschränkungen durch Abstimmungen, zeitliche und finanzielle Beschränkungen

Präsident Lyndon Johnson war der Überzeugung, dass die wichtigste Fähigkeit in der Politik das Rechnen ist, und Historiker schreiben seine zahlreichen legislativen Erfolge diesem einzigartigen Talent zu. Präsident Trump wird dies ebenfalls schnell erkennen, wenn er die Anzahl der Stimmen ermittelt und kalkuliert, die er im Kongress zur Unterstützung seiner Vorlagen und Entwürfe benötigt. Gleichzeitig muss er aber auch deren Auswirkungen auf den Haushalt berechnen und die erforderliche Zeit für ihre legislative Umsetzung in Zahlen fassen.

Wenn 42 die „Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ in Per Anhalter durch die Galaxis ist, so ist die Bedeutung der Zahl 51 im US-Senat nur geringfügig kleiner. Dies ist die Anzahl der Stimmen, die erforderlich ist, um zwei oberste Prioritäten von Trump, die Steuerreform und die Aufhebung des Affordable Healthcare Act über die erschwingliche Gesundheitsversorgung (auch bekannt als „Obamacare“), durch den Kongress zu bringen.

Ein Grund hierfür ist, dass beide Initiativen als Teil des Haushaltsausgleichsprozesses betrachtet werden dürften und 51 Stimmen (eine einfache Mehrheit aus den Stimmen der 100 US-Senatoren oder 50 Stimmen plus die ausschlaggebende Stimme von Vizepräsident Mike Pence) hierbei ausreichen.

Dadurch wird vermieden, dass die standardmäßige, gegen Filibuster-Taktiken resistente Mindestanzahl von mindestens 60 Stimmen erreicht werden muss. Ein Kuhhandel wird in puncto Steuerreform in beiden Kammern des Kongresses auch weiterhin erforderlich sein, wenn konkurrierende Lösungen inmitten einer Kakophonie von Wortmeldungen der verschiedenen Lobbyisten debattiert werden.

Einerseits wir die Republikanische Partei möglicherweise die Unterstützung von einigen der 10 demokratischen Senatoren für sich gewinnen, deren Wiederwahl im nächsten Jahr in den Bundesstaaten ansteht, in denen Trump im vergangenen November als Sieger hervorging. Auf der anderen Seite kann seitens der Fraktionsvorsitzenden [2] nicht automatisch mit den Steuerfalken unter den republikanischen Abgeordneten gerechnet werden, vor allem im Senat, wo diese über eine kleine Mehrheit von 52 zu 48 gegenüber den Demokraten verfügen.

Was die heikle Frage einer etwaigen Ersetzung von Obamacare angeht, so gilt die 60-Stimmen-Regel, und, wie wir später noch sehen werden, wird dies eine rege Diskussion über Fragen bezüglich der Kosten und des Umfangs des Versicherungsschutzes nach sich ziehen.

Im Hinblick auf die budgetären Auswirkungen dieser politischen Maßnahmen wird der Ausgleichsprozess ein Nachspiel haben, da dieser erfordert, dass die Maßnahmen haushaltsneutral sind. Dies wird eine intensive Debatte auslösen.

Ein republikanischer Gegner von Obamacare, Senator Paul Rand aus Kentucky, sieht mittlerweile bereits mit Bangen dessen Aufhebung entgegen. Dies beruht auf seinen Bedenken hinsichtlich der mit der Implementierung von gesundheitpolitischen Nachfolgeregelungen verbundenen zusätzlichen Kosten.

Die Anwendung des „dynamischen Scorings“ im Rahmen der Steuerreform durch das Congressional Budget Office wird ebenfalls für Kontroversen sorgen. Zu bedenken ist nämlich die Subjektivität, die diesem Berechnungsverfahren der Auswirkungen einer Steuersenkung auf der Grundlage von Schätzungen ihrer Folgen für das längerfristige Wirtschaftswachstums innewohnt.

Allgemeiner ausgedrückt schränken Trumps dauerhaftes Versprechen, die Sozialversicherungsansprüche zu sichern, und seine jüngsten Zusage einer allgemeinen Krankenversicherung seine haushaltspolitische Flexibilität erheblich ein.

Eine weitere Einschränkung für die Trump-Regierung beruht auf dem „Rad der Zeit“, da Parlamentsverfahren und Taktiken der Opposition die legislativen Fortschritte beträchtlich verzögern können. In der Tat erscheint die Vorstellung, dass Obamacare „aufgehoben und ersetzt“ werden kann, angesichts der Komplexität der Entwicklung eines funktionierenden Ersatzmodells, das einen kontinuierlichen Versicherungsschutz auf kostengünstige Weise gewährleistet, darüber hinaus absonderlich.

Vor dem Hintergrund der anstehenden Rangeleien rund um die Ernennung eines neuen Richters für das Oberste Gericht und der andauernden Feindseligkeiten in Bezug auf russische Hacker-Angriffe und andere Themen könnten schon früh in der Präsidentschaft von Trump wertvolles politisches Kapital und Zeit verloren gehen.

Diese realen Gegebenheiten bei der Sammlung von Stimmen, beim Bilanzausgleich und bei der legislativen Priorisierung werden zwangsläufig zu einem bestimmten Zeitpunkt zu Änderungen in Bezug auf die tief in den Märkten verwurzelten Erwartungen führen. Dies sollte aktiven Anlegern ausgezeichnete Möglichkeiten zur Nutzung von fehlbewerteten Anlagechancen bei betroffenen Aktien eröffnen.

Der Beitrag wurde am 14. Februar 2017 auf Schroders.com veröffentlicht.

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[1] Beim „Freedom Caucus“ handelt es sich um einen Zusammenschluss von konservativen republikanischen Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus.

[2] Die Fraktionsvorsitzenden der Parteien schätzen ein, wie groß die Unterstützung für eine bestimmte Gesetzgebung unter den Mitgliedern ihrer Partei im Kongress ist. Sie überzeugen zudem Mitglieder davon, sich bei der Abstimmung der Entscheidung ihrer Parteiführung anzuschließen.